Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung – Vorsynode

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Vorsynode

Es war am 17. Juni 1869, ein halbes Jahr vor der Eröffnung des Vatikanums, als von den in Berlin versammelten Mitgliedern des Zollparlaments zeiundzwanzig „katholiche Notabilitäte“ zu einem Laienconcil zusammentraten. Die Vereinigung fand nach persönlicher Rücksprache ohne schriftliche Ladung in der Kurstraße, im Saale des rothen Adlers statt. Gleich nach meiner Ankunft in Preußens Hauptstadt am 2. Juni besuchte mich Ministerialdirektor von Kretzig und theilte mir sein Bedenken mit, daß Fürst von Hohenlohe an alle Höfe durch Circular die Einladung erlassen habe, gegen eventuelle Beschlüsse des vom Papste nach Rom berufenen Concils Vorkehr zu treffen und sofort Verwahrung einzulegen. Wer hielt diesen Erlaß nicht verfrüht, da wir hofften uns auf unsere Bishöfe verlassen zu können, und die Erledigung durch die kirchlichen Behörden vorzuziehen war!

Anwesend im Privatconcil waren Obertribunalrath Peter Reichensperger, der mit dem römischen Staatssekretär Cardinal Antonelli gegen das Vorhaben Roms bereits seine warnende Stimme erhoben hatte, und sofort den Vorsitz übernahm. An der langen Tafel faßten die Minister von Windthorst aus Hannover und von Mittnacht as Würtemberg, Geheimrath von Savigny, Preußens Gesandter bei der Auflösung des Bundestages, Graf Hompesch, Rath Hosius aus der Familie des berühmten Cardinals, Justiziar Probst, dem die Redaktion der zu fassenden Beschlüsse anvertraut wurde, Oberhofgerichtsrath Roßhirt aus Mannheim, Verfasser des badischen Concordats, Jörg als Redakteur der historisch politischen Blätter, dann meine Wenigkeit, der Laientheolog und langjährige wissenchaftliche Vorkämpfer gegen Dr. David Struß und Renan, Prof. jur. Dr. Gißler von Breslau, Vertrauensmann des Fürstbischofs, Privatdocent Dr. Bißing von Heidelberg, Führer der katholischen Volkspartei in Baden und Redakteur des Badischen Beobachters, und Andere, die nicht das Wort ergriffen. Auf der Tagesordnung stund der Antrag auf eine Adresse an Deutschlands Bischöfe in Sache der ausgeschriebenen ökumenischen Kirchenversammlung, nachdem eine solche speciell von Coblenz an Bischof Eberhard von Trier abgegangen war, unter höflicher Verwahrung gegen neue Dogmen, wie die Infallibilitöt des Papstes, die leibliche Himmelfahrt von Madonna, oder wieder eigenmächtige Statuen, über das Verhältnis von Kirche und Staat, die Trennung der katholisch theologischen Fakultäten von den Hochschulen etc. Unsere Annahmen sollen nicht zur Belehrung der Bischöfe, sondern einfach zur Ueberzeugung dienen, daß sich bei ihnen in Rom abzugebenden Proteste das katholische Deutschland um sie schaaren werde.

Es kam mit dabei, wie mein Tagebuch unter Klammern enthält, als Geheimnis zu Ohren, daß der Herr Fürstbischof von Breslau, wie der Hochwürdigste von Trier, auf diese Vorversammlung streng katholisch gesinnter Parlamentsmitglieder ein großes Gewicht legten, sich darauf zu stützen gedächten. Nur die badischen Abgeordneten fürchteten bei den dortigen, eigenthümlichen Staatsverhältnissen eine Schwächung der kirchlichen Autorität. Reichensperger und Probst mahnten zu raschen Vorgehen, ohne erst lange bei allen Bischöfen Umfrage zu halten. Für den Erlaß einer ehrfurchtsvollen Adresse an die deutschen Concilsväter erhoben sich siebzehn Mitglieder, für vorläufige Anfrage hatten vierzehn gestimmt. Der Eindruck unserer deutschen Erklärung werde ein wichtiger sein, so hieß es; ich hoffte, sie werde auf die romanischen Enthusiasten jedenfalls kalmirend wirken, „noch habe die Hydra nicht viele Köpfe“. Die Sitzung ging erst um Mitternacht zu Ende.

Die gefaßten Beschlüße wurden später lithographisch vervielfältigt und unter die Mitglieder vertheilt, welche es übernahmen, dieselben einzeln den Hochwürdigen Bischöfen, vor ihrer Abreise nach Rom zu überreichen, und sie noch persönlich der nachdrücklichen Unterstützung von uns Laien zu vergewißern. Die Adresse sollte auch in dem angesehensten politischen Organ des katholischen Deutschlands zur Veröffentlichung gelangen, was die Redaktion auffallend unterließ – aus Politik der freien Hand!

Als König Wilhelm am 22. Juni Nachmittags im weißen Saale die Sitzungen des dießjährigen Zollparlaments schloß und anerkennend hervorhob, was wir Alles „genehmigt“, richtete der bayerische Ministerpräsident vorübergehend an mich die Frage, ob ich direkt heimkehren würde? Ich erklärte, den Weg nach Dresden und Prag nehmen zu wollen. „Dann werden Sie auch Prof. Schulte sehen?“ – Wahrscheinlich! – Das Jahr darnach kehrte ich sogar erst nach einer Umreise bis Danzig und Braunsberg, Posen und Prag nach München in die Kammer zurück.

Nachdem ich, in Prag angelangt, dem Herrn Cardinal Fürsten Schwarzenberg die Resolutionen unseres kirchenpolitischen Vorparlaments zu überreichen die Ehre hatte, erwiderte Seine Eminenz nach langsamer Lesung und nachdenklicher Ueberlegung: „Das ist viel zu schwach, mit Rom muß man eine ganz andere Sprache führen!“ Ich entgegnete: wir hätten den Hochwürdigen Kirchenfürsten keine Direktiven zu ertheilen, je nachdrücklicher sie Interessen der Katholiken Deutschlands am Conzil verträten, um so freudiger werde die Zustimmung der Gläubigen sein. Der Hochwürdige Cardinal nahm übrigens mit vornehmer Verwunderung die beiläufigen Worte auf: Prag schließe in seinen Mauern den bedeutebdsten Kanonisten Deutschlands ein, von welchen auch der erste, „annehmbare“ Entwurf eines österreicherischen Concordates herrührte; gewiß würde derselbe freudig zu allen Vorlagen im Concil sich gebrauchen lassen. – „Sie haben den größten katholischen Theologen Deutschlands in München, lautete die Erwiederung; die Herren in Rom wollen aber von seiner Zuziehung nichts wissen.“ – Darauf kam die Sprache auf die im Werke begriffene Restauration der St. Veitskirche am Hradsschin, deren Chor jenem des Kölnerdomes nachgebildet erscheint, w.s.w. Wirklich ging Fürst Schwarzenberg Seine Heiligkeit, die nicht hören wollte, allein persönlich an, sich nicht dogmatisiren zu laßen, wie derselbe 1854 auch vor dem „Glaubenssatz“ der Immaculata gewarnt hatte.

Nicht lange darnach publizirte ich meine „Kirchlichen Reformentwürfe,“ eine ehrerbietige Vorlage an das vatikanische Concil (München 1870), und traf alle Anstalt diese Schrift den tonangebenden deutschen Kirchenfürsten von Wien, Prag, München u. A. unterbieten zu lassen. Aber die ganze Sendung, obwohl auf Privatwege veranstaltet, wurde in Rom unterschlagen, nicht Ein Exemplar gelangte an seine Adresse, es ist mir noch rätselhaft.

Seitdem sind ein paar Jahre verflossen und das Vatikanum nach früheren Begriffen von einer allgemeinen Kirchenversammlung – unverrichteter Dinge aus einander gegangen. Die Romanen haben mit wälscher Arglist für den lange verläugnetenm vorgefaßten Beschluß, wonach der heilige Vater, welcher seine Selbstständigkeit gegenüber einer dominirenden Partei erst beweisen müßte, als Doctor universalis ecclesiae proclamirt ward, eine künstliche Majorität erlangt, und die deutsch=ungarische, wie die französische Opposition erdrückt. Die Frage ist nunmehr an die weltlichen Parlamente gelangt, und Bayern, der deutsche Kirchenstaat, hat zuerst die Folgen einer solchen Zumuthung abgelehnt, den Reichstag und anderen Kammern zum Vorbild. Sind vielleicht einzelne seidem schwach und anderer Stimmung geworden, so will ich für die constante Ueberzeugung eintreten, im Hinblick auf das neue Testament, wo geschrieben steht: „Wer die Kircht nicht hört, der soll als Heide und Publikan gelten.“ Hört Der sie, welcher als Organ der göttlichen Offenbarung in Zukunft ex sese, non ex consensu ecclesiae Glaubenssatze aufstellen will? Oder seit wann vertritt ein einzelner Sterblicher die katholische Kirche? Wer kann und darf fortan gläubig annehmen, was nicht in Uebereinstimmung mit der bisherigen Kirche steht? Eine rücksichtslose und ausschließliche Autokratie über Glauben und Sitten könnte nur für Staat und Kirche verderblich werden. Der Papacäsarismus ist genau so verwerflich, wie der Cäsaropapismus. Wer für Mäßigung und heilsame Reform eintritt, widersagt damit der Revolition; hier kommt die Umwälzung aber von Oben. Die neue Lehre kehrt ihren Stachel gegen die Kirche!

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