Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 17: Das Vatikanum im Widerspruch mit den nationalen Vorbehalten und Fürstenconcordaten.

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 17: Das Vatikanum im Widerspruch mit den nationalen Vorbehalten und Fürstenconcordaten.

Wir fürchten, der gegenwärtige deutsche Episcopat habe den Rechtsstandpunkt verlassen, er adoptire das Princip päpstlicher Willkür, All seine Erlasse im Eifer für das wälsche Dogma sind in diesem Falle null. Wir haben altkirchliche Vereinbarungen mit der deutschen Nation, welche wir nicht aufgeben, und welche Rom ohne unsere Zustimmung nicht aufgeben kann. Sie tragen einen hochpolitischen juristischen Charakter und bieten einen festen Schild zur Abwehr der Infallibilitätsanmaßung im Vatikanum.

Kraft der Reformakte der allgemeinen Kirchenversammlung zu Konstanz war die Fortsetzung der Generalsynoden nach fünf, dann sieben und später zehm Jahren geboten, die päpstliche Pfründenverleihung beschränkt, oder der römischen Simonie, wie auch dem mißbräuchlichen Ablaßwesen eine Grenze gesetzt. In dem besonderen Concordate sicherte Martin V., dem das Concil die dreifache Krone aufgesetzt hatte, den Deutschen zu, bei den Cardinalswahlen mehr als früher auf ihre Landsleute Rücksicht zu nehmen, auch weniger in die Bischofswahlen sich zu mischen. Das nationale Abkommen war nach wohlüberdachten Verbandlungen mit dem römischen Stuhle getroffen und die Zustellung von Rom an den Kanzler und Primas des Reiches, den Erzbischof von Mainz am 3. Mai 1418 erfolgt.

Auf diese Weise ist durch Vereinigung von Concil und Papst, Kaiser und Reich unter gegenseitiger Bestätigung ein Fundamentalgesetz der Kirche in Deutschland hervorgegangen. Der Reichstag zu Mainz, eröffnet im März 1439, erhob die Beschlüsse von Konstanz zum Reichsgrundgesetz. 1446 kam der Kurfürstentag zu Frankfurt zu Stande, welcher am 21. März den Beschluß faßte: „Zum ersten, das Papst Eugenius die Dekret in dem Concilio zu Basel erneuert, inhaltende, die Gewaltsam der gemeinen Concilien erkennen und verjehen solle, von Worte zu Worte, als die Form, darüber begriffen, inheldet. – – Und so Papst Eugenius solches also gethan . . . . solt man ihn für ein Papst halten.

Aeneas Sylvius Piccolomini, der dem Basler Concil beigewohnt hatte, erst Sekretär des Gegenpapstes Felix V., dann des Kaisers Friedrich III., endlich Papst unter dem Namen Pius II., trug das Begehren der deutschen Nation in einer Rede vor Eugen IV. Punkt für Punkt vor: „Die deutschen Fürsten bieten den Frieden an, fordern aber auch Frieden. Das sind aber vier Haputpunkte. Der erste, daß ein allgemeines Concil berufen werde; der zweite, daß durch päpstliche Schreiben das Bekenntnis der Macht, Autorität und Präeminenz der allgemeinen Concilien, wie es die Legaten zu Frankfurt abgelegt, bestätigt werde. Die Fürsten sind ohne Argwohn gegen Deine Treue, aber Deine Legaten bedeuten zu Frankfurt einen gewissen verdächtigen Begriff über die Autorität der allgemeinen Concilien an, der dem Volke nicht zusagte. Dieser muß nun durch Dein Schreiben gänzlich getilgt werden.

Hierauf verstand sich Eugen IV. zu den „Fürstenconcordaten“ in drei Bullen vom 5. und einer vierten vom 7. Februar, worin er ohne Vorbehalt die Versammlung zu Konstanz mit dem entscheidenden Decrete Frequens und all den übrigen Beschlüssen zu den allgemeinen Concilien zählt, als Repräsentanz der streitenden katholischen Kirche anerkennt, u.z. mit den Worten des Frankfurter Fürstentages: potestatem, auctoriatem, honorem et eminentiam (conciliorum) intendimus, suscipimus, amplectimur et veneramur.

Von einer Bestätigung der IV. und V. Sitzung ist keine Rede, denn diese bedurfte zu ihrer Giltigkeit nicht erst der päpstlichen Sanktion. Damit hat die deutsche Nation ihre kirchliche Magna charta, haben wir Katholiken des Reiches unsere germanischen Freiheiten mit Rom zum Austrage gebracht.

Eugen IV. ward sofort als Papst anerkannt, und seine Nachfolger Nikolaus V., (der den Gegenpapst Felix V. als Ketzer verurtheilte) einer der einsichtsvollsten Päpste, deklarirte am 28. März 1447 mit apostolischer Autorität, also ex cathedra dieselben Beschlüsse für unverletztlich, und drohte den Widersachern mit dem Zorne des allmächtigen Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus – welchen somit die Infallibilisten auf sich laden.

Darauf hin faßte der Reichstag zu Aschaffenburg am 13. Juli 1447 den Beschluß, den Papst anzuerkennen. Und nun erfolgte noch durch Vereinbarung zwischen Kaiser Friedrich III. und den päpstlichen Legaten die Sicherstellung für alle Zukuft in dem Wiener Concordat. Die Advokaten der Curie versuchten zwar wiederholt die Rechtsverbindlichkeit der Concordate für Rom zu läugnen, so Eugen IV. in der Bewahrungsbulle (Salvatorium) vom 5. Februar 1447, oder sie nur gelten zu lassen temporum ratione habita, je nach Zeitumständen, soweit man eine Bestimmung des gegenseitigen Vertrags eben brauchen konnte. Daher die Beschwerden der deutschen Nation 1500 und 1510. Die sichere Einhaltung der Fürstenconcordate wurde selbst in die Wahlkapitulation Karls V. und seiner Nachfolger aufgenommen, Clemens VII. versprach neuerdings durch eine Bulle, sich daran zu halten, Julius III. bestätigte, Rom habe dieselben nicht derogirt, etwa wie die pragmatische Sanktion in Frankreich.*)

*) An ihre Stelle traten später die gallikanischen Freiheiten, und wir erfahren hier, wie es früher gemeint war. Das theologische Handbuch von Bailly, verbessert von Receveur II. Auflage 1849, erschienen in der päpstlichen druckerei enthäkt P. II, p. 416 nach dem IV. Artikel der Deklaration Bossuets den Lehrsatz: „Der römische Papst, auch wenn er ex chatedra lehrt, ist nicht unfehlbar in Sachen des Glaubens und seine Dekrete sind nicht unverbesserlich, wenn nicht die Zustimmung der Kirche hinzukömmt.“ So lehrte man in den Priesterseminaren. Auch kein Religionsbuch in englischer Zunge bietet den Glaubenssatz. Bekanntlich gaben die dortigen Bischöfe im offenen Parlamente feierlich das Wort, daß der Papst nicht für unfehlbar gelte, und erlangten so die Katholiken=Emancipation. Nachträglich erscheinen sie jetzt wie wortbrüchig; was kümmert sich jener Manning um diese Schande, welchen Rom allem Wiederspruche der Gläubigen zum Trotz als Nachfolger des großen Cardinals Wiseman auf den Stuhl zu Westminster erhob.

Erst bei der Erwählung Karls VII. suchte der Nuntius aus dem Kaiserlichen Gelöbnis die Worte: „mit der Churfürsten, Fürsten und Ständigen Rath“ zu streichen.

Die Capitulation Josephs II. von 1764 Art. 14. § 1 lautet: „Wir sollen und wollen auch bei dem heiligen Vater, dem Papst und Stuhl zu Rom Unser bestes Vermögen anwenden, daß von demselben die Concordata principium und die aufgerichteten Verträge allerdings beobachtet und dagegen in keiner Weise gehandelt werde. § 3. Und darob und daran sein, daß die vorgemeldete Concorda principium und aufgerichtete Verträge gehalten, gehandhabt und denselben vestiglich gelebt und nachgekommen werde.“

„Die Aufrechterhaltung dieser kirchlich deutschen Verfassung (Concord. nation. German.) ward demnach für den Papst, für die deutschen Bischöfe und katholischen Landesherren eine kirchliche – für die deutsche Nation und den römischen Hof eine völkerrechtliche – für die einzelnen Mitglieder des deutschen Reichs eine reichsgesetzmäßige – für den Kaiser und das gesammte Reich eine vertragsmäßige Verbindlichkeit, an welche der Papst, der Kaiser und die Fürsten jeder in seiner Art gebunden ist.“

Das deutsche Bundesstaatsrecht hat allerdings die Bestimmungen nicht ausdrücklich aufgenommen, sie bestehen aber moralisch fort, und sind nicht weniger mit der Nation als mit den Regierungen abgeschlossen. Zu Recht bestehen diese germanischen Freiheiten noch heute, erklärt der gelehrte Hübler*): „Die Frage nach der Cohärenz und Mitleidenschaft der Concordate mit den Wandlungen von Staat und Kirche muß in Beziehung auf die immanenten Grenzen der Rechte durchaus vereint werden.“ Mit anderen Worten: Ob die beiden Contrahenten sterben, ob das Wahlreich in Deutschland ein Erbreich folgt und die Dynastien wechseln, ob der Papst so oder anders gewählt wird und Concilien seine Macht erweitern oder einschränken, ist für den principiellen Rechtsbestand der deutschen Reichs= und Fürstenconcordate ohne Beland. Sie bilden einen Vertrag mit der deutschen Nation, der nur durch gegenseitige Uebereinkunft gelöst werden kann. Er ist nicht mit dem weltlichen Rom abgeschlossen, und bestand für das kirchliche Deutschland trotz der Trennung der Protestanten fort. Das katholische Kirchenhaupt nimmt dabei die Stellung einer völkerrechtlichen Macht ein.

*) Revision der Lehre von der rechtlichen Natur der Concordate S. 33. 65. Die Konstanzer Reformation und die Concordate von 1417 Lpz. 1877. S. 164 f. 218, 315 Friedrich. Das Päpstliche gewährleistete Recht, nicht an die Unfehlbarkeit zu glauben. München 1870 Vgl. den Artikel Concordate v. E. Herrmann im Deutschen Staatswörterbuche V, 709 f.

Nicht die kirchliche Rechtsordnung, wohl aber Rom ist zur Zeit antidiluvianisch geworden. Angesichts dieser Concordate wird die bischöfliche Verkündung eines nur zu problematischen Dogmas zur Unmöglichkeit. Wie Wasser das Feuer löscht, soll das Vatikanische Concil, das seines Gleichen in der Kirchengeschichte nicht hat, die festen Statzungen der Konstanzersynode austilgen, welche von 1414-1418 währte. Wir aber können nicht einerseits die Abhängigkeit des Papstes vom Concil, anderseits die selbsteigene dogmatische Unfehlbarkeit gelten lassen – das wäre widersinnig. So wenig als das Fait accompli des 2. Dezember von Dauer war, erkennt die Welt dem neuen absolutischen Glaubensartikel als Rechtsbasis der Kirche eine Zukunft zu. Wir begehren nach geistigem Leben, nicht nach theologischer Grabesruhe, wie Rom. Wir haben keine Lust, die Lieblingsaussprüche eines launischen Papstes als Zauberformeln hinzunehmen. Jahrhunderte lang verdammten die Päpste bei Ablegung ihres Glaubenseides ihren Vorgänger Honorius I. als Ketzer, bis Cardinal Bona 1661 den Passus aus dem Liber diurnus zu unterdrücken rieth. Vielleicht kömmt einst die Reihe an Nonopio und seine heillose Unfehlbarkeit.

Nachdem das Vatikanum vertagt ist, bedarf die Welt ein anderes Concil, das nicht wieder eine Tragikomödie mit unseren Bischöfen aufführt. Das Spiel ist nicht aus, weil der Vorhang gefallen, sondern das Stück geht erst an, nachdem das leichtsinnige Vorspiel an uns vorüber gegangen ist. Das Drama wird zu Ende kommen, die Fabel ist jetzt schon lehrreich. Das Volk füllt den Zuschauerraum. Nachdem man es lange genug über den wahren Sachverhalt getäuscht, werden ihm bald die Augen aufgehen, aber das Vertrauen in die geistlichen Führer dürfte für lange dahin sein. Wir alle leiden darunter, aber der Hauptheld des Trauerspiels büßt für eigene Verschuldung. Mit dem Jahre 1870 eröffnet sich für die Kirche ein neues Zeitalter vorerst des Kampfes, dann des unausbleiblichen Sieges. Während Rom die Deutschen kirchlich völlig unterdrücken, geistig knechten und rechtlos machen wollte, ergreifen wir die Gelegenheit, uns ebenbürtig und gleich zu stellen. Vieles was bisher gebunden war, wird nach Christi Vollmacht gelöst werden und nach höherer Fügung genau das Gegentheil von dem eintreten, was der Vatikan eitel ersonnen. Wir treten in die Weltbühne.

Die Weltgeschichte hat bereits die regelrecht berufene III. Synode von Syrmium 358, wie die Räubersynode zu Ephesus 449, die Doppelsynode von Seleucia und Rimini 359, wie die von Mailand 355 abgelehnt, sie wird auch das Vatikanische Altweiberconcil beseitigen. Immerhin warte man ab, bis zwei Augen sich schließen, dann aber wird sicher das unberechtigte Vatikanische Dekret zu den historischen – Akten gelegt werden.

Wir Deutsche, das erste Kulturvolk der Welt, lassen uns nue und nimmer durch die bildungslosen Wälschen unterjochen. Wälsche Arglist war durch’s Mittelalter sprichwörtlich – nunmehr wollten sie die Christenheit um die gesetzliche Vertretung bringen. Die Apostel mahnen die Gläubigen, in der Erkenntniß zu wachsen; jetzt sillen die Wohlthaten unserer Kirche von der Einsicht und Gnade eines Einzigen abhängig gemacht werden? Wir verzichten auf den neurömischen Elementarunterricht in der Religion. Die Kirche hat über 1800 Jahre ohne den Glauben an die päpstliche Unfehlbarkeit bestanden, sie wird ihn auch für die Folgezeit entbehren. Würde die Papststadt den Rang noch behaupten, den sie in Anspruch nimmt, die ausschließliche Lehrerin der Völker zu sein, dann würde nicht das kalvinische Rom die Genferconvention abgeschlossen haben. Wir wollen indeß das praktische Christenthum kultiviren. „Unter dem Einfluße der barmherzigen Schwestern und Brüder, der Diakonissen und anderer Orden verschwanden auf den jüngsten Schlachtfeldern die feindlichen Gegensätze der Nationalitäten wie der Religionen: sie waren beim Zuge durch das feindliche Land die wirksamsten Schutzgarden der Kranken. Wo sie wirkten, entstand mitten in der Verzweifelung und Zerstörung des Krieges eine Oase, in den Stürmen der Leidenschaft und des Hasses ein Asyl des Friedens und der Liebe.“ *)

*) So spricht Hofrath und Prof. Dr. Held als Delegirter der freiwilligen Krankenpflege bei dem II. bayer. Armeecorps.

(Gesetzliche Ordnung zum Frieden.)

Gleich unverträglich, wie mit den alten Friedensverträgen zwischen der Kirche und der deutschen Nation, ist das neue Glaubensariom mit den jüngeren Staatsverfassungen vor andern in Bayern, wo das Concordat zugleich mit dem Religionsedikt Staatsgrundgesetz geworden. Jede Juristenfakultät in Deutschland wird urtheilen wie die zu München, welche 1869 in einem ausfühlichen Gutachten an die Staatsregierung die päpstliche Machtansprache im Syllabus für unvereinbar mit jeder Staatsverfassung erklärte. Die Annahme des neuen Dogmas machen auch bei den gläubigsten Gemüthe Gründe des positiven Glaubens wie des positiven Rechtes und der Verfassungstreue uns unmöglich.

Wie gerecht ist wahrlich die Klage, daß mit Annahme der 80 Sätze des Syllabus ein modernes Staatswesen gar nicht bestehen kann. Enthält noch Thesis 77 die Zumuthung, „daß die katholische Religion aus die einzige Staatsreligion unter Ausschluß aller anderen Culte gehalten werde.“ – „Es entgeht niemand, daß es unmöglich ist, die staatliche Gesellschaft nach der Bulle Unam sanctam zu reformieren“, erklärte eine bischöfliche Deputation fast aus aller Herren Ländern vor dem heiliggen Stuhlem wenn auch ohne Erfolg.*) Gesteht sogar ein namenhafter Rechtslehrer uns den Historisch=politischen Blättern von Jörg 1871 (S. 405 f. 485), daß die Anhänger der unfehlbaren gebracht, und die logischen Conferenzen oder die praktische Durchführung der neuen Doktrin nicht ohne Gefahr sei – was soll man dem Staatsmanne verargen, wenn er bei Zeiten vorbeugen will!

*) Lord Acton Zur Geschichte des Vatikanischen Concils 47.

Dem Petrus ist nur versprochen, daß er von seinen Fehltritt sich wieder erheben soll; Christus hat für ihn und wohl auch für seine Nachfolger gebeten, daß sein Glauben nicht ganz aufhöre (deficiat). Daß er durch göttlichen Beistand mit Unfehlbarkeit ausgerüstet sei, wie das IV. Kapitel der I. Vatikanischen Constitution annimmt, davon weiß das Evangelium nichts. Welche Spiegelfechterei würde erfordert, später jedesmal auszumachen, ob ein päpstlicher Ausspruch ex cathedra sei und welche Tragweite er habe?

Ist es nicht eines gebildeten Menschen unwürdig, wenn die Civiltà wahren, d.h. blinden Gehorsam fordert und schreibt: „Aus Ehrfurcht vor dem heiligen Petrus sollte man – selbst wenn der heilige Stuhl ein kaum zu ertragendes Joch auflege, dieses mit frommer Ergebung tragen.“ Dieß ist pharisäisch gesprochen, denn Christus erklärt, sein Joch sei füß, seine Bürde leicht. Niemals hat uns solche Anwandlung von Geringschätzung der Menschheit ergriffen, als bei diesem Anlaß, wo die Menge sich von Glaubensschwindel betäuben und ins Bockshorn jagen läßt. Die Kirche heißt jetzt eine Säule und Grundveste der Wahrheit“ I. Tim. III, 15, aber nicht der vereinzelte Papst. Nur das Vernünftige gewinnt mit einer gewissen Nothwendigkeit in der Geschichte Bestand, der vernunftwidrige Eingriff in eine göttliche Fakultät kann unmögliche Geltung behalten.

Wie schließen, wie wir begonnen, mit einer erfüllten Prophezie, welche übrigens schon in Schriften von Breslau und Bonn bekannt sein dürfte – wir schöpfen die Mittheilung mittelbar aus dem Munde eines Cardinals. Gregor XIV. Capellari widersetzte sich lange dem Eintritt Mastai’s ins heilige Collegium, indem er als „Hohepriester jenes Jahres“ (Joh. XI, 51) ahnungsvoll den Ausspruch that: Wenn diese Partei an’s Ruder käme, würde sie nicht bloß den Kirchenstaat, sondern die Kirche selber in Gefahr bringen! – Er fürchtete dessen Liberalismus, die Geschichte aber notirt seine unglaublichen hierarchischen Uebertreibungen, Ruin der Staatsfinanzen wie der kirchlichen Politik.

Urtheilen wir indeß milder! Bonifaz VIII. erschien bei den Festlichkeiten des Jubiläums 1300 bald in Pontifical= bald im Kaiserornat mit der Devise: Ecce duo gladii. Dieß haben wir heute doch noch nicht erlebt. Wir wissen übrigens, welche Besorgnisse der gegenwärtige Lenker des französichen Staatswesens wiederholt kund gegeben, das heutige Rom sei geneigt, die Gesellschaft weniger zu retten, als unvorsichtig zu zerrütten.

Jüngst wollte Dupanloup in der französichen Deputirtenkammer mit ungebreiflicher Taktlosigkeit den Antrag auf zurückeroberung des Kirchenstaates verfechten, als Thiers ihm zuvorkam, um den politischen Skandal zu beschwören, so daß dem Bischof von Orleans nur die traurige Ehre blieb, die unmögliche Intervention mit der Niederlage der französischen Nation zu entschuldigen. Da erklärte der heilige Vater (April 1872), er wolle in keiner Wise die Ursache von Verlegenheiten für die französische Regierung und das Land werden. Daß der dem Titel noch Heilige übrigens eine Verlegenheit für die ganze Kirche bildet, davon hat er keine Vorstellung. Die Italiener sagen mit ironischen Lächeln, Ronopio habe den bösen Blick (mal d‘ occhio), was er nur anrühre, verderbe. – Helfen wir uns dagegen, durch das Anlegen eines Amulets mit der antipapistischen Beschwörungsformel des Concils von Konstanz.

Petrus wußte selbst nicht, was er sagte, bemerkt sein Schüler Markus IX, 4 über dessen Vorschlag von den drei Hütten auf Tabor, die wir doch gerne aif die Vereinigung von Kunst und Wissenschaft mit dem Glauben deuten wollten. Er kannte so wenig die Tragweite seiner Worte, als jetzt sein Nachfolger sich die Wirkungen seines Dogmas auf Kirche, Staat und Gesellschaft klar macht. Er weiß nicht, daß er die Bischöfe ihres apostolischen Charakters entkleidet, wenn er, wie im merkwürdigen Schreiben vom 6. Oktober 1865 an den Erzbischof von Paris, sie zum Papst in ein Verhältnis bringt, wie die Gouverneure der Provinzen zu König oder Kaiser, und das nennt Pius einen „sehr passenden Vergleich“ In diesen Falle kann Rom sie auch nach Belieben absetzen, sie sind ihm mehr als ordinirt.

Wohin wir blicken, drängt sich der Unverstand und die Eitelkeit auf. Selbst der Wunderbau des Kölner doms soll ein Zeugnis von diesem vorübergehenden Wahne aufnehmen in einem sogenannten Petersfenster, worauf die Väter des Concils, voran gewiß die Herren Kleutgen und Franzellini, der so sehr benöthigten Erleuchtung durch den heiligen Geist harren, oberhalb St. Peter inmitte seiner Schafe des Hirtenamtes waltet, während – Pius IX. im Hintergrund erscheint. Gewiß bescheiden und recht passend, denn Petrus I. hat die Kirche in Rom gegründet, Petrus II. aber sie nach Kräften zu Grunde gerichtet. Es gehört Hiobs Geduld dazu, um Alles hinzunehmen, was unter diesem Pontifikat schon geschehen ist.

Möge man aus dem gerechten Widerstande, welchen gerade wir Katholiken in Bayern dem verkehrten Dogma des päpstlichen Absolutismus entgegensetzen, auf einen nicht geringeren Gegensatz schließen, wenn den Föderalismus im deutschen Reiche ein politischer Unitarismus verdrängen sollte. Ich wünsche persönlich meine Gefühle als ehrlicher Katholik und guter Deutscher in Einklang zu bringen, sehe aber keinen anderen Ausweg, als Aufhebung der übereilten Excommunication, Aufrechterhaltung der Missio canonica und Beseitigung der Temporaliensperre. Diese selbst ist ein zweischeidiges Schwert und würde, vom Staate zur Gegenwehr gehandhabt, die Bischöfe am meisten verwunden.

Das sind jetzt schon die Folgen der Eigenmächtigkeit und Unfehlbarkeit eines einzelnen, noch so hoch gestellten und verehrten Sterblichen. So mußte es leider kommen, nachdem Rom wider alles Herkommen die Kirchengeschichte und ersten Lehrer des kanonischen Rechtes, sowie die Rhetoren der Staatsregierungen grundsätzlich vom Concil ausgeschlossen hatte.

Sollen wir die Erziehung der jungen Kleriker in Knabenseminarien und vollends im Germanikum zu einer abgesonderten Kaste nicht ein nationales Unglück nennen, wenn sie dazu führt, daß man mit den Laien sich nicht mehr verständigen kann. – Was ist hier zu thum?

In Preußen ist durch den Erlaß der Minister von Raumer und Westphalen vom 16. Juli 1852 die unter Friedrich Wilhelm III. ergangene Bestimmung neu eingeschärft, wonach Theologen das Studium im Collegium germanicum oder an der Propaganda zu Rom, wie auf allen von Jesuiten geleiteten Anstalten von der Erlaubniß der Regierung abhängig ist, und bei einem Gegenantrag von Waldbotts im Abgeordnetenhause am 12. Februar 1853 sprach selbst der dem katholischen Centrum im Reichstag so nahe stehende „Rundschauer“ von Gerlach für die kaiserliche Verordnung. Es lohnt sich auch sich auch in Süddeutschland auf ähnliche Bestimmungen zurückzukommen, zumal schon König Ludwig gegen die wälsche Erziehung sich aussprach (S. 78).

Die Bischöfe drohen, ihre Theologen von der Hochschule abzurufen und an Lyceen zu erziehen, wodurch Rom ein großer Dienst geschieht, der Klerus aber nicht lange mehr mit den höher gebildeten Klassen concurriren wird. Der Staat bestehe hinwieder darauf, keinen Pfarrer zu bestellen, soweit er das Patronat hat, es sei denn, daß er seine Studien an einer Hochschule vollendet habe. So sehen wir die Verwicklungen nächtens sich mehren, der Stärkere aber wird Recht behalten.

Der schwerste Schlag hat unsere Hochschulen getroffen: die Ordnung der durch Antheme zerrütteten theologischen Fakultäten in München, Bonn und Breslau ist unerläßlich.

Was bedeuten all die schönen Redensarten am Ministertische, wodurch man es mit keiner Partei verderben will, wo sind die Handlungen? Bisher hat manchmal ein Cultusminister von dem Verfassungsparagraph: „Aus administrativen Erwägugen“, einen ausgibigen, ja selbst verbrecherischen Gebrauch gemacht; jetzt fangen auch die Bischöfe an, durch Professorenabsetzung ihnen Sinn für Freiheit der Wissenschaft zu dokumentiren. Sie verdammen durch vorschnellen Kirchenbann und Maledikte Männer bis in die unterste Hölle, die sie bisher an den Himmel erhoben. Ja mit Schmerz sehen wir die Entwicklung der Dinge: sie liefern das Heft in die Hand. Niemand zwingt die Träger der Mitra, einen Candidaten zum Priester zu ordiniren: aber als ob auch sie unfehlbar geworden und es keine Grenze ihrer Machtbefugnis mehr gebe, verhängen sie das Interdikt über die höchsten Staatsanstalten, und richten ihre eigenen berühmten Fakultäten zu Grunde. Geht dies so fort, dann müssen freilich Staat und Kirche – wie Lot und Abraham sich scheiden.

Die Infallibilität ist durch die ganze Kirchengeschichte gerichtet, ein greifbarer Widerspruch mit den Thatsachen, und die impertinenteste Lüge, wie einer solchn nur die Wälschen zu Ihrem Vortheile fähig sind. Die Scheingründe für das abgeschmackte Dogma und Concil reichen nicht zur Vertheidigung, geschweige zum Angriff hin, das ganze Aufgebot gleicht den ausgestopften Elephanten der Semiramis, die Inder mochten noch so viele Pfeile gegen sie abschießen, sie fielen nicht um.

Leben und Lehre der Päpste beglaubigen die Unfehlbarkeit am allerwenigsten. Darum sollen neue Lehrstühle der Kirchengeschichte errichtet werden. Wer kennt nicht die gelehrten Ordensväter, welche sich die Aufgabe stellen, die Ausgabe der alten Klassiker zu korrigiren. Ebenso soll in Zukunft die Geschichte behandelt werden, damit die angehenden Theologen nicht hinter die Wahrheit kommen und die Lehre von päpstlicher Vollkommenheit und Untrüglichkeit, einmal eingeschmuggelt, fortan Glauben finde. Lasse man den wälschen Lug und Trug nicht überhand nehmen!

Zur Wiederherstellung des Kirchenfriedens ist ein vom Staate ausgehendes Verbot aller Kanzelreden in Sachen der Unfehlbarkeit unerläßlich, nicht nur den Altkatholischen zu Genugthuung, die in dem vorgeschützten Dogma den Ausdruck überspannter päpstlicher Willkür und abscheulicher Ketzerei sehen, sondern weil sie materiell falsch und formell gesetzwidrig, ja ein Akt der Beleidigung ist. „Kein einziger Mann in großen katholischen Pfarrdörfern glaubt an das Unfehlbarkeitsdogma, weil es noch nicht gepredigt worden ist„, schreibt ein gegen den Bischof Reismann von Würzburg sich beschwerender Correspondent von Main (B. Vaterl. März 1872). – Gott sei Dank! So sollen sie die neue Irrlehre auch nicht zu hören bekommen. Wenn zwei Augen jenseits der Alpen sich schließen, wir wiederholen es, so kräht kein Hahn mehr nach der Infallibilität, es sei denn der Hahn des ersten Petrus über die souveräne Eitelkeit des zweiten.

Die Gegner der Neulehre bleiben vollberechtigte Glieder der katholischen Kirche, auch verordnen die Ordinate bereits nach dem Grundsatze, daß die innere Trennung vom vatikanischen Glauben die Zugehörigkeit nicht aufhebe. Am besten half sich jener Pfarrer, welcher die Päpste eintheilte in solche, die geirrt haben, und in solche, welche nicht irren können. (Rheinischer Merkur 7 Up. 72)

Die hochwürdigen Bischöfe sind abgewichen von dem Glauben, den sie in Rom bis zuletzt bezeugt haben, nicht ihre Gläubigen, die zugleich loyale Unterthanen bleiben wollen. Wie sie auch die gegen die vatikanische Lüge renirenten Priester fortcelebriren lassen. Nur die blinde Erziehung im Autoritätsglauben ließ die Kirchenobern zu weit gehen, Rom hat durch Ueberraschung gesiegt, aber die Zerstreuten werden sich wieder zusammen finden. Der eifrigste Hetzer zum Erlasse des fatalen Dogma, L. Veuillot, hat soeben vom Papste seine Abfertigung erhalten, der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, mehr als seinem Auftraggeber lieb ist. Die Warner vor der ungeheuerlichen Thorheit des Jahrhunderts werden wieder zu Ehren kommen. Das längst in sich gespaltene Kardinalskollegium wird wissen, was bei der nächten Papstwahl zu thun ist. Nicht der Papsimus, sondern ganz andere Thatsachen werden Anerkennung finden.

Vielleicht trägt die Abnahme des Peterspfennig zu diesem neuesten Gesinnungswechsel Pius IX. bei Deutschland trägt einen erklecklichen Theil zum Peterspfennige bei, welcher seit 1860 jährlich im Durchschnitt vierzehn Millionen abwarf. Solange Rom auf seinen anmaßenden Dogma besteht, wäre es durch ein Verbot der öffentlichen Sammlungen empfindlich gestraft; doch hat die Maßregel etwas so polizeilich Widerwärtiges, daß nur der äußere Nothfall sie entschuldigen würde. Es erinnert an die jüdische Tempelsteuer oder das Didrachmon, den halben Silberling, welchen auch Christus entrichtete, damit sie sich nicht ärgerten.*) Wir wissen, wie Flakkus, der Statthalter Bithyniens, dessen Ablieferung nach Jerusalem verbot, und Cicero ihn deßhalb gegen die klägerischen Juden vertheidigte, bis der siegreiche Vespasian den Judenschoß an den Tempel des kapitolinischen Jupiters abliefern hieß.

*) Matthäus XVII, 23 f. Ausführlich Sepp Leben Jesu III, 346 f.

Wir suchen die Mannesehre und Ritterlichkeit des Christen nicht, wie Beuillot, un erniedrigender Kreicherei. Wir denken auch nicht eine Heldenthat an der Kirche zu verüben, unsere Waffen entnahmen wir hier nur aus der Rüstkammer unserer Bischöfe: nicht wir, sondern sie schädigen durch ihr Verhalten das katholische Christenthum. Der Doktor einer römischen Universität stand im Mittelalter in der theologischen Rangesordnung höher als ein bloßer Erzbischof: mithin ist es erlaubt, ein Wort mitzureden.

Vergleiche man die Haltung unserer Offiziere mit dem Benehmen des Klerus, muß man nicht Entscheidungsgründe für die Feigheit des letzteren beibringen? Wie schwer werden die lieben Geistlichen in der kommenden Zeit ihre Gleichgiligkeit gegen die Nationalehre, ja die unverholene Anfeindung des Reiches zu büßen haben, denn sie sind es, welche die deutschfeindliche Presse bedienen. Wie oft muß man in antiklerikalen Blättern den Vorwurf hören, was wohl das Schicksal des deutschen Reiches wäre, wenn die Partei der Römlinge die Oberhand erhielte? Und wir, die wir gegen Uebertreibungen auf beiden Seiten Vorstellungen nach beiden Seiten erheben, sind wir etwa Gegner der Kirche?

Das tausendjährige deutsche Reich ist allerdings politisch verjüngt, und verspricht mit seinen Anfängen eine Zukunft, würdig einer großen Vergangenheit. Doch liegt die Gefahr nahe, daß die Nation zur selbstständigen kirchlichen Aktion oder Reaktion gegen die Wälschen vor überhand nehmenden Indifferentismus sich kaum mehr aufraffen wird. Diese Gleichgiltigkeit kömmt aber einzig der kirchlichen Bureaukratie und der im Besizte sich fühlenden Curie zu statten.

Die Römlinge ziehen aus der Niederlage Frankreichs die Folgerung, sie sei der Sturz des katholizismus. Als ob der erstgeborene Sohn der Kirche diesen Namen verdiente und Vorrechte genieße. Mit unseren Siegen soll die Sache Gottes verloren gegangen sein, aber der Franzose hofft neuerdings zu gewinnen, und spricht: „Wir rechnen auf Gott, und Gott rechnet auf uns.“ Erklärte sie doch der päpstliche Prälat Curci für die eigentlichen Vorfechter und Vorkämpfer des römischen Christenthums. In Bayern ist am 27. Januar 1872 bereits ein Gottesurtheil erfolgt. Es handelt sich in der That um die Ehre dessen, der die Hoffährtigen erniedrigt und den Demuthigen seine Gnade gibt.

Die Römlinge hoffen nächstens auf eine Periode der Gesta Dei per Francos, und verstehen unter letzterem die Franzosen. Ein neuer Krieg mit Frankreich steht unausbleichlich bevor. Aus Rachedurst wird die Nation uns noch sieben, längstens zehn Jahren abermals zum Kampfe herausfordern, damit wir Deutsche in diesem Jahrhundert noch zum viertenmal in Paris einziehen. Das Volk stürmt darauf los, ob die Regierung will oder nicht. Um unserer Rettung willen müssen wir geeinigt sein. Wehe dem Klerus, der die Verwirrung der Geister fördern und unterhalten wollte!

Gott schütze das Reich und die Kirche!

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 16: Zur Concilsstatistik

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 16: Zur Concilsstatistik

Wie kann das Vatikanum sich ein ökumenisches Concil nennen, da die griechische Kirche nicht betheiligt war? Wenigstens enthalten die Orientalen sich des Titels Universalrecht oder allgemeine Synode, solange das Schisma dauert, wie hoch auch die russische und griechische Kirche ihre Ortodoxie stellt. Wir sehen hievin ab, da derselbe Vorwurf auch das Tridentium berührt, und fragen einzig: kann eine Synode überhaupt ein Dogma aufstellen, können dieß Majoritäten? Der als strenger Katholik und Kirchenrechtslehrer anerkannte Prof. Philips erklärt:*) „In Glaubensachen kann die Majorität über Nichts entscheiden.“ Hier gilt also nur Einstimmigkeit. Ebenso urtheilt Dr. Maassen, Professor des kanonischen und römischen Rechtes an der Hochschule zu Wien. Seltsam sprechen all die ersten Lehrautoritäten sich der Unanimität in der Vatikanischen Aula nun selbst noch um die glänzende Majorität? Können die abgegebenen Stimmen auch nur für den Ausdruck der Mehrheit der lateinischen Christenheit gelten? Als wir mündlich und schriftlich dieß Bedenken erhoben, ob nicht vielleicht die Opposition die Mehrzahl der Gläubigen vertrat? hatte eine gewandtere Feder bereits die Zusammenstellung getoffen.**)

*) Kirchenrecht II, 260 not. 26. S. 340 bestätigt derselbe: „Da die Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes als Glaubenssatz nicht formulirt hat, so machen die Betrachtungen keinen weiteren Anspruch, als den einer Meinung.“ – Es ist ein Fehler im Argumente, wenn Bischof Ketteler die Uebergriffe früherer Päpste entschuldigt als „zu einer Zeit, wo das unfehlbare Lehramt noch nicht als Dogma deklarirt war.“ Der neue Glaubensartikel hat ja rückwirkende Kraft und macht alle Pontifizes von A bis Z infallibel. Und als ob man überhaupt neue Dogmen machen könnte, bemerkt Berchtold weiter: „Unvereinbarkeit der neuen päpstlichen Glaubensdekrete mit bayer. Staatsverfassung.“ S. 6.

**) v. Schulte, Stellung der Concilien 244. 275 f 313, ein Werkm wie kein zweiter unter den Zeitgenossen es zu schreiben vermöchte.

Jeder Bischof hat auf der Synode einzig den Glauben in seiner Diözese zu bekunden, nicht seine Privatmeinung zu äußern. Wer keinen Sprengel inne hat, kann demnach giltig nicht mitstimmen. So fallen von 764 Vatikanischen Mitgliedern 139 von vorne weg. Italien allein stellte 276, d.i. 19 über ein Drittel der Gesammtheit, die Diözese Rom für sich so viel als ganz Oesterreich=Ungarn, Deutschland, Belgien und die Schweiz zusammen. Auf 49 apostolische Vikare, welche als päpstliche Beamte ad nutum amovirbar*) sind, war blindlings zu zählen. Allein seit 1867 oder in den zwei Jahren vor dem Vatikanum hatte Pius 25 Erzbischöfe und Bischöfe in aller Eile ernannt, um sich die gefügige Majorität zu sichern, 49 Cardinäle wurden beigezogen, obwohl darunter 17 Priester und 7 Diakone waren, auch früher Cardinäle nur auf römische Privatsynoden, nie auf allgemeinen erschienen. Ganze Länder, wie Böhmen, Mähren, Schlesien, waren am Entscheidungstage dem 18. Juli 1870, gar nicht vertreten.

*) Vgl. S. 61. Cardinal Cabtarini legte bereits als Präfekt der Concilscongregation in seiner epist. encyclica 6. Juni 1867 die Frage (XIII) vor: Ob und wie vortheilhaft es sei, die Zahl der Fälle, wegen welcher die Pfarrer ihrer Kirchen rechtskräftig entsetzt werden können, zu vermehren, ob das Verfahren, zu deren Absetzungen zu schreiten, unschwerer gemacht und in seinen Förmlichkeiten erleichtert werden solle?“

Früher gingen den allgemeinen Kirchenversammlungen Provincial= oder Landessynoden voraus, auf welchen der Clerus wie die Laien den angekündigten Concilsgegenstand besprachen. Diese Kirchenprovinzen waren dann durch die Bischöfe oder deren Mandatare vertreten, sowie der Papst seine Legaten statt seiner schickte. Im Vatikanum waren Prokuratoren gar nicht zugelassen, daher so viele Diözesen, z.B. selbst Fulda und Limburg nicht repräsentirt waren. Die Laienwelt hat Pius IX. vollständig ausgeschlossen und den Staaten keine Vertretung gegönnt; selbst die Fürsten sollten über die Bedürfnisse ihrer christlichen Unterthanen kein Wort äußern und fern bleiben, von ihren bestellten Oratoren, wie zu Trient, war keine Rede. Anfangs war König Johann von Sachsen, der große Dantekenner, in Vorschlag gewesen, auch er sollte nicht erscheinen.

Nach dem römischen Katalog gibt es in unserer Kirche 917 Primate, Erzbisthümer und Bisthümer; von der Hälfte waren die Hirten abwesend; denn am 18. Juli erschienen nur 465 stimmberechtigte Jasager. Unvertreten waren: Toledo mit 800,000, Compostella mit 500,000 Seelen, Braga mit 790,000, Genua mit 400,000, Freiburg mit 962,000, Erlau mit 385,000, Palermo mit 250,000. Von Bischöfen zählen der zu Königgrätz 1,310,000, Leitmeritz 1,210,000, Brünn 828.000, Seckau 705,000, Münster 710,000, Laibach 518,000, Würzburg 455,000, Grenoble 590,000, Montpellier 409,000 Seelen, sie alle fehlten. Protest hatten eingelegt: Prag mit 1,600,000 Besacon mit 600,000, Gran mit 890,000, Paris mit 1,900,000, Lyon mit 1,180,000, Grenoble mit 590,000, Mailand mit 1,100,000, Trier mit 775,000, Augsburg mit 617,000, München mit 590,000, Budweis mit 1,100,000, Wien mit 1,170,000, Breslau mit 1,700,000, Olmütz mit 1,419,000 Seelen.

„Ein allgemeines Concil ist nichts anderes, als die versammelte (gesammte) katholichen Kirche, erklärt Dupanloup, und die mächtige Hand der Vorsehung schreibt auch auf krummen Zeilen gerade.“ Wir vergessen nicht, daß dieser bedeutendste französische Stimmführer das neue Dogma, welches weder von den Aposteln gelehrt, noch von den Vätern geglaubt wurde, von vornherein eine „unerhörte Absurdität“ hieß. Es handelt sich thatsächlich um das Wohl der ganzen Kirche und das Heil der menschlichen Gesellschaft. Und was sagen wir hiezu bezüglich „der XIX. ökumenischen Synode“? Die großen und uralten Kirchensprengel je vom einer halben bis nahezu zwei Millionen waren nicht repräsentiert, oder deren Erzbischöfe und Bischöfe verhielten sich gegen das improvisirte Dogma ablehnend; dagegen kömmt der Fall vor, daß fünf Mitxaträger für 9000 Diözesanen figurirten.

Achtundachzig Kirchenfürsten, u.z. die Cardinäle und Erzbischöfe von Prag, Wien, Besancon; die Patriarchen von Antiochia rit. melchit. und Babylon rit. chalt.; die französischen Erzbischöfe und Bischöfe von Lyon, Paris, Autun, Oreleans, Nizza, St. Brieur, Lucon, Coutances, Goissons, Chalons, Valence, Perpignan, Marseille, Cahros, Bayeur, La Rochelle, Nancy, Constantine, Oran, Gap, Ajaccio; die englischen, bez. irischen und amerikanischen, von Tuam, St. Louis, Halifax, Plymouth, Clifton, St. Augustin. Pittsburgh, Littlerockm Raffensis, Louisville, Maryville; die österr.=ungar. von Gran, Olmütz, Lemberg mit lat.Caloca, Triest, Veszprim, Diakovar, Budweis, Parenzo=Polam Gurk, Waitzen, Estland, Lavant, Siebenbürgen, Szathmar, Munkacs rit. ruth., Raab, Kaschau, Großwardein, Fürstkirchen, Stuhlweißenburg; die deutschen von München=Freising, Bamberg, Mainz, Breslau, Sachsen, Augsburg, Trier, Osnabrück, Ermland, Rottenburg; die Orientalen von Sirace rit. armen., Gerth rit.chald., Tyrus rit. melch., Marianne sowie Acre rit. chald; die italienischen von Mailand, Biella, Ivrea, Iglesias, Acquapendente, Caltanisette, nebst einigen episc. in part. stimmten am 13. Juli wieder die verwünschte neue Ketzerei, 88 Väter mit non placet, 62 mit placet juxta modum, 70 gar nicht, zusammen 220. Am 15. standen soe eine Deputation ab, die den Papst beschwor, abzustehen; am 17. erneuerten 56 Bischöfe, ihre Abstimmung in einer Eingabe an den Papst mit der Erklärung, daß sie im Namen vieler Anderer unterzeichneten. Am 18. fielen von diesen 88 nur ab der von Louisville und der von Thyrus rit. melch., während die anderen fortblieben. – Und trotzdem desinirte Pius IX., während fast die Hälfte der katholischen Welt nicht vertreten war, seine Unfehlbarkeit! Wie er am 8. Dezember 1854 eine Doktrin desinirt hat, die sich aus der Schrift und den Vätern nicht beweisen läßt, die Jahrhunderte Objekt von Schulkämpfen war, bis man Schweigen gebot*), so verfuhr auch am 18. Juli 1870. Und da redet man von Offenbarung des göttlichen Geistes?

*) Frühere Päpste verboten, daß den Gegnern der Lehre von der unbefleckten Empfängnis das Brandmal der Häresie aufgedrückt werde – jetzt ist es Dogma sine qua non.

Die im Voraus gesicherte Mehrheit von wenigstens zwei Drittel bildeten dagegen alle von Rom angestellten Bischöfe oder auf Ruf und Widerruf ernannten Offizialen, deren geflissentlicher Anwesenheit sich der Vatikan erfreute. „Gegen die Unfehlbarkeit stimmten in der Hauptsache fast ganz Deutschland, ein Theil Frankreichs, Portugal, nahezu sämmtliche Orientalen aneren Ritus und einige Anglo=Amerikaner.“ Unter den Votanten fanden sich kaum mehr unabhängige Stimmen, als die der Opposition standen.

Daß diese Versammlung die Gesammtkirche nicht vertreten könne, hatte ihr schon Erzbischof Kendrick von St. Louis ins Angesicht gesagt, und sowohl die Ueberzahl der Italiener als die Menge nomineller Bischöfe gerügt, deren Stimmrecht zweifelhaft sei.

Lord Acton weist im „Sendschreiben an einen deutschen Bischof“ mit deren selbststeigenden Worten nach, wie das Concil durch den Mund seiner eigegen Mitglieder gerichtet ist. „Entweder ihr habt früher gelogen oder der Glaube der Kirche hat gewechselt“, sprach der Erzbischof von Cincinnati. Der Katholizismus ist nicht bloß durch einen Zusatz, sondern in der Quelle der Lehre getrübt. Am Pfingstfest hat der heilige Geist alle Anwesenden ergriffen; soll er nur in einem Theil sich offenbaren, so sind wir auch berechtigt, ihn bei der Minorität zu suchen; jedenfalls waren dießmal die Zeugen des wahren Glaubens in der Opposition.

Von Europa allein haben weit über fünfzig Millionen Katholiken überhaupt, oder doch am 13. und 18. Juli keine Vertretung gefunden. Rechnet man die amerikanischen, polnischen, und andere dazu, so figuirten die, in Gegenwart des Papstes, um dessen, im Punkt der Unfehlbarkeit gottähnliche Erhöhung es sich handelte, zustimmenden Bischöfe kaum für die Hälfte der weströmische Christenheit. Und trotz des eingelegten Protestes einer so großen Zahl der ersten Kirchenfürsten soll ein Weltdogma für Zeit und Ewigkeit zu Stande gekommen sein? Vergißt man ganz die der Kirche von Augustinus ertheilte Mahnung: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas! War die Glaubensdefinition nothwendig, so mußte Einhelligkeit herrschen, ist die Sache zweifelhaft oder Schulmeinung, so sind die Ansichten frei, für alle soll die Liebe nicht darunter leiden!

Nur in der frommen Meinung, die Einheit der Kirche zu retten, welche durch die neue Ketzerei gefährdet ist, und aus menschlichen Rücksichten gaben, auf die vom Papste persönlich geübte Pression hin, die anderen nach und stimmen wider ihr besseres Wissen und Gewissen, wofür sie Gott auch Rechenschaft schulden.

Von den 451, welche am 31. Juli mit Placet votierten, waren 62 nicht berechtigt, also bleiben 389; 220 stimmen non placet, juxta modum, oder enthielten sich; wo bleibt da der einstimmige Consens der Kirche? Der Stuhl des heiligen Ambrosius, des Ignatius u.a. waren nicht vertreten, die Hauptdiözesen alle nicht, 234 wirkliche Bischöfe waren nicht zugegen. Was auf Wissenschaft Anspruch macht und Theolog von Namen war, bekämpfte das neue Dogma und wurde einzig von den überwiegend wälschen Ignoranten majorisirt.

(Unheilbare Richtigkeit des Vatikanum.)

So ging das Concil auseinander, angeblich vertagt, in Wahrheit hatte es nichts weiter zu thun. Die Schicksale erfüllten sich rasch: am selben Tage, wo die Deutschen vor Paris erschienen, umlagerten die Italiener Rom. Ohne festen halt in sich und ohne sich gegenseitig das Wort zu halten, erklärte die Mehrzahl der Protestbischöfe nachträglich ihre Unterwerfung. Aber solch ein erzwungenes, nothgedrungenes Zustimmen post festum hat so wenig eine Giltigkeit, als wenn ein geborener Reichsrath oder erwählter Volksvertreter nach Schluß der Kammern sein parlamentarisches Votum widerrufen und modificiren wollte: dieß hat in der Antwort auf Lord Actons Sendschreiben auch Bischof von Ketteler anerkannt.

Die Christenheit erfährt mit dem heutigen Episcopat eine historische Niederlage, wie noch kaum zuvor. „Dessen soll dieses Schreiben ein ewiges Denkmal sein,“ erklärten die über die neue Dogmenerfindung empörten Bischöfe in Rom im Protest an den Papst – und nun im Vergleich mit ihrer heutigen Haltung ist ist es ein ewiges Denkmal des Wankelmuthes.

Der Apell an die fürchterlichen Gerichte Gottes, womit der Erzbischof von Cöln vor dem neuen Dogma abschrecken sollte, kehrt eine Spitze jetzt gegen ihn selbst. Die kirchliche Lokomotive ist aus dem Geleise gekommen, und daheim macht man dem Volke vor, als ob Alles in schönster Ordnung abgelaufen und Rom nur so fortzufahren brauche. Der gelehrte Bekämpfer des Lebens Jesu von Renan, Gratxy, dem der Jammer über die gegenwärtigen Zustände der Kirche das Herz brach, nennt die Apologie der Geschichtslügen seit Jahrhunderten den Grund unseres religiösen Verfalls: man müsse den Falschmünzern auf kirchen= und rechtsgeschichtlichen Boden das Handwerk legen. „Sind wir Apostel der Wahrheit oder die Prediger der Lüge? Ist es nicht an der Zeit, mit Widerwillen von uns zu schleudern die Betrügereien, Einschiebsel und Verstümmelungen, welche die Lügner und Fälscher, unsere grausamsten Feinde, unter uns einzubürgern vermocht?“ Der Bischof v. St. Brieur pflichtete ihm in einer Erwiederung bei: „Das Uebel ist so geartet, und die Gefahr so erschreckend, daß das Schweigen zur Mitschuld würde.“ (Acton Vatik. Conc. 81.) Wir wollen uns des Schweigens begeben.

Im Vatikanum die rechtmäßige Representation der katholischen Kirche sehen zu wollen, beruht auf Fiktion. Das zu beweisen, werfen wir jedem den Handschuh hin. Schon 1854 war kein rechtmäßiges Concil versammelt; der Papst kann nicht berufen, wenn er will, und ein beliebiger Ausschuß ist noch keine Ständekammer. Rom wußte seitdem, was man einer solchen Versammlung bieten konnte; die wieder citirten Väter durften nur sanctioniren, was die Loyoliten ihnen vorschrieben. Wie oft haben frührere Päpste erklärt, ihr Urtheil reiche nicht aus, es müsse ein Concil berufen werden. Gerson rechtfertigte die Appelation vom Papste an ein allgemeines Concil gerade in Glaubenssachen, und verfaßte in Konstanz eine eigene Schrift: Tractatus quomodo et an liceat in causis fidei a. s. pontifice appellare, seu judicum declinare. Er wendet hierauf sogar den Satz an: „Wenn dein Bruder wider dich sündigt, so sage es der Kirche.“ Petrus habe sich vor den versammelten Brüdern sogar wegen der Taufe des Cornelius verantworten müssen. Ahnlich Peter b’Ally. Und jetzt berief man eine Versammlung, um zu erklären, daß eine Synode fortan kein letztes Urtheil mehr habe, sondern der Papst sich selber genüge. Mit welcher Verlogenheit hatte die Dogmatisirung des Unfehlbaren Papstes zum Zwecke habe. Und doch hat man während sieben Monaten nach allerlei Präambulum nicht Anderes erreicht. Die Bischöfe kamen unvorbereitet und im Unklaren, welche Falle ihnen gestellt war, in Rom an. Von vornherein erfuhren sie kein Wort, wozu sie berufen worden, noch stenographische Berichte zu Gesicht, auch keinen Einblick in die Protokolle.

P. Theiner hatte früher im Auftrag des Papstes die Rechtmäßigkeit der Aufhebung des Jesuitenordens vertheidigt, aber nach der Rückkehr von der Flucht nach Gaêta änderte der wetterwendische Pius seine Meinung und nun fiel der deutsche Gelehrte als Opfer seiner Feinde – damit er niemand wissenschaftliche Nachhilfe leiste. Er büßte die Vorstandschaft der vatikanischen Bibliothek ein, weil er angeblich die Geschäftsordnung des Concils von Trient den Vätern ausliefern wollte oder konnte. Die Geschäftsordnung vom 27. November 1869, wie vom 23. Februar 1870 war ohne weiteres oktroyirt, und mit insolenter Eigenmächtigkeit in letzterer einfache Stimmenmehrheit für zureichend erklärt. Die Mitglieder der dogmatischen Commission waren vom päpstlich vorgesetzten Präsidenten Cardinal de Angelis mittels gedruckter Zettel mit 24 Namen vorgeschrieben, nicht Ein Mann der Wissenschaft darunter, sondern lauter notorische Infallibilisten, die zum großen Werke mithalfen. Der Sitzungssaal war so glücklich ausgewählt, daß die Redner von den wenigsten verstanden wurden, zugleich entzog man der Opposition beliebig das Wort. Von einer Vorberathung war keine Rede, die Glaubensdeputation machte 24 Stunden vor der Debatte ihre wichtigsten Vorlagen, die dagegen eingereichten Vorstellungen kamen gar nicht zur Besprechung. Dabei bewegte sich die Versammlung aus allen Ländern in einer Sprache, die nur den Romanen geläufig war.

Dischof Stroßmayr schreibt an einen Freund: „Wenn die Bischöfe in Fulda sagen, das Concil sei frei gewesen, so sagen sie einfach die Unwahrheit.“ (Rh. W. 1872, S. 135.)

Rom begehrte nicht, ja litt nicht, daß die breufenen Concilsväter Zeugnis vom Glauben der katholischen Welt ablegten, man ließ sie kaum zu Worte kommen, sondern zwang ihnen vielmehr das Dogma von neuester Erfindung mit List und Gewalt auf. Ein Minoritätsbischof verglich die ungeberdigen Widersacher mit einer Heerde Rinder. (L. Acton Vatikanisches Concil 55) – und wir sollten diesen – wälschen Büffeln nachlaufen? Noch in der letzten Stunde des Concils hatten die mannhaftesten deutschen Bischöfe erklärt,, „daß man bis ans Ende ausharren und der Welt ein Beispiel des Muthes und der Ausdauer geben müsse, dessen sie si sehr bedürfe.

Vermöge der Bulle Apostolicae sedis 11. Oktober 1869, welche bei der Concilseröffnung verkündet ward, entging vom ersten Tage an bereits niemand der Excommunication, außer Kinder und Blödsinnige, und wer sich wie Wagenschmiere zu drücken weiß. „Lernt denn Rom garnichts?“ ruft darum von Schulte aus. (Stellung der Conc. 259.) Das letzte Zwangsmittel zur Unterwerfung der Ungläubigen bleiben jetzt Bannflüche. Die eifrigsten Gläubigen sind jene, welche die Geschichte der Päpste und Concilien nicht kennen lernen wollen. Man möchte an der Autorität irre werden, und sagen: Roma locuta est – heißt fortan: Rom hat gelogen. Zur Zeit der großen, reformatorischen Concilien zu Pisa, Kostnitz und Basel stand es um die Kirche freilich noch weit schlimmer.*)

*) Nicol. de Clemangiis De corrupto statu eccl.

Indem ein Papst die Anhänger des andern bannte, gab es damals keine Christenseele, die nicht von der Kirche ausgeschlossen war. Den Metropoliten war bereits seit 100 Jahren die Confirmation der Bischöfe vom Papste entrissen. Aemter und Weihe waren käuflich, und während Christus spricht: „Umsonst habt ihr’s erhalten, umsonst gebt es wieder!“ konnten die Geistlichen, Hoch wie Nieder sagen: „Umsonst haben wir’s nicht empfangen.“ Da traten die Männer, wie Peter d’Ailly, Rektor der Hochschule Paris, später Bischof von Cambrai und Patriarch von Alexandria, Nikolaus von Clemanges, ebenfalls Rektor der Sorbonne X. und Kanzler Gerson, Heinrich von Langenstein, Theodorich von Riem u.A. für die Reform der Kirche ein. O fänden wir solche wieder!

Einer der schlechtesten Menschen, die je gelebt, der Cardinal Cossa gelangte zum päpstlichen Stuhle, so daß uns schaudert, wegen welcher Verbrechen Konstanz ihn verurtheilte. Auch Johann XXIII. suchte durch einen Pairsschub von Prälanten zu Konstanz sich zu helfen, aber die Synode schob den schlauen Italienern enen Riegel. War es doch so weit gekommen, daß auf jedes der ohnehin kleinen Bisthümer zwei, wo nicht drei Inhaber entfielen, die für sich das Stimmrecht in Anspruch nahmen. Eben zu Konstanz klagten die Väter mit Kaiser Sigismund, Italien zähle weit mehr Bischöfe als die übrigen Nationen, und das Concil stellte in der IV. und V. Sitzung die altkirchliche Verfassung wieder her mit der Erklärung: jedes rechtmäßige Concil habe seine Autorität unmittelbar von Christus.

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 15: Parlamentarisches Marengo

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 15: Parlamentarisches Marengo*)

Erste Niederlage der Unfehlbaren in der Meringer Kirchenfrage.
Rede in der bayer. Volkskammer am 23. Jänner 1872

*) Dieser Name ist wirklich ein longobardisches Mering

Dr. Sepp: Wir alle dürfen dem I. Kammersekretär, Herrn Jörg, für seine eben vernommenen Aeußerungen banken. Ich inbesondere erfüllte diese Pflicht für sein autoritatives Citat aus Bellarmin, welcher sagt: „Wie es erlaubt ist, dem Papste zu widerstehen, wenn der den Körper angreift, so ist es erlaubt, ihm Widerstand zu leisten, falls er die Seelen angreift oder den Staat in Verwirrung setzen würde (vel turbanti remupublicam), und noch vielmehr, wenn er zur Schädigung der Kirche bestrebt wäre. Ich sage wiederholt, es ist erlaubt, ihm zu widerstehen, indem man nicht thut, was er befiehlt, und indem man verhindert, daß er seinen Willen durchsetze.“ – Gerade in dieser Lage des passiven Widerstandes befinde ich mich jetzt und die Männer meiner Partei!

Der Herr Vorredner hat unserer Staatsregierung den Vorwurf gemacht, daß sie dem Liberalismus huldige, und damit hat er völlig die Wahrheit gesagt. Aber wer hat die Staatsregierung in die Hände des Liberalismus getrieben?

Der Herr Vorredner fragte, es sei ein Vorwand, wenn man von staatsgefährlichen Beschlüssen redet. Will er mit seinen Anhängern die Garantie übernehmen, daß der bayerische Staat, an dessen Erniedrigung wir Alle nicht die Schuld tragen, sondern die Weltereignisse, daß der bayerische Staat die gegenwärtige religiöse Krisis überdauere?

Er spricht von einem Parteiminister, von Parteigelehrten, er hat in seinen achtungswerthen Historisch politischen Blättern auch schon von ein Parteireich gesprochen. Wann wird er endlich einmal dazu kommen, von der Parteikirche zu reden?

Wir Alle wünschen eine freie Kirche, aber vor Allem, daß das Oberhaupt selber frei sei, und nicht in Händen, die es unfrei machten, lange bevor Rom dafür verloren ging.

Ich will auf die Sache eingehen, meine Herren! Was fällt unserem Staatsministerium zur Last? Es will unseren hochwürdigen Episcopat Einhalt thun, daß die Verwirrung nicht noch weiter greife, damit weitere Excommunikationen nicht noch mehr Schaden stiften, als bereits angerichtet ist. Was einem Papste gegenüber erlaubt ist, gilt doch auch wider die untergeordneten Würdeträger der Kirche.

Es ist ein alter Streit zwischen den Theologen der Juden, der Christen und des Islam, ob Abraham vom guten oder vom finsteren Geist getrieben war, als er, einer nächtlichen Vision folgend, seinen Sohn, der ihm noch dazu das Holz zum Altare tragen mußte, schlachten wollte? Der Engel des Herrn ist ihm in den Arm gefallen. Wir haben Gottlob diese Streitfrage nicht zu entscheiden, aber sie taucht dem Unterschiede, daß an Stelle des Sohnes Isak ein geistlicher Sohn, und für den Erzengel, der dem Opfernden in den Arm fällt, unser Herr Minister von Lutz eintritt. (Heiterkeit)

Der Patriarch war glücklich, daß er die Unthat nicht vollbrachte, aber der hochwürdige Bischof beschwert sich vorerst noch, daß man ihn abhält. Das Schwwert ist gezückt, mit dem Feuereifer eines Elias soll fortgewüthet werden, als gälte es gegen eines Priester des Baal vorzugehen. Dem Propheten ist allerdings gesagt worden: Der Herr wohnt nicht im Sturm, der Herr wohnt nicht im Feuer, noch im Erdbeben, sondern im leisen Säuseln. „Durch Sanftmuth werdet ihr Seelen gewinnen,“ spricht der Heiland.

Wer immer Wind gesäet hat, der Sturm ist da, und der Hauptsturm wird leider noch kommen. Das ganze Land wird durchfegt. Das Volk in Städten und Dörfern ist in Aufregung, Tag für Tag hetzt die Presse von beiden Seiten. Sie können in keine Dorfschenke treten, wo nicht, wie zur Zeit des byzantinischen Reiches, theologische Dispute geführt werden; vielfach sind nicht blos Freunde, sondern selbst Familien entzweit, und uns präsentirt man heute den Sturm in einem Glas Wasser!

Die Feuerlohe ist entzündet, wer trägt die Schuld? Von Rom aus hat man uns „schlimmer als Petroleure“ genannt; aber ich wüßte nicht, daß die Laien den Brand gestiftet hätten und die Ursache am jetzigen Unfrieden trügen. Man kann auch Brand stiften, wenn man Oel ins Feuer gießt und dazu spricht: „Bei Leibe aber brenne nicht!“ und wenn man an Sonn= und Feiertagen dann in den Kirchen beten läßt für den Frieden, den man selber gestört hat. (Links: Bravo!)

Wir sollen jetzt das Amt des heiligen Florian übernehmen; aber gleichen wir nicht den Feuerleuten von Chicago, die sich müde gearbeitet haben an einem kleinen Brande, und inzwischen ging die ganze Stadt in Flammen auf.

Wir stehen vor der Gefahr einer neuen Kirchenspaltung. Die Nothlage ist weit größer, als viele den Muth haben sich einzugestehen. So wenig Sie mit einfachem Hutumdrehen einem Sturme Einhalt thun oder mit einer Weidenruthe einem Bergstrom dämmen, werden Sie die Bewegung aufhalten: suchen wir den Wagen wieder in sein Geleise zu bringen. Und diese Zeitfrage wird uns, gleichsam mit dem Storchenschnabel verkleinert, unter der Silhouette einer Meringer Kirchenfrage vorgelegt.

Ich habe nicht das Glück und Geschid in Ihrem Ausschusse zu sitzen, sonst hätte ich Manches im Voraus erinnert. Ich hätte hingewiesen auf ein großes leuchtendes Beispiel in unserer Zeit, auf einen Mann, der im entscheidenden Momente den Sturm voraussah und ihn abwehren wollte, nämlich auf unseren Herrn Erzbischof. Mir erscheint während des Concils als einer der wichtigsten Augenblicke, wo derselbe ebenso, wie der Nachfolger des Bonifacius auf dem Stuhle zu Mainz, Hände ringend und unter Thränen vor dem Stuhle des Papstes kniete und ihn anflehte und beschwor, um Gotteswillen nicht zu thun, was er vorhabe; denn es werde ein furchtbarer Unfrieden entstehen, die ganze Christenheit werde zerrüttet werden.

Der Mann Gottes hat richtig vorausgesehen, aber auch Andere waren nicht blind und haben davor gewarnt: sie sind für ihre richtige Vorsicht halbwegs verketzert, wenigstens durch die Presse, die in unserer Zeit das Amt der Verketzerung im Kleinen übernommen hat. Es ist erfolgt, was man vorher gefragt: Millionen Anderer sing gleichgiltig geworden, sonst wäre der Aufruhr jetzt noch ungleich größer. Dabei muß der brave Klerus über sich das Schrecklichste ergeben lassen, nicht bloß Strafparagraphen wegen Predigten, nein es kommt dazu, dazu daß wir nächstens uns gar nicht widersetzen. Man wird die Civilstandsregister aus der Hand nehmen, man wird den Religionslehrer aus der Schule weisen, man wird das Kirchenvermögen als Gemeindevermögen ansehen – doch ich will nicht Alles aufführen, auf gesetzlichen Wege werden jetzt Reformationen bewirkt, und wer trägt die Schuld daran?

Unser hochwürdiger Herr Erzbischof nicht, soweit er damals energisch das Wort geführt hat. Es ist geschehen, was wir Alle beklagen. Jetzt erfolgt der Umschlag. Ein Gewitter stand am Himmel, es war als ob sich die Sonne verfinsterte in dem Momente, als man das neue Dogma verfinsterte in dem Momente, als man das neue Dogma, wie Sie es nennen, verkündet hat. Ein böses Omen! Aber es scheint, als ob dieses Gewitter sich nach Bayern gezogen hat, nach dem neuen Kirchenstaate, weil gerade hier am fulminantesten die Blitze zucken. Man weist uns auf Würtemberg, wo Alles so ruhig abgebe. Aber wird denn in Würtemberg von Seite des dortigen Bischofs ebenso verfahren, wie gegenwärtig in Bayern? (Rufe: Sehr richtig!)

Dem Herrn Referenten des Majoritätsgutachtens wünsche ich bemerklich zu machen, daß seine Ausführung auf einer petito principii beruht, und man ihm dem Boden unter den Füßen wegziehen kann. Er geht nämlich von der Voraussetzung aus, als ob der in Rom von einem Rumpfconcil trotz der anfänglichen Opposition von beinahe zwei Fünftel der Bischöfe schließlich angenommene Beschluß nothwendig ein Dogma sei? Dogma kann nur sein, was sich auf den Glauben an Gott, was sich auf die Unsterblichkeit bezieht; denn ohne den Glauben an eine Fortdauer der Seele gibt es überhaupt keine Religion, die zum Heile der Menschen dient. Ich habe, um nicht mir selber zu trauen, mit Theologen der alten Schule darüber gesprochen, und sie versicherten mich gleichfalls, nur höchst uneigentlich könne man den Concilsbeschluß ein Dogma nennen, Andere bemerkten: ganz und gar nicht könne man ihn ein Dogma nennen. Der Name wäre am Platze, wenn es sich um die fortgesetzte Incarnation des heiligen Geistes in der Person des Papstes handeln würde.

Genügt es denn, einem Beschlusse bloß einen solchen Deckmantel anzuhängen, um ihn leichter durchzubringen? Beim Ausschreiben des Concils hat die römische Curie selbst die Orientalen versichert, daß es sich nicht um ein neues Dogma handeln werde. Seither aber hat man uns einen Kirchenlehrer gesetzt. Das ist ein seltsames Geständnis, daß man mit den älteren Kirchenvätern nicht mehr auskommt. Ein Ligorio tritt jetzt ein. Die älteren Kirchenlehrer sind diametral dem Concilbeschlusse entgegen. Wir hören als letzten Beweis immer nur die Worte: Roma locuta, causa fininta est. Das ist ein Satz, mit dem sich etwas anfangen läßt. Auch ich halte daran fest, aber Rom hat nicht erst jetzt gesprochen: die Herren im Concil haben sich nur nicht vergegenwärigt, daß längst entgegengesetzte Kirchenbeschlüsse dem jetzigen dogmatischen Beschluße widersprechen.

Es handelt sich um eine Katechismusfrage, und es ist gar nicht zufällig, daß diese Frage zuerst in Bayern aus ausgemacht werden soll; denn von da aus ist vielleicht der erste Anstoß zum späteren Concil erfolgt. Man hat dem Volke seinen Katechismus genommen! Seit dritthalb Jahrhunderten hatte Bayern ein Religionsbuch, dessen Name mit dem des Verfassers ganz identisch geworden ist, nämlich den Canisius. Dieter Canisius war, man kann sagen, der zweite Apostel des bayerischen Volkes, Mitglied des Conciliums von Trient und Rector unserer Universität. Er hast wesentlich das Verdienst, daß Bayern und auch Oesterreich in dem alten katholichen Glauben erhalten wurden. Er kannte die theologische Doctrin, er wußte die wahre Lehre und verfaßte seinen kleinen Katechismus auf Grund des großen von Trient. Weiß dieser Mann etwas von den jetzigen Glaubenssätzen? Nein, er erklärt: Summa doctrinae chist. S 10. „Christus verhieß der Kirche als obersten Lehrer und Leiter den heiligen Geist,“ und Manuale cath. Antverp. im „Gebet um den wahren Glauben“: „die Kirche hat zum unfehlbaren Lehrer immerdar den heiligen Geist“ (infallilbiem doctorem usque spiritum sanctum). Er faßt (Catech. XXII p. 65) als Glaubensbekenntniß zusammen, „was der rechte Lehrmeister, der heilige Geist durch die Apostel und die allgemeine christliche Kirche und die geistlichen Oberen bezeugt.“ Canisius bildet die Grundlage der Katechismen fast im ganzen katholischen Deutschland, er galt in den Diözesen Mainz, Würzburg, Worms, und noch 1841 in Limburg. Unter anderen kömmt die Frage darin vor: Ist der Papst für sich allein unfehlbar? Antwort: „Der Papst für sich allein ist nicht unfehlbar!“ – also ganz das Gegentheil vom heutigen Dogma, auch haben unsere Hochwürdigen Bischöfe am 10. April 1870 in freier Ansprache erklärt, daß die kirchliche Ergese diesem neuen Glaubenssatze wiederspreche.

Wir hatten in Bayern einen eingefleischten Romanen zum Erzbischof, Graf Reisach, der später Cardinal ward und als legatus a latere berufen schien, das Concil zu leiten. Dieser Mann, früher Vorstand der Propaganda in Rom, der auch ganz die Grazie eines römischen Monsignore zur Schau trug, hat den Canistus auf einmal unbrauchbar gefunden. Es war zufällig zwei Stunden von meiner Heimat, im Kloster Dietramszell, wo ein französischer Jesuit die Aufgabe hatte, einen anderen Katechismus zu verfassen.

Ich bin mit dem würdigen Pater Deharbe wiederholt zusammengetroffen, hatte aber keine Ahnung, welcher Mission er in dieser langjährigen Zurückgezogenheit obliege. Sein Katechismus sollte den alten Canistus verdrängen, bildet aber anfangs noch eine Uebergangsstufe, wobei er mehr Canistus ist, zuletzt wird er ganz Deharbe, beinahe möchte ich sagen zu herbe. Sie können darin das Nämliche finden, was auf dem Concil promulgirt worden ist; bloß due Augsburger Diözese, von wo heute die Beschwerde kommt, verwahrte sich, und wollte sich kein X für ein U machen lassen. Rom promulgirt den neuen Glaubenssatz unter dem Einflusse der Compagnie Jesu. (Einsprache: Rechts.) Es ist ein militärischer Orden, er nennt sich selbst so. Ich trenne die Gesellschaft Jesu, so manches wackere Mitglied zählte ich zu meinen besten Freunden, z.B. den P. Damberger, den wir in Schäftlarn begraben haben, einen Mann, so voll von Talent und Kenntnissen, wie unser leider zu früh verstorbene Collega Professor Greil. Ich stand auch mit den Jesuiten immer auf guten Fuße, und bedauere nur, daß sie zu wenig deutsch sind! Es ist ein Statut dieses Ordens, das den Vorgesetzten, außer den drei Mönchsgelübden: der Armuth, Keuschheit und des Gehorsams, unbedingte Obedienz gegen den römischen Stuhl vorschreibt. Dieses Ordensstatut haben nun die Ordensobern zum Dogma der Christenheit erheben lassen.

Aber, wenn es sich um sein Dogma handelt, welchen nächsten Zweck verfolgte denn das Concil? Erlauben Sie mir, Sie in die Aula des Vatikan zu führen, um dort den Hermeneuten oder Cicerone zu machen, wie ich sonst oft getan habe. Wir finden in dem Saale die ganze Reihe der ökumenischen Synoden aufgezeichnet.

Das erste ist das Apostelconcil zu Jerusalem, wo (49) das Glaubenssymbol festgestellt und der Beschluß gefaßt wurde, daß alle Nationen der Christenheit sich gleich stehen, und es keinen Stammesvorzug, kein auserwähltes Volk des neuen Bundes geben solle. Als Petrus sich zu Antiochia von diesem Beschlusse emancipirte, machte Paulus ihm die bekannten Vorwürfe, daß er das Christenthum von dem universellen Standpunkte auf den Hebraismus zurückführen wolle. So haben die Päpste wiederholt Beschlüsse von Kirchenversammlungen verläugnet. Was dort geschah, ist eine symbolische Geschichte, die in Zukunft wiederholte. Jetzt betrachten sich die Italiener für das auserwählte Volk und wollen die Weltkirche in eine italienische Nationalkirche umwandeln. Uns aber malt man ein Gespenst an die Wand, als wollten wir eine deutsche Nationalkirche! – Ich führe die Worte Pauli (Gal. II, 13) an, wo er sagt, daß Petrus nur Heuchler erziehe. Keine Klage ist in dieser Zeit lebhafter gehört worden, als daß das eigenmchtige Dogma zur Heuchelei führe.

Wir gehen über den Concil von Ricäa (325), welches Kaiser Constantin berufen hat, indem der christliche Kaiser sich und dem Staate überhaupt nicht das Recht einräumen wollte, in kirchlichen Fragen allein zu entscheiden, sondern einen geistlichen Areopag berief. Heutzutage beruft man dagegen Synoden, ohne die Staatsregierungen nur zu fragen, und wundert sich dann, wenn diese den Concilbeschluß ablehnen! – Zu Nicäa wurde das „Tu es Petrus“ näher festgesetzt, und entschieden, was der Grundstein des Glaubens sei, was den Christen ausmache, nämlich das Bekenntnis: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Diese ökumenische, d.h. allgemeine Kirchenversammlung wurde berufen vom Kaiser, also unter Betheiligung des Staates, denn der Staat muß am Ende doch Alles durchführen helfen; und je nachdem in der Esse geschmiedet wird, springen die Funken uns ins Gesicht.

Wir kommen zum VI. allgemeinen Concil (680) in Constantinopel, das wir in der Reihe der Synoden in der Concilsaula verzeichnet finden. Dort wurde Papst Honorius I. als Monothelet und Ketzer verurtheilt, und die nachfolgenden Päpste haben das nicht nur bestätigt, sondern sogar in die Kirchenbücher eintragen lassen; erst Leo X. ließ den Satz heraus nehmen. Auch Bonifacius, der Apostel der Deutschen, hat offen die Norm ausgesprochen, dahin lautend: „Ein Papst wird nicht grichtet, es sei denn, daß er als Ketzer befunden wird.“ Und das steht sogar im canonischen Recht (Decret. Gratiani), wie bei Deusdedit.

Wir gelangen zum Concil von Trient. Damals hat man den Grundsatz festgehalten: „Nur kein Concil in Rom, weil es dort der nöthigen Freiheit entbehrt“, und so wurde die Kirchenversammlung an den Grenzen Deutschlands abgehalten. Auf diesem Concil legten Kaiser Ferdinand I. und unser Bayerischer Herzog, der erzkatholische Albrecht V., die Bestimmungen und Wünsche des Volkes vor, erneuerte ersterer die 100 Beschwerden der deutschen Nation aus den Tagen Hadrians VI., und stellte mit letzteren das Verlangen nach dem Laienkelch und der Priesterehe. Hierbei verwahrte man sich feierlich dagegen, daß päpstliche Legaten auftraten, um neue Dogmen aus Rom mitzubringen; Constitutionen festzusetzen sei Sache des Concils.

Aber ich habe einen Sprung gemacht. Wo bleibt denn das Concil von Kostnitz oder Konstanz (1414-1417)? Ja, meine Herren, das finden Sie in der ganzen Concilsaula nicht angeschrieben. Hier haben wir die Gewißheit, um was es sich im Vatikanum handelte. Das Concil von Kostnitz hat einen guten Anfang genommen, und gleich drei Päpste auf einmal oder eine ganze unheilige Dreifaltigkeit, wie man sagte, abgesetzt. Es hat den Italienern erklärt, man stimme nicht mehr nach der Zahl der Bischöfe, nicht das nummerische Uebergewicht derselben solle ferner gelten, sondern die Stimme nach Nationen, und so stimmten die Deutschen, Engländer und Franzosen, jeder Theil für sich, die Italiener waren auf sich allein angewiesen. Dort hat man die Geschäftsordung selbst gemacht und beschlossen, daß der Papst nicht über dem Concil stehe, daß dem Papste keinerlei Eigenmächtigkeit gestattet werde.

Dieses Konstanz ist in allen jesuitischen Verzeichnissen ausgemerzt. Es werden gegenwärtig in Frankreich hunderttausende von Bildern des Vatikanums mit Angabe der früheren Concilen vertheilt, aber dieses allgemeine Concil, wo Kaiser vertreten waren, und die Grundgedanken des kirchlichen Parlamentarismus zur Geltung kamen, finden Sie nicht darunter. Welche Aufgabe hatte das vaticanische Concil anders, als den ökumenischen Kirchentag von Kostnitz abzuwürdigen, alle damaligen Beschlüsse zu annulliren und dem Papste eine Omnipotenz einzuräumen, die man früheren Päpsten nicht entfernt zugestand. Und mit welchen Mitteln hat Rom das durchgesetzt? Seit 20 Jahren ist der heilige Stuhl bemüßigt, eine Masse nomineller Bischöfe zu machen, Titularbischöfe, nämlich Episcopi in partibus, d.h. für Diöcesen, welche längst nicht mehr eristiren, Missionsbischöfe, d.h. solche, die ebenfalls nichts zu vertreten haben, sondern sich erst ein Bisthum gründen sollen. Man hat Vescovini aller Art, gleichsam Bischöfe à la suite gemacht, und nun tritt man auf und bietet uns ein Concil an. Ist das nicht eine köstliche Ironie! Erst hat der Papst es dahin gebracht, daß er die Zahl von 546 italienisch redenden Bischöfen zählte, dann bietet er uns an, mitzustimmen. Das heißt doch dem heiligen Geiste die Arbeit zu erleichtern!

Der Majorität im Voraus sicher, konnte Rom alles anfangen, aber der heilige Geist war doch bei der vaticanischen Versammlung und hat die Pläne derer, die so egoistisch vorgingen, vereitelt. Ich freue mich immer, wenn ich im Einklang mit der Kirchenbehörde mich bewegen kann, und habe mich sehr ergötzt, im Münchener Pastoralblatt vom 14. September 1871 ein Werklein empfohlen zu sehen, das einen grundgescheiten Philosophen der Würzburger Universität (Dr. Al. Mayr) zum Verfasser hat. Es führt den Titel: „Worte zur Verständigung über die päpstliche Unfehlbarkeit„. Darin ist auseinandergesetzt, daß das Concil noch gar nicht zu Ende, sondern in suspenso sei, und gerade so auch der Concilsbeschluß. Es heißt, unfehlbar sei der Papst, wenn er ex cathedra rede; aber wann redet er denn ex cathedra? Hätte der Papst zu erklären, wann er ex cathedra spreche, dann würde er mehr sein, als selbst Christus, denn dieser spricht: „Niemand gibt Zeugnis von sich selber,„und beruft sich hierbei auf seinen himmlichen Vater.

Es besteht gar keine authentische Interpretation. Es wäre höchst interessant gewesen, und ich möchte unserem Herrn Cultusminister die Versäumnis fast zum Vorwurf machen, daß er nicht unmittelbar nach der Rückkehr der Bischöfe vom Concile einen Ministerialbeamten an alle Bischöfe schickte, um von jedem eine Erklärung der Concilsbeschlüsse sich auszubitten. Das hätte eine wahre Musterkarte abgegeben, vorerst existirt überhaupt keine authentische Erklärung.

Papstdogma und Concil sollen sich gegenseitig beweisen. Wir hören: das allgemeine Concil beschloß, also ist die Unfehlbarkeit ein Dogma. Wir aber fragen: war das Vatikanum nothwendig eine ökumenische Synode? Man wird nicht leicht einen eifrigen Vertheidiger des Concils finden, als den hochwürdigen Bischof Martin von Paderborn. Derselbe hat in seiner Schrift: „Der wahre Sinn der vaticanischen Lehramts= Entscheidungen“ auf Seite 50 erklärt: „Durch Leugnung der von der Kirche behaupteten Oekumenicität, weil diese als solche nicht Gegenstand der im Depositum fidei enthaltenen Glaubenslehre, der fides divina, ist, wird man an sich (eo ipso) keiner Häresie schuldig.“ Die Gemeingiltigkeit des Tridentiums machte man seiner Zeit von der Zustimmung aller katholischen Mächte abhängig.

Also steht es keineswegs fest, daß wir ein allgemeines Concil vor uns haben. Das ist wieder eine petito principii, wie ich unserern Herrn Referenten schon bezüglich des Dogmacharakters zum Vorwurf machen mußte. Wir wissen, was die hochwürdigen Bischöfe 1869 in Fulda versprochen, und haben darum geglaubt, es sei nicht nothwendig, daß eine Staatsregierung prophylaktisch zu Werke gehe, ja es unserem damaligen Beschlüssen der einberufenen Synode oder ihrer späteren Verkündung vorbauen wollte. Aber in Rom kamen unsere deutschen Bischöfe bald zur einsicht: Fürst Hohenlohe habe allein staatsmännisch richtig gedacht. In Fulda versicherten sie uns, es nicht aufs Aeußerste kommen zu lassen: man wußte, was dieses Aeußerste sei. Hier sind eine Masse Bischöfe durchgewandert, und welche Erklärungen haben sie laut und öffentlich abgegeben, gleich als ob sie es von den Dächern predigten? „Ich werde, sprach Cardinal Fürst Schwarzenberg, nicht meinen Herrn Jesus dem Papste zu Lieb‘ verleugnen.“ Dr. Hefele, der erste Kenner der Conciliengeschichte, sagte laut: „Das Dogma ist nicht zeitgemäß, weil es nicht wahr ist!“ „Non est opportunum, quia non est verum.“ Dreißig Jahre habe ich nach der Infallibilität gesucht und sie nirgends gefunden,“ erklärte derselbe in Rom dem Cardinal Hohenlohe. Der Herr Erzbischof vin Bamberg, der uns noch näher steht, erklärte: „Ich begreife gar nicht, wie ein vernünftiger Mensch noch von einer persönlichen Unfehlbarkeit des Papstes sprechen kann.“ Und so haben sich die Aeußerungen gehäuft. Unsere Kirchenfürsten haben in Rom der Mehrzahl nach allerdinge ihre Schuldigkeit gethan, und die Oppositionspartei gebildet. Man hat ihnen gleich anfangs die Geschäftsordnung octroyirt und auf ihren Protest versprochen, wenn sie darüber nicht biscutiren würden, sie zu mildern. Was aber ist geschehen? Rom hat dieselbe noch geschärft. Vielleicht kennt der hochwürdige Beschwerdenführer den Bischof, welcher damals an Prof. Reithmair schrieb: „Wie wir, die Minorität, hier behandelt werden, das wird ein künftiger Geschichtsschreiber melden. Es gegenwärtig laut werden zu lassen, wäre gegen die Ehre der Kirche.“ Und was die auch vom Herrn Referenten angezogenen römischen Briefe vom Concil in der A. Allgemeinen Zeitung betrifft, so erhielt ein Redakteur in A., welcher um Material zu Widerlegung bat, von demselben Hochwürdigen die Antwort, sie enthielten bis auf Unwesentliches nicht nur die Wahrheit, sondern es stehe vielfach noch ärger! – Und ein benachbarter Bischof klagte: „Wir werden hier genothzüchtigt!“

Das sind lauter öffentliche Stimmen. Ich werde mich bemühen, den Tenor der Worte in die stenographischen Berichte genau einzutragen, damit man nicht glaube, mein Gedächtnis täusche mich. Unwahres zu sagen widerstrebt ohnehin meiner innersten Natur. Wenn nach dem Sprichworte: veritas odium parit, so lassen Sie mich es nicht entgelten, daß Wahrheit Haß erzeugt.

Eskommt mich schwer genug an, von vielen Freunden in dieser Frage mich trennen zu müssen; im Grunde gehen wir nur auseinander in der Ansicht, wer von uns ein besserer Katholik, und was für die katholische Kirche heilsamer ist. Ich besorge, daß, wenn Sie die Vorlage der Ausschußmajorität durchsetzen, Sie bald rufen werden: „O weh, wir haben gewonnen!“ (Links: Bravo!)

Unsere hochwürdigen Bischöfe haben anfangs in Rom ihre Stellung begriffen, aber nur: „Wer ausharret bis ans Ende, wird selig.“ Dieser Seligkeit sind wir durch sie leider nicht theilhaftig geworden. Sie sind nachträglich zu Kreuz, zum crux de cruce, gekrochen, und wir tragen nun die Folgen davon. Hätten sie ausgeharrt, der ganz Klerus stand hinter ihnen, alle höheren und niederen Lehranstalten, die ganze gebildete Classe hätte zugestimmt und Landvolk niemand widersprochen. Wen haben sie denn jetzt für sich? Ich fange bei dem Kriegerstade an, der in der Bibel allezeit mit Ehren genannt wird, und sich um unsere Nation in der neuesten Zeit die großen Verdiensteerworben hat. Haben die neuen Dogmatiker des Vatikan vom obersten General bis zum jüngsten Lieutenant Einen für sich? Haben sie die Universitäten, Lyceen, Symasialprofessoren, oder vollends die deutschen Lehrer auf ihrer Seite? Nein! Aber vielleicht den Stand der Beamten, die Advokaten, oder die gebildete Bürgerklasse? Nein und abermals nein! Die Prädikanten der Unfehlbarkeit mögen das Landvolk zum Theil gewinnen, weil dieses noch nicht genügend unterrichtet ist, und sie haben, mit sehr ehrenwerthen Ausnahmen, wie ein gelehrtes Haupt gesagt hat, die alten und jungen Damen beiderlei Geschlechts eingenommen. (Heiterkeit.)

Ich mache niemand persönlich einen Vorwurf!

Ich erinnere mich vor etwa 36 Jahren eines kirchengeschichtlichen Vortrages, worin Möhler, einer Johanneische Natur, auseinandersetzte, was es heiße: „explere negligentiam superiorum,“ „die Aufgabe gehe von den Oberen an die Unteren“. „Wenn der Papst seine Schuldigkeit nicht thut, so derivirt seine Obliegenheit an die Bischöfe, versäumen diese ihre Pflicht, dann geht die Aufgabe an den unteren Klerus über, und wenn der Klerus nicht erfüllt, ist die Sache an den Laien.“ – Jetzt scheint die Sache an den Laien überzugehen, und Sie sollen mit uns zufrieden sein! Sie werden mit uns nicht schlecht fahren, nachdem die geistigen Obern förmlich abgehauft haben. „Die Wahrheit wird uns frei machen„, spricht Christus; aber was haben wir denn bisher für eine kirchliche Freiheit gehabt? Man hat den germanischen Simson gefesselt, auf die Gefahr hin, daß er in die Säulen der Kirche greife und das Gebäude der Hierachie zusammenreiße, wenn auch noch so viele tausend Philister dabei zu Grunde gehen. Das geschah vor vierthalb Jahrhunderten, damals hat der deutsche Episcopat nicht das Beispiel des spanischen Cardinals Ximenes nachgeahmt, sondern wieder die römische Ablaßverkündung und die Einführung der byzantinischen Kirchenpraxis in unser Abendland anzukämpfen versäumt.

Denn hätte man damals der Versuchung Roms im Principe widerstanden, so war Hoffnung gegeben, daß die deutsche Nation kirchlich nicht gespalten, sondern einhellig geblieben und dieses entsetzliche nationale Unglück verhütet worden wäre. Aber die deutschen Bischöfe waren nachgiebig, gehorsam, demüthig, unterwürfig, lauter gute brave Männer ohne Regierungsgabe, ohne Energie, ohne Pflichtbewußtsein – und heute wiederholt sich dasselbe Beispiel. Wir erleben eine blinde Unterthänigkeit, welche die hochwürdigen Herren schon fast um ihre ganze Autorität gebracht hat, indem sie jetzt untersagen und bestrafen wollen, was sie kurz vorher selber gethan haben. Diese Unterwürfigkeit ist nicht erlaubt, und wenn die Bischöfe ihre Pflicht nicht erfüllen, werden wir dafür eintreten. Es gilt: „der Nachlässigkeit der Obern ein Compliment zu machen“.

Wir stehem vor derGefahr einer neuen kirchlichen Spaltung, und da muß jegliche Rücksicht weichen. Wir wissen freilich, Rom meint es nicht so ernst, es verlangt ja nicht, daß wir es glauben, wenn wir nur stille dazu sind. Wir wissen auch, daß ein großer Theil unserer Bischöfe nicht daran denkt, das Vatikanische Dogma zu glauben. (Stimmen von rechts: Pfui! Pfui!)

Dr. Sepp (in den Saal niedersteigend): Ich lasse mir kein Pfui gefallen, ich werde den Beweis liefern. Ein hoher Mitraträger hat, was allgemein bekannt sein dürfte erklärt: „Ich habe in Rom zur Oppositionspartei gehört, und wenn ich heute wieder nach Rom ginge, würde ich abermals zur Oppositionspartei gehören.“ Heißt denn das glauben? Man ist untergekrochen und hat sich gefügt, man hat sich unterworfen. (Rufe: Wer? Wer?)

Es ist jedermann bekannt – ein Mann, von dem ich mit hoher Achtung rede. Derselbe hat es gesagt, dem wir die Restauration unserer Frauenkirche verdanken. – Also hier handelt es sich nicht darum, daß man es glaubt. Glauben denn Sie es? (zur Rechten gewendet.) (Vereinzelte Rufe: Ja, ja!)

I. Präsident: Ich muß den Herrn Redner bitten, die einzelnen Herrn nicht zu apostrophiren, das führt nur zu Unordnungen.

Dr. Sepp: Dann hätten sie selber früher nicht so vorlaut sein sollen, aber Sie sind fast zudringlich gewesen mit ihrer Vertraulichkeit: man könne das unmöglich für wahr halten. Ich habe keine Namen genannt. So viel ich weiß, ist es ein Redner hinter mir, der sprach: wenn das in Rom beschlossen werde, müsse man aus der katholischen Kirche ausscheiden! Das sind wahre Worte; der sie gesprochen, hat keinen Grund zu widerrufen, er soll im Gegentheil auf meine Seite sich stellen.

Also niemand glaubt im Grunde recht daran, man sucht Ausflüchte, trifft eine beliebige Erklärung, eine Wendung, so oder so. Sehen Sie, einer meiner Freunde, der hier in München studierte, der hochwürdige Bischof Krementz von Frauenburg, hat 12 Definitionen erlassen, darin erklärt er im 8. Punkte: „Der Papst kann nichts bestimmen, was nicht von Alters her der apostolische Stuhl und die römische Kirche in Verbindung mit den übrigen beharrlich festhält. Und Punkt IX. heißt es weiter: Die Zustimmung der Kirchen muß vor der schließlichen Feststellung klar und deutlich vorliegen, damit hieraus erhelle, was immer, was überall und von allen geglaubt wurde.“

Wenn es sich um weiter nichts handelt, als die Glaubensdefinition des Vincenz von Lerin festzuhalten, so sind wir Katholiken ja alle dabei; aber warum hat man dann die ganze Christenheit aufgestürmt? („Das Vatikanische Concil lehrt mit keinem Worte, daß der Papst unfehlbar ist,“ versichert Bischof Ketteler auf der Tribüne im Reichstag, der dich keinen geringeren Antheil an der Synode nahm, ja Bischof Martin von Paderborn erklärt es sogar für eine Verleumdung, das Concil habe mit Romanus Pontificem infallibilitate pollere – sagen wollen, „das der Papst unfehlbar sei.“) Wozu setzt man dann Himmel und Hölle in Bewegung, bannbult und excummunicirt jene, welche den Papst nicht für infallibel nehmen? Die eifrigen Herrn Pfarrer haben unter Führung unseres früheren Collega, Dr. Westermayer, eine Protest gegen die Staatsregierung eingelegt und erklärt, sie glaubten die Staatsregierung eingelegt und erklärt, sie glaubten, was der Papst mit den Bischöfen vorschreibe. Das ist aber nicht der Concilbeschluß, denn hier definirt allein der Papst „ex sese“ und nicht „ex consensu ecclaisae.“ Habe ich Unrecht, wenn ich sage, die Herren glauben selber nicht daran? Hat z.B. der vielgeschmähte Cultusminister, ich meine Herrn vom Mühler, ganz Unrecht, wenn er seinem letzten Erlasse sagt: „Man treibt nur ein Spiel mit Worten?“

Was wird nun uns zugemuthet? Wie sollen einen Pfarrer maßregeln helfen, weil er festhält an dem Glauben, auf welchen er getauft und auf welchen er geweiht ist. Man soll ihm den Brotkorb höher hängen, man soll ihn auf die Straße setzen. Ich habe die Beschwerde an die Kammer nicht von bischöflichen Behörden, sondern von Seite der Pfarrherren erwartet. Ja, meine Herren, ich wünschte, daß manche von den Laien, die auf dieser Seite sitzen (zur Rechten gewendet) jetzt Geistliche wären, damit sie erführen, was es heißt: „Friß Vogel oder stirb!“ Ich habe fast ein Viertel Jahrhundert auf dem Lehrstuhl gestanden und das Vertrauen vorzugsweise von künftigen Theologen genossen; zu Hunderten sind sie zu meinen Füßen gesessen, und ich weiß aus manchem Munde, ihre Lage sei ganz unerträglich. Es wäre zum verzweifeln, wenn nicht die Hoffnung sie aufrecht hielte, daß, sobald ein Paar Augen sich schließen werden jenseits der Alpen, die Zustände sich ändern. Das ist die wahre Sachlage. Sie wollen nun, daß man die Pfarrer maßregelte, die man altkatholische nennet, – obwohl das Wort nicht passend ist und auch schon abgelehnt wurde, denn das „Katholische“ muß durch alle Zeiten gelten – dieß Henkerwerk üben heiß denen willfahren, die mit ihrem begründeten Widerspruche es früher ebenso gehalten haben.

Unsere edelmüthigen Bischöfe bekennen selbst, sie hätten sich geirrt, sie waren in der Opposition, aber jetzt denken sie anders. Damit geben sie zu, daß sie ihrer Sache nicht gewiß sind. Wir glauben an ihren eingestandenen Irrthum und nehmen davon Akt; aber wir halten dafür, daß sie jetzt sich irren und vorher die richtige Ueberzeugung vertreten haben. Glauben Sie, wenn jetzt geschieht, was die hochwürdigen Bischöfe wünschen, Sie werden es nicht am meisten zu bereuen haben? Wird nicht die Reihe nächstens an sie kommen? Sie selbst, meine geistlichen Herren! haben doch gehört, daß auf dem Concil ein Antrag vorgelegen hat, die Pfarrer ad nutum amovibel zu machen! Sie zwar haben sich jetzt gehorsam unterworfen, wenigstens stillschweigend, aber Rom will sich auch des Gehorsams für alle Zukunft versichern. Es können noch ganz horrende Beschlüsse ex cathedra kommen. Horrend ist schon der päpstliche Act, den guten Liguori zum Kirchenlehrer zu erklären. Rom kann die alten Kirchenväter nicht mehr brauchen, darum ernennt es neue. Mein seliger Lehrer, der große Görresm hat noch kurz vor seinem Lebensende die Warnung abgegeben, um Gotteswillen möge man die Schriften deselben nicht Alle übersetzen, die können Aergerniß geben; ist er unser Kirchenlehrer! Ich glaube freilich nicht, daß er wegen dieser päpstlichen Erklärung schon ein Kirchenlehrer ist, oder (zur Rechten gewendet) glauben Sie es?

Der Laie mag noch Vorstellungen machen, aber wagen ja Eure Hochwürden keinen Widerspruch! Rom wird in Zukunft Mittel finden, Sie ex Conscienta informata von Ihren Aemtern entfernen zu können. Das hat bereits 10 Jahre als Paris bestanden in der Eichstädter Diöcese. Es war ebenso im Werke unter einem Vorgänger des hochwürdigen Beschwerdeträgers, der, ein tüchtiger Schulmann, gleichwohl ein etwas thyrannisches Regiment führte. Dieser wollte schon anfangen, die Pfarrer mehr als Expositi oder Lokalkapläne zu behandeln, ihnen bloß die Commende zu geben, sie nicht mehr kanonisch zu investiren und zu instituiren, das heißt die Pfründe ihnen zu verweigern. Wenn aber das geschehen ist, glauben Sie, mit derselben Autorität in den Gemeinden noch wirken zu können? Glauben Sie nicht, daß dann bei der Agitation, die jetzt schon herrscht mancher kleine Mensch, der nur auf der Welt ist, um andere zu ärgern, sich sagt, der Pfarrer sitzt nicht fest, den wollen wir jetzt vertreiben, und es gelingt ihm?

Glauben Sie etwa, es werde den Bischöfen besser ergehen? Sind sie denn noch Nachfolger der Apostel, oder zu Mandataren des rümischen Oberbischofs geworden, was unter den Kirchenvätern Der, welcher uns Deutschen am nächsten steht, Papst Gregorius der Große, Freund der bayerischen Theodelinde, der die Lombarden zu katholischen Kirche führte, die Angelsachsen bekehrte, mit so strengen Worten verdammt? Er erklärte dem orientalischen Patriarchen: „Der müßte der Vorläufer des Antichrist sein, wer sich den Universal=Episcopat anmaßen wollte!“ Und was ist denn jetzt geschehen? Hat der Papst heute sich nicht den Universal=Episcopat angemaßt? Lesen Sie constit. III. der vaticanischen Synode! Dort steht ausdrücklich, daß er episcopus ordinarius in jeder Diöcese ist; er kann jeden Einzelnen von Ihnen entfernen. Das Recht der Appelation ist beseitigt, der ganze Instanzenzug über den Haufen gweorfen. Wird Rom mit den hochwürdigen Bischöfen glimpflicher verfahren? Sie lesen wohl nicht die Dublin Review, sonst würden Sie in diesem Organe des Erzbischofs Manning von Westminster, der als Convertit per excellence das Privilegium hat, den Fanatiker zu spielen, und der durch seine Anwesenheit beim Concil si unerquicklich gewirkt hat – Sie würden darin finden, daß die deutschen und vor allem Unsere bayerischen Bischöfe bereits der Häresie des Ministeriums angeklagt sind, weil sie die Concilsbeschlüsse auf ein Minimum reduciren. Es ist köstlich, wie man heututage zum Häretiker wird. Also unsere Bischöfe selber stehen im Verdacht, Häretiker zu sein? Sind die Handlungen dessen, der mit der macula haeresos behaftet ist, noch giltig? Soll der Staat nicht nächstens auf Befehl des römischen Stuhles so gegen sie vorgehen, wie Sie jetzt gegen einen untergeordneten Pfarrer vorgegnagen wissen wollen? Es ist verführerisch: man möchte eine Fortsetzung der Ketzergeschichte des Epiphanius schreiben. Oder sollte man sich besser gegen die grassirende Blatternkrankheit der Häresie impfen lassen?

Nichts ist leichter, als mit dem Vorwurf der Häresie um sich zu werfen. Wenn Sie mir drei Sätze erlauben, so werde ich Ihnen sagen, wer ein Häretiker ist. Häresis heißt ein Bruchstück. Also der, welcher nur einen Theil annimmt und nicht das Ganze, hat für einen Häretiker zu gelten. Zum Beispiel, wenn einer bloß der Kirche des Kephas oder Petrus huldigt, ist er ein Häretiker; Paulus sagt dies im ersten Briefe an die Korinther I, 12. Wer immer das Wort im Munde führt: „Tu es Petrus“ und weiter nichts weiß, ist noch kein Katholik, sondern bloß ein Petriner. Das sei ferne, daß wir vom Grundstein lassen sollten; aber der Grundstein ist nicht die Kirche, nicht der Aufbau und die Vollendung. Damit gewinnt man gar nichts. Wir haben nicht blos Petrus, den Mann des Glaubens, sondern zugleich Paulus, den Mann der Erkenntnis zu beachten, der auch darum das zweischneidige Schwert führt, aber dabei das andächtige Geschlecht nicht auf seiner Seite hatte, denn die Apostelgeschichte XIII, 50. XVII, 4 meldet, daß er von frommen Frauen von Stadt zu Stadt verfolgt wurde. Paulus selbst hat darum das zarte Wort in einem Brief geschrieben: „Mulier taceat in ecclesia„! Und Petrus und Paulus zusammen machen auch den Katholiken noch nicht aus, sondern Johannes gehört dazu, der Mann der thätigen Liebe, der reinen Humanität, wie sie von unsern braven Lehrschwestern geübt wird, die nicht verdienen, verfolgt zu werden, wie sie geübt wird von den Krankenschwestern, die wahre Wunder von Werkthätigkeit im Frieden wie im Kriege wirken, die darum auch keine Anfeindungen erleiden wurden. Es sind die christlichen Orden, welche die wahrhafte Charitas vor unseren Augen üben. Petrus, Johannes ud Paulus zusammen begründen die katholische Kirche, Glauben, Wissen und Darnachhandeln machen den Katholiken aus. Wenn das wahr und unumstößlich ist, dann mögen die Römer nur sehen, daß sie nicht die Häretiker sind! Denn sie gehen ja gerade unserer deutschen Wissenschaft zu Leibe und schmähen sie, von der sie nichts verstehen. (Links: Sehr gut!)

Wissen Sie, was die deutsche Wissenschaft ist? Es ist deutsche Geistesüberlegenheit und auf sie werden wir nie verzichten!

Was ist jetzt zu thun? Das aufgedrungene Dogma annehmen oder ablehnen, führt Beides zu nichts. Wollen die hochwürdigen Bischöfe Friede stiften, so sollen sie vor Allem den Canisius wieder einführen! Das Landvolk sah mit großen Bedauern, wie man ihm denselben genommen hat. Und ist das, was man jetzt als Katechismus herumträgt, so viel werth? Lesen Sie die Frage von Gott! „Gott ist ein Wesen, das weder lügen, noch betrügen, noch betrogen werden kann.“ Nächstens erfahren wir vielleicht ex cathedra, daß Gott auch nicht stehlen kann! (Heiterkeit.)

Sind das Definitionen, und sollen wir, weil das im Katechismus steht, uns nicht erlauben, darüber nachzudenken? Was würde ein Pythagoras, ein Plato zu einem solchen Gottesbegriffe sagen? So weit kömmt es, wenn man alle Kritik seitens der Laien verbietet, und unter sich selber keine Kritik üben darf.

Es bleibt ferner nichts übrig, als die Excommunication zurückzunehmen, das ist der einzige Weg zum Frieden und selbst nicht so schwer, wenn man sich vorstellet, wie ift Staatsminister Verordnungen zurücknehmen. Die Päpste haben schon Bannurtheile aufgehoben, noch Urban VIII. excommunicirte 1624 alle Tabakraucher. (Paul V. auch die Schnupfer, bei Fraz von Sales stand deshalb die Krone der Heiligkeit auf dem Spiele): daran denkt heute kein Mensch mehr. König Jakob I. von England drohte sogar mit dem Richtschwert, wenn man Tabak rauchte – Staat und Kirche haben sich darin nichts vorzuwerfen. Es bleibt wirklich nichts übrig, als die Excommunikation zurückzunehmen.

Wenn beides Vorgehen ein Gebot war, warum ist nicht überall excommunicirt worden, warum hat man im Lande Böhmen, wo so große Ketzer sitzen, wie bei uns der Fürst der Theologen einer ist, es nicht für nöthig gehalten? Wahrscheinlich weil dort kein Sitz der hohen Nuntiatur sich befindet?

Von Glaubensbegeisterung sind diese Excommunicationen nicht ausgegangen, denn erstens haben die Herren vorher auch nicht daran geglaubt, von jetzt nicht zu reden. Consequent müßte man auch unsern Herrn Cultusminister von der Kirche ausschließen, unsere Universitätsprofessoren gelten bereits alle für excommunicirt, und wir hier dürften es auch werden, vielleicht sogar ich?

Es ist nichts Unerhörtes, wenn ich sage, man nehme die Excommunication zurück. Das ist geschehen unter einem Fürsten, welchen der erste Herr Secretär vorhin genannt hat, unter dem erzkatholischen Maximilian. Er war bedacht, seinen kaiserlichen Ahnherrn Ludwig dem Bayer eine Ehrenrettung zu gewähren für die maßvolle Unbill, die ihm von Rom, vielmehr von Avignon aus, zugeführt worden war, damals als der römische Stuhl in den Händen der liebenswürdigen Franzosen war. Es fehlte nur, daß die Päpste nach Pau übersiedelten; lavirt doch vor Cività Becchia noch der „Orinoko“, um den sich von Frankreich zu bringen. Dann könnten dieselben Maledictionen sich wiederholen, wie vor sechshalb Jahrhunderten.

Also Maximilian wollte Kaiser Ludwig dem Bayer ein Denkmal von Erz errichten, das der beste damalige Erzgießer gegossen hat, wie wir den ersten Meister des Erzgusses in unseren Jahrhundert hier in unserer Mitte haben. (Das Monument steht in hiesiger Liebfrauenkirche.) Maximilian verlangte dabei von Rom die Zurücknahme all‘ der schauerlichen Bannflüche, die man gegen seinen kaiserlichen Ahn ausgestoßen: Rom that es. Der Bannfluch des kraft des rückwirkenden vatikanischen Dogma gleichfalls unfehlbaren Papstes Clemens VI lautete: „Die göttliche Allmacht werfe Ludwig nieder und übergebe ihn den Händen seiner Feinde und Verfolger! Sie lasse ihn in ein unversehenes Netz fallen! Sein Ein= und Ausgang seien verflucht! Der Herr schlage ihn mit Narrheit und Blindheit! Der Himmel verzehre ihn durch deinen Blitz! Der Zorn Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus entzünde sich über ihn in dieser und jener Welt! Die ganze Erde waffne sich gegen ihn! Der Abgrund thue sich auf und verschlinge ihn lebendig! Sein Name möge nicht über Eine Generation hinaus dauern, und sein Andenken unter den Menschen erlöschen! Alle Elemente seien ihm feindlich! Sein Haus soll wüste gelassen und seine Kinder aus ihren Wohnungen vertrieben werden, ja vor den Augen des Vaters durch seine Feinde umkommen!

Und als der Jesuit Bzovius sich herausnahm, in der Fortsetzung der Annalen des Baronius den über Ludwigs Kaiserwahl aufgebrachten Papst zu rechtfertigen, verlangte der Kurfürst von Bayern, daß dieses Schriftstück von Rom mißbilligt werde, und Rom fügte sich! Also kann man Excommunicationen zurücknehmen. Es ist überhaupt etwas Entsetzliches um dieses Excommuniciren, die infulirten Herren dürfen besser überlegen, was sie thun, und nicht mehr so voreilig handeln.

All die Bannurtheile haben ihr Vorbild in dem furchtbaren Fluche, den Esra gegen die Samariter geschleudert. Was that dagegen Christus? Er ging in eigener Person nach Samaria, und setzte sich mit den Gebannten an einen Tisch; er stellte sie als Muster dankbaren Gottvertrauens und werkthätiger Nächstenliebe auf in dem Gleichnisse vom barmherzigen Samariter, er ließ sich selbst einen Samariter schelten, und gleich ihnen verktzern. (Johannes VIII, 48.)

Also kann man recht wohl ein guter Katholik bleiben, wen man von Rom noch so sehr verketzert wird. Möge man meine Worte mir vorerst verargen, ich bin überzeugt, daß ich als guter Christ so reden kann. Verbannt und verdammt sein macht nicht den Ketzer aus, und hat vielleicht vor Gottes Augen gar keine Geltung.

Der Staat hat, soferne er es geltend machen will, ein unveräußerliches Recht, auf Zurücknahme des, jedenfalls verfrühten, Kirchenbannes zu dringen. Man muß wissen, daß schon in den Rechtsbüchern Justinians die Novelle 123 von der Verpflichtung des Staates handelt, sich der ungerechtfertigt Excommunicirten anzunehmen. Das hat man denn auch von jeher gethan. Früher war man kirchlich viel freier, jetzt schnürt man uns förmlich den Hals zu. In dem glaubenseifrigen Mittelalter bestanden Thomisten und Scotisten, Rominalisten und Realisten nebeneinander, niemand hat sie Ketzer genannt. Jetzt könnte man, nicht zu reden von Jansenisten und Irvingianern, die Hermesianer, Güntherianer, Döllingerianer und vor Allem auch die Minimisten als Ketzer anführen. Wohin soll das führen? Ist das christlich, frage ich? In früheren Zeiten ließ man sich so etwas nicht gefallen.

Wir Deutsche sind die Heloten der Römer, sie fangen mit uns an, was sie wollen, sie erfinden alle Jahre etwas Neues, um uns das Geld aus der Tasche zu nehmen. Wir tragen in einemfort Gold, Weihrauch und Myrren zur Einbalsamirung des dortigen Leichnams nach Rom.“ So, meine Herren, hat man früher geredet, in viel stärkeren Worten hat man opponiert.

Eine halbe Stunde von meinem elterlichen Hause hat die Wiege des Eusebius Amort gestanden, der für den besten Theologen des katholischen Deutschlands in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gilt, so daß der erleuchtete Papst Benedikt XIV. fortwährend schriftlich mit ihm verkehrte und er in hoher Gunst bei seinem Nachfolger Clemens XIII. sich erhielt. Amort hat eine Menge Schriften hinterlassen, aber vor Allem als Mann der Opposition sich ausgezeichnet. Er war eben ein Deutscher, und meinte es als solcher mit der Wahrheit ernst, nicht wie die Wälschen, die mit religiösen Dingen Firlefanz treiben.

Die Religion hat längst auf die Bildung der Italiener keinen Einfluß mehr, und wieviel erhabener der Kölner Dom dasteht als die Peterskirche, um so viel ist der deutsche Charakter und unser Christenthum besser als das italienische. Wir sind nicht verpflichtet, italienische Christen zu werden. Wie Boffuet erklärte: „Die französische Nation ist so gut katholisch, wie die italienische!“ – so können wir sagen: „Die Deutschen sind so gute oder bessere Katholiken, wie die Italiener.

Amort also hat sich energisch dagegen erklärt, daß Rom eine Heiligsprechung einer spanischen Seherin Maria von Agreda vornehme, und sie unterblieb; er hat es auch dahin gebracht, daß ihre frommen Gesichte verworfen wurden. Heutzutage schien es mir angezeigt, gegen ähnliche Visionären, wie Katharina Emmerich, die fort und fort auf die Kanzel gebracht wird, ebenfalls ein Veto einzulegen; gegenwärtig aber ist Maria Taigi in Rom als christliche Pythia angesehen, von der man Erleuchtung entnimmt. So ist ein eigentliches Frauenregiment in der Kirche herrschend geworden. Es ist nothwendig, daß also Männer mit festem Muthe sich dagegen stämmen.

Amort hat ganz die gleiche Haltung eingenommen, wie unser Einer, und wurde nicht excummicirt. Wie hat man es früher gehalten, als Gregor IV. – das Beispiel fällt mir eben ein – den Kaiser Lothar über die Alpen nach Frankreich begleitete und gegen Ludwig den Deutschen Partei ergriff. Als der Papst drohte, er werde die deutschen Bischöfe wegen ihrer Anhängigkeit an König Ludwig excommuniciren, da antworteten diese ihm folgendermaßen: „In keinem Falle wollten sie sich seiner Autorität unterwerfen, und wenn der käme, sie zu excommuniciren, so würde er selber, mit dem Banne, von dannen ziehen.“ *)

*) „Nulle modo se felle ejus autiritate succumbre, sed si excommuricans adveniret, excommunicatus abiret.“ (Astronomus; Vita Ludovici. C. 48)

Also die Bischöfe haben gedroht, den Papst selbst von der Kirche auszuschließen, der sie zur Untreue gegen ihren Landesherren verleiten wollte. Das war eine deutsche Antwort; aber freilich hatten damals die Bischöfe noch nicht den Eid der unbedingten Obedienz zu leisten: „allzeit beizutragen zu Mehrung der Macht des römischen Stuhles.“ Sie waren sich noch bewußt, so gut Nachfolger der Apostel zu sein, wie der Papst. O daß jenes katholische Bewußtsein wiederkehrte! Gegenwärtig vereinigt der Pontifer zugleich das Amt des höchsten Lehrers und des obersten Richters. Wo ist je so etwas vorgekommen, daß Einer zugleich Gesetzgeber und Richter ist? Das ist so ein abnormer Zustand, wie er gar nicht greller gedacht werden kann.

Ich habe kürzlich zu meiner großen Befriedigung in den historisch=politischen Blättern 1872 S. 5 den Satz aus der Feder Herrn Jörg’s gelesen: „Die Christliche Gesellschaft kann nicht einem einzigen Volk eigen sein, so wenig als die göttliche Offenbarung.“ Das ist richtig, es kann aber auch nicht einem einzigen Menschen eigen sein, so wenig als ein einzelnes Volk Träger des Christenthums ist. Schon bei der Grundlegung des Christenthums war wesentlich auf die Germanen gerechnet. Was wäre aus der römischen Kirche geworden, hätten wir Deutsche sie nicht gehalten, und gegen die Saracenen bei Torus, wie gegen die Türken vertheidigt. Wir Deutsche haben auch den Kirchenstaat gegründet, und niemand anderer. Aber es scheint, daß die Jetztzeit den Kirchenstaat nicht mehr aufrichten will noch darf, sill nicht der Streit zwischen den Welfen Gibellinen neuerdings erwachen, der das alte Reich dem Untergange nahe betrachte und das neue gleichfalls zu Grunde richten müßte. Man hat in Rom schon so oft das Wort „non possumus“ gebraucht, daß wir es auswendig können; jetzt ist es an uns zu sagen: „Bis hierher und weiter nichtl.

Bei der Ohnmacht und totalen Niederlage der Bischöfe, welche Rom gegenüber zu Kammerknechten erniedrigt sind und uns Bütteldienste zumuthen, muß der Staat nothgedrungen die Kirchenfrage mit lösen helfen. Lassen Sie mich noch mehr Beispiele anführen, wie man in früherer Zeit bei solchen Excommunicationen verfahren ist. Ich habe da ein eben erschienenes, interessantes Werkchen „Verhältnis zwischen Staat und Kirche“ von einem sehr hellen Kopfe, Professor juris Friedberg in Leipzig. Hier werden eine Masse Fälle aufgezählt, die Lücken ergänzt der Geshichtskundige aus dem Gedächtnisse.

„Als Heilbronn 1370 gebannt wurde, warf der Magistrat alle Geistlichen ins Gefängniß.“

„Die Stadt Regensburg schloß aus demselben Grunde im Jahre 1357 alle geistlichen Schulen.“

„Straßburg, das schon früher die Träger der Bannbullen gegen Ludwig den Bayer in den Rhein geworfen hatte, erklärte: „sit das sü hettent vorgefunden, so soltent sü auch fürdas singen oder aber us der Stat gon“, d.h. ins heutige Deutsche übersetzt: entweder singt Messe, traut, tauft und begrabt, wie früher, oder macht daß ihr fortkommt.“ Ich führe das nicht an, als ob wir es nachahmen sollten, aber als Beweis, daß man in gut katholischen Zeiten ganz anders gedacht hat und nicht so servil war, wie heute! Wir Deutsche haben auch unser Recht in der Kirche und wir werden es uns nicht nehmen lassen. Wenn Sie, die Herren vom Klerus, schwach genug wären, Alles hinzunehmen, was man uns bietet, so werden Andere an Ihrer Stelle für die Rechte der Deutschen in der Kirche eintreten.

Im Concordatsentwurfe Karls V. heißt es, daß die Pfarrherren verpflichtet seien, den Verbannten trotz ihres Ungehorsams die Sakramente zu reichen. Das ist ein eclatanter Fall. Die Staatsregierung ging damals so weit, die Pfarrer, welche sich weigerten, den Excommunicirten die Sacramente zu spenden, hiezu sogar zu zwingen. Das thaten katholische Fürsten, ich empfehle übrigens den Staatsregierungen, deren Beispiel nur mit Mäßigung zu folgen, daß sie nicht soweit gehen, wie man damals gegangen. Nur mußten sie bei der ersten Excommunication das Quos ego! aussprechen, und ich mache es sammt und sonders den Herrn Cultusministern in Deutschland zum Vorwurf, weil sie das nicht gethan. Es handelt sich um einen Verfassungsbruch, wie das Referat sagt, aber der Verfassungsbruch ist in der mit dem Staatswesen innigst verflochtenen Kirche erfolgt. Rom springt mit den Staaten, wie mit den Katechismen um, wo fortan Alles auf den Kopf gestellt, und das, wovon sein Wort in der Bibel steht, das, was der Tradition der Geschichte und dem Lehramte widerstreitet, uns zur Beunruhigung der Gemüther als Dogma aufgedrungen werden will.

Ferdinand der Katholische und Philipp II. von Spanien, diese katholischen Größen, haben Rom gegenüber ihre Rechte handhabend, nur zu arg verfahren; ich will es gar nicht gesagt haben, daß sie die Bischöfe, welche das Placetum umgingen, suspendirten, aber nach der hochnothpeinlichen Halsgerichtsordnung! es ist schauderlich.

Im Jahre 1596 erging von Seite Maximilians I., des Katholischen von Bayern, dem spätern Kurfürsten, an die Regierung zu Burghausen der Befehl, alle diejenigen, welche die vom Bischof von Passau ausgenommene Excommunication verkünden würden, sofort in Haft zu legen. Im Jahre 1598 verlangte derselbe Herzog von dem nämlichen Bischofe Aufhebung des über den Pfleger von Griesbach verfügten Bannes:

„Widrigenfalls Wir Unsern Bann auch aufthun,
und solche Mittel für Hand nehmen müßten,
die Wir lieber umgehen wollten.“

So erklärte damals der Regent von Bayern. Er sorgte zugleich durch Anordnung eines eigentlichen landesherrlichen Commissariats dafür, „daß nicht etwa durch Verhängung einer öffentlichen Buße das landesherrliche Ansehen verminder werde“, indem man den Pfleger von Griesbach wieder in die Kirche aufnehme.

Ebenso richtete er im Jahre 1630 ab deb geistlichen Rath in Augsburg das Verlangen, die ohne Schuld in den Kirchenbann Verfallen nicht bedrängen zu wollen. Er verfügt die Nichtigkeit einer voreilig verhängten Excommunication im Jahre 1640, und wies 1649 die geistlichen Räthe in Freising an, einen Pfarrer, der zwei Unterthanen als excommunicirt aus der Kirche gewiesen hatte, zur Strafe zu ziehen. So hat der altkatholische Fürst geantwortet und ist dabei katholisch geblieben!

Unter Ferdinand Maria erging im Jahre 1662 ein geistlicher Rathschluß, daß ungeachtet der vom Bischof von Augsburg verhängten Excommunication der Pflegecommissär in einer, zwischen einem Pfarrer und den Unterthanen verhandelten Injuriensache, beruhigen, und die Sache weiter verhandeln solle.

So wurden im Jahre 1671 die geistlichen Räthe in Freising aufgefordert, die gegenden Markt Tölz ausgesprochen Censuren zurückzunehmen. Die Leute meiner Heimath dachten damals, wie mit einige Isarthaler von heute sagten: Einer allein macht es nicht aus, Unfehlbarkeit ist ein starkes Stück.

Ich will keine weiteren Beispiele anführen, mache auch niemand für den Gang der Ereignisse persönlich verantwortlich. Ich betrachte das Ganze als provinzielles Vorkommniß. Es ist eine alte Weissagung, das Ansehen der römischen Kirche werde dauern vom ersten Petrus bis zum zweiten, der so lange wie der erste Petrus regieren, auch ein gleich hohes Alter erlangen würde. Hat man in Rom nicht schon Pius IX. als Petrus II. ein Monument gesetzt?

Glauben Sie, es sei Zufall, daß es an einem und demselben Tage, wo Rom mit der Concilsabstimmung die gegenwärtigen Feindseligkeiten eröffnete, Frankreich uns den Krieg erklärte? Nicht als ob gegenseitig zuvor eon Einverständniß bestanden, wie gesagt: ich betrachte es als etwas Provintielles. Zwei Monate darnach und – Rom war verloren. Nur sechs Monate darnach, und – der deutsche Kaiser war zu Versailles proklamirt. und acht Tage darnach ergab sich Paris. Rom war nich früher gefallen als Paris! Wir haben der französischen Mißstände abzuschütteln wissen. Glauben Sie, es sei Zufall, daß an demselben Tage, dem Jubiläumstage des Papstes, der deutsche Kaiser seinen Triumpheinzug in die neue Kaiserstadt hielt?

Meine Herren! Das sind gottgewollte Ereignisse; darum sehe ich von Persönlichkeiten ab und werfe keinen Stein auf irgend jemand. Wie gehen doch die Ansichten auseinander! Die Römer trugen Pius IX. im August 1871 durch den Marquis Cavaletto den Ehrennamen „der Große“ an; dagegen erklärte ein deutscher Bischof: Man wird den Papst wohl den Großen nennen, aber mit dem Zusatze – ich will das lieber in einer fremden Sprache ausdrücken, damit ich niemanden ärgere – il gran devastore oder distruottore della chiesa. (Bewegung.)

Die Zukunft wird entscheiden, wer recht hat. Was ist nun für uns zu thun? Es muß sich im Laufe der Diskussion irgend ein positiver Antrag herausbilden, denn wir bewegen uns hier in lauter Negation. Der Friede soll gestiftet, die alte Ordnung soll wieder hergestellt werden. Erwarten Sie etwa von mir, daß ich den Uebergang zur Tagesordnung motivire: „Die Kammer beklagt aufs tiefte die Veranlassung der jetzigen Unruhen in der Kirche, und lehnt mit Bedauern den bishöflichen Antrag ab.“ Das Bedauern erstreckt sich natürlich auf die unsichere Haltung des Episkopats, wodurch der Staat in die äußere Zerrüttung, und die Kirche in die Gefahr einer neuen Glaubensspaltung kommt. Oder soll ich einen direkten Antrag dahin formuliren, die hohe Kammer lege dem Ministerium die Anforderung nahe, dahin zu wirken, daß die so rasch verhängten Excommunicationen zurückgenommen werden? Meine Herren! Keiner dieser beiden Anträge werde ich stellen, ich bewege mich vielmehr ganz allein auf dem formalen, verfassungsmäßigen Boden. Ich hätte noch Redestoff für 2 oder 3 Stunden, und meine Lunge und Zunge würde vollständig ausreichen; aber ich will den besten Theil meiner Rede auf den Schluß versparen. Ich werde wahrscheinlich noch einmal zum Worte kommen bei Vertheidigung eines Antrages, den ich mir vorbehalte, dahin zu fassen:

„Angesichts der drohenden Gefahr einer neuen Kirchenspaltung, der wachsenden Aufregung der bürgerlichen Gesellschaft, und der inneren Zerrüttung der Hochschule wie der übrigen Lehranstalten beschließt die Kammer: an Seine Königliche Majestät die allerunterthänigste Bitte um sofortige Ausführung des §56 der II. Beilage der Verfassungsurkunde zu stellen, dahin lautend:

  • „Der Regent ist befugt, wenn er wahrnimmt, daß bei einer Kirchengesellschaft Spaltungen oder Mißbräuche eingegriffen sind, zur Wiederherstellung der Einigkeit und der kirchlichen Ordnung unter Seinem Schutze Kirchenversammlungen zu veranlassen, ohne jedoch in Gegenstände der Religionslehre sich einzumischen.“

Zugleich wird der königlichen Staatsregierung der Wunsch nahe gelegt, zur Regelung der äußeren Angelegenheiten der katholischen Kirche in Deutschland auf das Zustandekommen einer gemeinsamen Synode nach dem Vorbilde der I. deutschen Kirchenversammlung zu Frankfurt unter Karl dem Großen hinzuwirken.“

(Schluß der Sitzung.)

Zweiter Tag der Kammerdebatte 24. Jänner.

Bei Eröffnung der Sitzung überbringt Herr Abgeortneter Graf Fugger=Blumenthal ein Schreiben aus dem erzbischöflichen Palais, dem ersten Redner dieses Tages.

Präsident Freiherr von Ow. Ich gebe auf Grund der angelegten Rednerliste das Wort Herrn Dr. Ruland.

Dr. Ruland:

Der Herr Erzbischof Gregor hat folgendes Schreiben an ein Kammermitglied mitgetheilt, und ich möchte den Herrn Präsidenten bitten, es theilt weise vorlesen zu dürfen, weil es sich um eine Ehrensache handelt:

„So eben wurde mir die Mittheilung, daß in heutiger Sitzung der Kammer der Abgeordneten Herr Professor Dr. Sepp wiederholt meiner in einer Weise erwähnte, daß die Rücksicht auf die Wahrheit und auf meine Ehre mit gebietet, das Schweigen, welches ich sonst bei allen Angriffen auf mich zu beobachten gewohnt bin, diesmal zu brechen.

Herr Prof. Dr. Sepp erzählte nämlich der hohen Kammer 1) daß ich auf den Knien und unter Thränen dem heiligen Vater gebeten und geschworen habe, die Defenition des Lehrsatzes von dem unfehlbaren Lehramte nicht zu vollziehen, 2) daß ich selbst nicht an dieses Dogma glaube, und das ich 3) zu dem gegen mehrere Priester meiner Erzdiözese nothwendig gewordenen kanonischen Verfahren zunächst wohl von der hiesigen apostolischen Nuntiatur veranlaßt worden bin.

Dem gegenüber erkläre ich den sub. 1 dargestellten Vorgag als vollständig unwahr und aus der Luft gegriffen, und weise ich die sub. 2 und 3 aufgestellten Behauptungen als unberechtigte Verdächtigung meiner Orthodoxie und meiner amtlichen Wirksamkeit mit Entrüstung zurück…..

Die Behauptung, daß ich erst in Folge einer Weisung der apostolischen Nuntiatur das gethan habe, was geschehen ist, enthält für mich eine Beleidigung, die ich unmöglich auf mir ruhen lassen kann; denn sie setzt voraus, daß ich selbst meine oberhirtliche Amtspflicht nicht kannte, oder sie zu erfüllen nicht den Muth hatte.

Ich sehe mich deßwegen veranlaßt, gegen die öffentlich ausgesprochenen Behauptungen und Beschuldigungen des Herrn Abgeordneten Prof. Dr. Sepp auf das entschiedenste zu protestieren, und bitte Sie, bei geeigneter Gelegenheit der Kammer der Abgeordneten auch öffentlich von diesem Proteste Kenntnis zu geben.“

So der Erzbischof!

I. Präsident:

Meine Herren!

Die Reihe der vorgemerkten Redner kann allerdings untervrochen werden zur Vorbringung der Berichtigung einer Thatsache. Zu diesem Zwecke hat der Herr Dr. Sepp das Wort begehrt. Ich ersuche ihn, vorerst die Thatsache. Zu diesem Zwecke hat der Herr Dr. Sepp das Wort begehrt. Ich ersuche Ihn, vorerst die zu bezeichnen, die er berichtigen will, dann aber bei der Berichtigung sich in den Schranken derselben zu halten.

Dr. Sepp:

Meine Herren!

Ich habe auf den dreifachen Widerspruch, welcher von Seite des hochwürdigen Herrn Erzbischofs gegen Aeußerungen in meinem gestrigen Vortrage eingeleitet wird, Rede und Antwort zu geben. Ich bin dieses mir und dem hohen Hause schuldig, und da ich meine thatsächliche Berichtigung nicht in zufällige Worte fassen will, bitte ich, mir zu gestatten, kurz das Concept einer erhrerbietigen Erwiderung an seine Excellenz hier ebenfalls vorlesen zu dürfen:

„Mein ganzes Leben gibt es davon Zeugnis, daß ich wohl manchen Stein der Kirche wissenschaftlich aus dem Wege geräumt, aber niemals einen Stein auf sie, meine Mutter, geworfen habe; ebenso wenig auf meinen hochwürdigen Metropoliten. Ich habe vielmehr mit gerühmten Danke anerkannt, daß derselbe in Rom vor dem Papste und Concil seine anfängliche Ueberzeugung bis zum Ende standhaft vertreten, daß er all den wichtigsten Acten der opposiotionellen Minorität, zu welcher die bedeutsamsten Kirchenfürsten aus Deutschland, Frankreich, Ungarn und selbst Norditalien zählten, sich in erster Linie betheiligt hat. Die heutige Erklärung, man habe keineswegs in einem Fußball oder händeringend den heiligen Vater beschworen, von seinen Verlangen nach der Infallibilität abzustehen, beruht nur auf Redewendungen; denn meine Angabe*) darf für weltbekannt gelten. Historisch fest steht die Scene vom 15. Juli 1870m wobei wenigstens Herr Bischof Ketteler vor dem Papstem Einer für Alle, den Fußball that, und unser hochwürdiger Herr Erzbischof voran in der Deputation der berührten Remonstranten stand. Las man davon doch in den Blättern von halb Europa. Was die Thränen des Schmerzes betrifft, so berufe ich mich, wahrhaftig nicht im Sinne eines Vorwurfes, auf das Zeugniß eines hochgefeierten Mitgliedes des englischen Parlaments, eines Lord (Acton), welcher während der Concilsdauer in Rom verweilte und bei seiner lebhaften Theilnahme an der katholischen Sache, die er gleich Montalembert in Frankreich, seit lange vertritt, keinen Grund hatte zu verschweigen, wie der hochwürdige Kirchenfürst nicht bloß einmal mit Zähren im Auge und an das Spha geklammert, über den Zwang, der an ihm und seinen geistlichen Mitbrüdern verübt werde, sein Herz ausgeschüttet habe.“

*) Vgl. nachträglich Friedrichs Tagebuch S. 386. 389.

Was den zweiten Vorwurf gegen die Verlässigkeit meiner Worte betrifft, so habe ich zufällig den Zettel aus dem gedruckten Blatte in der Tasche, worin der neue Paul Sarpi schreibt:

„Ein hochwürdiger Herr Erzbischof sagte mir kurz vor meiner Abreise von Rom nachdrucksvoll:

„“Ich begreife gar nicht, wie ein vernünftiger Mensch noch von einer persönlichen Infallibilität des Papstes sprechen kann.““

Damals verstand man aber unter persönlicher Infallibilität, was man jetzt amtliche nennt.“

(wiederspruch rechts.)

Das Nähere hat Ihnen der erste unter den Canonisten, der jetzt lebt, Prof. Schulte in Prag, längst auseinandergesetzt. Doch Sie haben es nicht gelesen.

Welche Stimmung gegen die Unfehlbarkeit von Anfang hier im erzbischöflichen Palais herrschte, weiß halb München, aber ichselbst werde keineswegs Privatäußerungen hier mißbräuchlich wiedergeben.

Was dann drittens den Einfluß der hohen Nunciatur anbelangt, so habe ich gleichfalls nur zu Entschuldigung des hohen Mertropoliten eine Bemerkung hingeworfen. Ausführliches liest man im „Rheinischen Merkur„, mit dem ich übrigens in keiner nähreren Beziehung stehe, ich habe niemals einen Artikel in denselben geschrieben. Dort steht von gewissen Umtrieben u.s.w. Ich selber darf bezeugen, daß mir mehrfach selbst in meinem Hause die Ehre eines Besuches von einem äußerst rührigen Mitgliede der päpstlichen Legation zu Theil ward, und der verstärkte Versuch, mich für den unfehlbaren Papst zu stimmen, hat mich einmal so geärgert, daß ich darüber acht Tage angegriffen war.

Demnach ist es nichts so Außerordentliches, wenn ich auf diesen Einfluß hingewiesen habe. Von mit hieße es, der erkannten besseren Wahrheit wiederstreben, und wäre eine Sünde gegen den heiligen Geist, wenn ich anders reden würde, als ich gethan. Ich habe mich niemals überreden lassen, überzeugen aber lasse ich mich bereitwillig.

Uebrigens ist auffallender Weise in der hier veröffentlichten Zuschrift mit keinem Worte meine Anführung widersprochen, daß der Hochwürdige jedem, der es hören wollte seither noch erklärte:

„Wenn es heute anginge – würde er in Rom dieselbe Sprache führen, vor der Kirchenversammlung, wie 1870.“

Heißt das an das Concildogma glauben? war daraufhin in natürlicher Folgerung in Frage gestellt. Ich habe ehrfurchtsvoll geredet und ausfrücklich noch die Gelegenheit ergriffen, dem hochwürdigen Herrn Erzbischof den Dank für die Restauration der Frauenkirche auszusprechen. Wie viel übrigens gewisse Versicherungen des Gegentheiles mit gegenüber werth sind, zeigt das Verhalten des unter oberhirtlicher Autorität erscheinenden Münchener Pastoralblattes, welches mancherlei Versicherungen ertheilt, wovon das gerade Gegentheil wahr ist.

(Rufe: Zur Sache!)

Das gehört hierher; ich bin Ihnen nur zu sehr bei der Sache.

Ich muß nämlich sagen, daß in diesem Pastoralblatte mehrfach die Unterschrift des hochwürdigen Bischofs geradezu zu Erklärungen mißbraucht wird, die sich nicht rechtfertigen lassen.

(Rufe: Das gehört nicht zur Sache!)

Das gehört allerdings zur Sache.

Ich habe erst kürzlich die Gelegenheit gehabt, eine solche Versicherung, daß unsere theologischen Lehrer der Dogmatik bisher die Unfehlbarkeit auf dem Katheder und in ihren Büchern gelehrt hätten, in einem Artikel zu besprechen und habe mein Bedauern darin ausgedrückt, denn wer kann da noch glauben, wenn man es in solchen Ansprachen und motivirten Erlassen mit der Wahrheit so wenig genau nimmt, ja, ihr durch entgegengesetzte Betheuerungen ins Gesicht schlägt!

Nach all dem kann ich die Erklärung, welche der hochwürdige Metropolit hier gegen mich abgegeben hat, für keine Widerlegung ansehen. Ich zweifle keinen Augenblick, daß Entgegnungen noch von anderer Seite eintreten werden. Ich selber werde niemals weitere Namen nennen; aber nöthigenfalls Ihnen Zeugen zu stellen – soll mir nicht verwehrt sein.“ –

Desselben Abends erschien die Erklärung des hochwürdigen Metropoliten in Folge Zusendung von erster Hand in Hochdessen Leiborgan, dem Volksboten Nr. 20, vollständig, aber mit dem Zusatz: „denn wenn ich auch nach meiner Rückkehr aus Rom ein paarmal die Aeußerung machte, ich würde, wenn ich nochmals abstimmen müßte, wieder so stimmen, wie ich gestimmt habe, so kann aus dieser Aeußerung unmöglich gefolgert werden, daß ich deßhalb nicht an das genannte Dogma glaube. Das ist für jeden, der mit der Fähigkeit logisch zu denken, die nöthige Ehrlichkeit verbindet, so selbstverständlich, daß ich es wohl nicht zu beweisen brauche.“

Der Herr Abgeordneter Ruland aber unterdrückte den obigen (in den stenogr. Berichten nur durch . . . . . . . angedeuteten Passus, wobei die durchschossenen Worte von erzb. Hand unterstrichen sind) in dem natürlichen Gefühl, daß hiermit der Protest sich selbst aufhebe. Das Schreiben brachte anderen Tages in extenso ebenso das s.v. Vaterland, Postzeitung, Münchner Kurier, Regensburger Morgenblatt u.s.w., die als Verfechter der erzbischöflichen Logik einander anzugehören die Ehre haben. Ich darf erinnern, daß ich drei Jahre Professor der Logik war, und Mangel an Denkkraft hat mir noch niemand vorgeworfen; aber scharf jedem aufzufassen wissen leider nur wenige. Ich kann getrost jedem denkenden Menschen das Urtheil überlassen, ob es mir an Ehrlichkeit oder, ich weiß nicht, welcher Vorwurf stärker klingt, an logischen Verstande fehlt? Am 28. Dezember 1869 sprach Erzb. v. Scherr hocherfreut über die oppositionellen Redner wider das Schema I de fide im Freundesstreite: „Die Briefe vom Concil in der A. A. Z. sind nicht nothwendig, jetzt haben die Bischöfe die Sache in der Hand und sie thun ihre Schuldigkeit.“ Er versäumte nicht, dieß zu wiederholen mit der Erklärung: aus sachlichen Gründen sei er gegen die Definition, nicht bloß aus Utilitätsrücksichten (Tagebuch 54, 149, 299). Derselbe sprach am 21. Juli 1870 zu der bei ihm sich vorstellenden theologische Fakultät: „Sie wissen ja. daß es in der Kirche und den Lehren immer Veränderungen gegeben hat.“ Doch wandte sich dabei von dem über diese Aeußerung höchsterstaunten Stiftspropste ab, und eine Thräne stand ihm im Auge, die ihm wahrlich keine Schande macht. Wir können nicht helfen und geben es jedem Diözesanen zu überlegen: unser eigener Oberhirt glaubt nicht an die Unfehlbarkeit, er unterwirft sich nur im Gehorsam, und nennt dieses mißbräuchlich „glauben.“ Der ehrwürdige Metropolit hat meinen Ausspruch also erst Nachdruck gegeben und mich vollkommen gerechtfertigt. Ich kann nur wiederholen: Der hochwürdige Episkopat, soweit er mit unserem Nachfolger Cordinians übereinstimmt, glaubt platterdings nicht an das Dogma der unfehlbaren Päpstlichkei, er fügt sich äußerlich, rebellirt aber innerlich. Die vorige Opposition protestirt im herzen fort und würde ihren Protest sofort wieder manifestiren, wenn es am Orte wäre. Wie könnte man glauben und doch abermals non placet sagen? Non est opportunum ginge allenfalls an.

Die Endabstimmung am 27. Jänner ergab Stimmengleichheit, 76 gegen 76, wodurch der Antrag der Ausschußmajorität abgelehnt war (zum großen Glücke, weil dadurch den leichtfertigen Excommunicationen für die Zukunft vorgebeugt scheint). Die „kathol.=patriotische“ Partei hat mit diesem Tage die Majorität in der Kammer eingebüßt, dafür mag sie sich bei den Erfindern des neuen Dogma, den unfehlbaren Rathgebern Gr. Heiligkeit bedanken.

Die verlorene parlamentarische Feldschlacht in der Meringer Affaire hat dem päpstlichen Uebergriff ein wahres Marengo bereitet.*) Die Weltgeschichte wird über das Vatikanum ebenso zur Tagesordnung übergehenm wie die Kammer über die bischöfliche Beschwerde.

*) Nachträglich spreche ich den Dank aus, daß die Revision meiner stenographirten Rede statt meiner der II. Hr. Kammersekretär übernahm, so daß mir hier nur die Uebergänge und Ramensverstöße, wie Bzovius für Bezovius zu berbessern blieben, der Gedankengang war vollkommen richtig gegeben.

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 14: Zur Versöhnung der Confessionen

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 14: Zur Versöhnung der Confessionen.

Gott bewahre Deutschland vor einem neuen papstlich-aftermystischen Glaubensriße! Geben wie die Hoffnung nicht auf. es nahe jetzt im Kirchlichen eine Reaction der gefundenen Kräfte. Wir erwarten mit Zuversicht, der jammervolle Beschluß des Vatikanums werde den entgegengesetzten Erfolg haben, und statt uns gänzlich zu unterjochen, vielmehr eine Emancipation von der unerträglichen theokratischen Tyrannei nach sich ziehen, wenn anders Geist und Wissenschaft gegen Satzungen blinder Willkür noch eine Macht sind. Es naht eine andere geistesregsame Zeit, wobei der Stuhl Petri freiwillig in den Vordergrund der Discussion gestellt wird. Obwohl Vorsichtige warnten: La fede non pud ammettere discussione – ging Rom selbst voran.

Lesen wir doch, daß in Folge einer Herausforderung in der Gazetta la Capitale am 1. Februar zur Glaubensdisputation mit Genehmigung des Papstes, Don Ag. Guidi, Enrico Falbiani und Gius. Tipalla am 9. und 10. Februar in der Akademia Tiberina gegen drei Sprecher im Namen von 16 evangelischen Geistlichen, Sciarelli, Ribetti und Gavazzi, unter dem Vorsitze des Principe Chigi di Campagano und Advocato de Dominicus Tosti, anderseits der Herrn Piggot und Philips in die Schranken traten. Es galt die Frage, ob Petrus jemals in der Tiberstadt war? mir selbst würden uns dabei auf die Seite der Papstgläubigen stellen, nur verzichte man auf die Aufnahme, daß Petrus bereits 42 aer. vulg., statt gegen Ausgang der Regierung des Nero dahin gelangte. Das 25jährige Pontifikat datirt vielmehr von der Gründung des Stuhles zu Antiochia, dessen Patriarchen ja auch Vikare Petri sind.

Petrus und Johannes gehen als zwei Zeugen nach Samaria, Paulus und dann Pertrus als Apostel nach Rom, um dort zu lehren, Rom hat vor und ohne den ersten Papst das Christenthum empfangen. Petrus ist nicht der einzige und eigentliche Gründer der römischen Kirche, sondern lange vor ihm ist Paulus eingetroffen, die Kirche im Lateran oder Palast der Familie Lodron war Kathedrale, die Häupter beider Apostel wurden dahin gebracht, und Mabillion untersucht, warum auf den ältesten Siegelnn zuweilen jenes des Paulus den ersten Rang einnehme. Noch Papst Hormisdas schreibt 515: „Dem erhwürdigen Sitze des Petrus und des in Allem überaus weisen Paulus muß die gebührende Achtung erwiesen werden.“

Beim heiligen Petrus und seinem Mitapostel schwört der Papst bei seiner Thronbesteigung, festzuhalten an der Reinheit des Glaubens, den allgemeinen Synoden*) u.s.w.

Oeffentliche Disputationen können der Wahrheit nur förderlich sein; aber die Einladung dazu werden die Unfehlbaren nicht oft anzunehmen wagen. Mit welchen geistigen Waffen wollen diese kämpfen? sie haben den Landsturm und das Frauenvolk für sich, das sich auf den Spruch zu Gute thut: „Was kein Verstand des Verständigen sieht, das faßet in Einfalt ein frommes Gemüth.“ Nun höre man in Rom das Ende vom Liede. Am 11. März ging das Triduum zu Ende, welches die Römer zur Abwendung des göttlichen Zornes über diejenigen veranstalten, welche die frevelhafte Behauptung wagten, Petrus sei nie in Rom gewesen. „Der Gefangene des Vatikan“ sah unbemerkt und hochbefriedigt der endlosen Prozession andächtiger Personen mit brennenden Kerzen durch den St. Petersdom zu. So sind die Römer!

*) Schulte Stellung der Concilien, Päpste und Bischöfe 125. 128 f. 164. 172.

Das Vatikanum, urtheilt Döllinger, sei eigens veranstaltet, um jeden friedlicheren Gedanken zu einer Kirchenvereinigung für alle Zukunft zu vereiteln. Das sei ferne! Durch die Taufe werden die Christengläubigen alle Mitglieder der allgemeinen Kirche, und dieser Charakter ist unauslöslich; wer nicht geflißentlich abirrt, gehört dieser katholischen Gemeinschaft an. Eine Allerweltskirche ist damit noch lange nicht gegeben, zählt doch kaum der vierte Theil Menschen zu Christenheit. Eine Parteikirche widerspricht dem Begriffe des Katholizismus. Diese wollen die Hochtorie’s in der Kirche, welche Mitberechtigung des unteren Klerus abhold diesen wie bisher an Gängelband führen wollen, die blinden Führer der Blinden. Dabei ist die Versöhnung und Einigkeit von Kirche und Staat die Hauptaufgabe und der große Vorzug unserer Zeit vor den ersten christlichen Jahrhunderten, wo die Christen nur für die ideale Welt zu leben schienen und für Feinde des Staates galten, der eben darum glaubens= und sittenlos wurde.

Leider wird durch confessionelle Polemik in modernen Katechismen schon in Kindesherzen der Samen der Zwietracht angepflanzt. Die Hoffnung auf Wiedervereinigung der christlichen Confessionen in Deutschland soll jedoch nicht aufgegeben sein. Oder sollen wir, so lange es eine deutsche Nation gibt, uns wie wilde Thiere hinter Eisenstäben gegenüberstehen? Rom hat der griechischen Kirche im Laufe der Zeit Zugeständnisse*) gemacht, die nicht mehr als billig waren, da nicht der Orient, sonder der Occident Aenderungen in Glauben und Disciplin vornahm – sollten die Deutschen gat keine Berechtigung in der Kirche haben? Keine Nation der Welt kann an kriegerischer Bravour und bürgerlicher Tüchtigkeit sich mit uns messen, deutsche Künstler behaupten auf allen Weltausstellungen in der Philosophie und jeder Gattung Wissenschaft nach den Resultaten unserer Geistesthätigkeit, und wir sollten allein im religiösen Gebiete uns den Phäaken unterordenen, die nichts gelernt und nichts vergessen haben?

*) Wie der elektrische Draht mit Blitzesschnelle über die Erde züngelt und die Kunde in die weiteste Ferne trägt, so ist es ein geistiges Fluidum, welches jetzt den rascheren Rapport unter den Nationen vermittelt. In der islanistischen Welt herrscht gegenwärtig dieselbe Bewegung, wie im Christenthum, oder was sagen wir, daß die Wachabiten, welche die Schii’s gegenüber den Anhängern der Sunna oder Traditionen verstärkt, in das Jahrhundert vom Tode Abdul Wachab’s an das Erscheinen des Imam Wahdi oder Propheten am Ende der Tage erwarten; hatten die Schiiten doch bereits 1844 als das Entscheidungsjahr festgesetzt (vgl. S. 8 f.) Diese Puritaner des Islam machen durch ihre Willensprediger in Indien selbst gegen das Brahmanenthum Eroberung. Sie lehren absolutes Gottvertrauen ohne Anrufung der Heiligen, selbst ohne das Mittleramt Muhammeds, Ablehnung der priesterlichen Schriftauslegung, ceremonieller Werkheiligkeit und pharisäischen Formelkrams, wozu schließlich noch beharrliche Verpflichtung zum heiligen Kriege gegen die Ungläubigen unter Führung des erwarteten Wahbi kömmt.

Rom hat den unirten Griechen nicht einmal die Lehre vom Ausgang des heiligen Geistes unbedingt aufgedrängt, so daß ihnen unverständliche Filioque in ihren Kirchen auf Grund der acht gemeinsamen ökumensischen Kirchenversammlungen nicht gesungen wird. Hatte doch selbst der römische Patriarch gegen diesen, zuerst auf der westgothischen Synode zu Toledo 589 gutgeheißenen Zusatz zum apostolischen Glaubensbekenntniß noch unter Karl dem Großen protestirt. Der Papst und seine Theologen haben selbst den Glauben an das Fegefuer, worauf doch das für Rom so einträgliche Ablaßgeschäft und die massenhaften Meßstiftungen beruhen, als eine „Streitfrage und bloße Meinung“ fortzuerhalten auf dem Concil zu Florenz 1438 sich entschlossen. Rom hat, nicht zu reden von der Bewilligung des Gottesdienstes in griechischer Sprache, in welcher das neue neue Testament selbst geschrieben ist, den Griechen auch den Kelch im Abendmahl, die Priesterehe (mit Ausnahme der Mönche oder s.g. schwarzen Geistlichen) zugestanden, den Unterschied in der Doktrin überhaupt für geringfügig und mehr in Sprache und Ritus auf einer eigenen Synode 1620 unter dem Patriarchen Philaret und in jüngster Zeit auch Constantinopel die Giltigkeit der römischen Taufe ohne das früher auch im Abendlande übliche Untertauschen anerkannt.

Hat Rom nach dem Concil von Basel den hutzitischen Calirtinern den Kelch zugestanden, warum sollte man diese und andere Confessioenen nicht den gläubigen Lutheranern machen? sind sie schlimmer als die Griechen zu beahndeln? Wir begehren wahrhaftig nicht, daß sie den neuen Glaubensstatz der päpstlichen Unfehlbarkeit huldigen, nicht daß sie das Calendarium mit überflüßigen Feiertagen und all den römischen Heiligen, oder die belibig mit Namen belegten Knochen aus den Katakomben annehmen, worüber schon Wabillion, noch mehr als kürzzlich der belgische Jesuit de Buck das Verwerfungsurtheil fällte. Die deutschen Heiligen sind seit der Reformationszeit von den Romanen völlig in den Hintergrund gedrängt, und dafür Taufnamen in Aufnahme gebracht, ohne Rücksicht darauf, ob der Patron je gelebt, oder nur aus dem altjulianischen Kalender herüber genommen ist. Wir muthen den getrennten Brüdern so wenig diesen Fetischkult, als die Annahme der deuterkanonischen Bücher als Offenbarungsschriften zu, womit die Curalisten zu Trient die verständige Opposition selbst der spanischen Bischöfe überstimmen. Wohl aber werden, wie Bischof Stroßmayr am 22. März 1870 die Außerkirchlichen gegen den Ausdruck impia pestis im revidirten Schema in Schutz nahm, auch wir sie vertheidigen Rom gegenüber und wo immer ihnen Unrecht geschieht.

Die Lutheraner haben mit ihrer Sola fides keine Berge versetzt; jetzt soll die unfruchtbare Unfehlbarkeit zu unserer Sola fides werden. Wir können nun beide Dogmen aufopfern. Bis ins vorige Jahrhundert galt für das eigentliche Fundament des Protestantismus, entgegengesetzt dem Tu es Petrus! die Meinung: der Papst sei der Antichrist der Offenbarung! Darauf wird man in Zukunft so wenig zurückkommen, wie katholischerseits auf ihre ewige Verdammung. Mancherlei Unzufriedenheit mit dem protestantischen Kirchenwesen zur gegenseitigen Verständigung das Uebrige thun.

(Frühe Einigungsversuche. Das Tridentium.)

Auch unter den Außerkirchlichen ist die Sehnsucht zur Verständigung lebhaft erwacht. Drang nicht schon Hugo Grotius, der erste Lehrer des Völkerrchtes, auf die Wiederherstellung katholischer Kircheneinheit selbst mit dem Mittelpunkte zu Rom, (wovon auch Melanchthon nicht lassen wollte) nur unter der Bedingung einer „heiligen Reformation“ und daß man das Tridentium nicht zum Universalbekenntniß erhebe. Sein Einheitsideal war der Katholizismus eines Erasmus, der nicht von der Kirche austrat, nicht an ihrer Besserung verzweifelte, und den reformirten Orthodoxen ins Angesicht erklärte: Der Papst als Antichrist sei kein Dogma des Protestantismus. Leibnitz und Molanus beantragten Sistirung des Tridentiums mit seinen Anathemen, und Zusammentritt eines neuen auch von den Außerkirchlichen besendeten Concils. Wurde auf der cinciliatorischen Versammlung zu Florenz 1438, um die Unterscheidungspunkte mit den Griechen auszugleichen, doch auch die, spaäter unter due allgemeine gezählte, Synode zu Lyon 1272 ignoriert.

Scheinbar bietet das Concil von Trient cin Hinderniß der Einigung, denn selbst Pius IV. wollte die ersten XVII Sessionen von 1545 an nicht anerkennen. Kaiser Ferdinand I. erklärte, es könne solange kein allgemeines heißen, als der allerchristliche Monarch von Frankreich sich nicht daran betheiligte. Schon Angesichts der Italiener auf dem Concil erklärte der berühmte Ant. Flaminio 1545; „Das seien Bischöfe, an welchen nichts bischöflich sei, als der lange Rock.“ Von deutschen Bischöfen fanden wenige sich ein. Im vorigen Jahrhundert frug mein gelehrter Landsmann Amort, mit welchem Papst Benedikt XIV. selbst vierzehn Briefe wechselte, in einer Reihe Schreiben an Cardinal Galli, an Pfarrer Todeschino bei Trient und nach Paris unabläßig an, ob die Angabe Fickler’s, der erst als Gesandter des Erzbischofs von Salzburg, dann des Münchener Hofes der Trienter Synode beiwohnte, sich archivalisch bestätigte, daß die Franzosen jene Sitzungen der ersten Concilsversammlung gar nicht unterschrieben? Dann würden sie den ökumensichen Chrarakter erntbehren, und: Si hoc asserere licert, unio Lutheranorum cum eccelsia vix ullam pateretur difficultatem (13. März 1760). Er trug sich also mit denselben Gedanken und Hoffnungen, wie wir. Galli stellte in Zweifel, ob die römischen Archive in der Engelsburg zugängig sein würden. Von einem unfehlbaren Papste will Amort ebenso wenig wissen, auch reformirt er sein Urtheil über die Concilien, worin er Anfangs Boffuet gefolgt war. (Cod. lat. Monac. 1407)

Bald werden hoffentlich auch die deutschen Denker begnadigt und den theologischen Gedanken ein neuer Aufschwung gegönnt sein. Was sill diese römische Indercongregation, worin die wenigsten deutsch verstehen? (Ein Mitglied des Cardinalcollegiums fragte sogar nach der Sprache der heutigen Preußen.) Unsere deutschen Bischöfe mügen im Einvernehmen mit den theologischen Fakultäten die Verurtheilung ketzerischer Schriften besorgen. Die Wissenschaft soll die Confession nicht trennen, sondern vielmehr ein Bindemittel werden, und gesunde Kritik wollen wir gegenwärtig an einander üben. Die Kirche hat schon schwerere Heimsuchungen bestanden, als jetzt, wo es gilt, sein großes Aergernis zu nehmen, ob auch Rom uns genug gibt.

Wenn schon die nächste Zukunft hat das gegenwärtige Pontifikat den Stab brechen, und Pius IX. neben Honorius und Liberius stellen wird, so gibt es doch Einen Milderungsgrund der schweren Schuld, daß man im Vatikan bei der angeborenen Verschwommenheit der Ideen sich keine Rechenschaft über Glaubensteue und Häreticismus gibt, und die Heuchler und Schmeichler allein Gehör finden. Es heißt männliche Ueberzeugung für nichts achten und ein grausames Spiel mit Menschenseelen teiben, wenn das, was der Einzelne vor Gott und seinen Gewissen, ja als Abgeordneter seines Volkes eingedenkt seines Eides zu verantworten hat ihm zum Verbrechen angerechnet wird von Fanatikern, die vom Wesen des Christenthums keine Vorstellung haben.

Man verwechselt die christliche Religion mit der römischen Kirche, und läßt Klerus und Kirche im Papste aufgehen. Früher galt: Das Concil lehrt, der Papst Approbirt! jetzt heißt es umgekehrt papa approbante concilio. Mit, ohne und wieder die Bischöfe ist er unfehlbar. Die Bischöfe kommen gar nicht mehr in Betracht. Wenn der Papst aus sich infallibel ist, wozu, frägt jedermann, beruft er dann ein Concil? Erst nach 1800 Jahren kommt er zu der Einsicht? Die Constitution dogmatica in der öffentlichen Sitzung und Abstimmung vom 18. Juli ging nicht einmal von der Vatikanischen Versammlung aus, das Wichtigste ist eingeschaltet, und kam in der Generalcongregation am 13. Juli gar nicht vor.

Aber wir sollen und wollen selbst römische Katholiken bleiben, auch wenn wir den Außerkirchlichen zur friedlichen Verständigung uns nähern. Niemand scheide uns von der Kirche Christi! Aber es genügt keineswegs, die Gläubigen bloß mit der Urbs aeterna zu trösten: Die Kirche in Rom könne nicht Schaden leiden. Die Tiberstadt zählt gegenwärtig 130,000 Bewohner, unter dem Gothenkönig Totila war die Zahl schon einmal auf 5000 herabgesunken, und wie oft war der Papst in mehr als einer Hinsicht fern von St. Peter! „Schlechter als es jetzt in der katholischen Kirche steht, kann es nicht werden, besser wohl“, urtheilt v. Schulte über „Die Macht der römischen Päpste“. Einleitend. Wir theilen diese Meinung, aber indem er auf Besserung hofft, gibt auch er seinen Glauben an die noch ausreichende Reaktion der gefundenen Kräfte zu erkennen. Die Bischöfe allerdings wissen sich nicht mehr zu rathen und sind schachmatt. Die Reihe ist nun an den Laien und diie Aufforderung an uns soll nicht vergeblich sein.

Mit der stockblinden Anhängigkeit an die allzeit zwieträchtige Stadt der Wölfin ist nichts gethan. Sie hat den einen ihrer Gründer, Remus, den Zwillingsbruder (germanus), getötet, weil er über den engen Umkreis der Mauern hinwegfetzte, und Romolus, den neuen Kain, dafür zu den Sternen erhoben. Die Wölfin fällt wiederholt über uns her, die wir zur Heerde Christi zählen, und will uns zerreißen. Der Papst ist ein Seelenmörder, schrieb die heilige Brigitta von Schweden um die Mitte des XIV. Jahrhunderts; „er zerstört und zerfleischt die Heerde Christi, ist grausamer als Judas, ungerechter als Pilatus. Alle zehn Gebote hat er in ein einziges verwandelt: Geld her! In Rom ist ein Höllenschlund u.s.w.“ heute würde man solch eine Seherin nicht mehr heilig sprechen! Gibt es indeß keine Hildegarde, keine Katharina von Siena mehr, um gegen die römischen Schriftgelehrten und Pharisäer un der Kirche aufzutreten?

Wir bleiben gleichwohl römische Katholiken, um schlimmsten Falle mit Erinnerung an Gerson, (S. 25.) Bringt dieser doch den höhreren Begriff des Katholizismus zur Geltung, worin die lateinische Kirche nur wie ein Theil im Ganzen den Platz behauptet. Auch hat England bis heute nicht aufgehört, sich katholisch zu nennen. Wir sagen noch mehr! Römisch behauptet Sinn und Bedeutung urbi et orbi, für den ganzen Umfang des Morgen= und Abendlandes. Die Griechen (ja Bulgaren) nennen sich mit ihrem Ehrennamen Romäer, ihre Sprache herrschte in Rom bis zum Untergange des Westreiches. Das Ostreich mit Constantinopel, Roms Tochterstadt, überdauerte das Mutterreich um tausend Jare. Rumelien liegt Anatolien gegenüber, und wenn man heute im Orient nach einem römischen Kloster (Dêx er Rum) frägt, so wird man in ein griechisches geführt, denn das lateinische heißt Dêx el Frandsch, das Frankenkloster. Die romanische Baukunst beschränkt sich nicht etwa auf das Abendland, sondern Armenien bietet die vorzüglichen Musterbauten. Endlich rührte der edelste und köstlichste Wein, den man im Mittelalter als romanisch trank, nicht etwa aus der Romanga, sondern von Rumenije oder Napoli di Romania und Malvasia in Griechenland.

Der Deutsche hört also nicht nothwendig auf, mömischer Christ zu sein, wenn Rom ihm die Gemeinschaft kündet. Gegenwärtig handelt es sich wieder darum, frischen Wein in neue Schläuche zu gießen. Diejenigen aber, in welchen der Wein der Religion sauer geworden und zu Essig abgestanden ist, mögen die alten Schläuche behalten. Wollte Rom uns den ungefälschten Wein des Evangeliums kredenzen, es würde nicht das Bibelstudium hintenanstzen und wir uns nicht in der heutigen trostlosen Lage befinden. Rom übte fort und fort eine unwiderstehliche Anzihungkraft aus, aber der Papst stößt uns von sich und will und nicht. Man denke an die Puseyiten in England, deren Haupt, der angesehenste Theologe in Oxford, in seinen Irenikon oder Friedenswerke bewies, wie leicht die Vereinigung bei gegenseitig gutem Willen zu bewerkstelligen wäre, da die Lehren dießseits und jenseits des Kanals nicht kontrastirten. Freilich schrieb er dies vor dem Nationalen Concil!

Unionsbestrebungen tauchen selbst un der am meisten zersplitterten Kirche Schottlands auf. Mögen nur unberufene Schwätzer ferne bleiben. Ebenso haben Anglikaner und Katholiken sich zur Förderung des christlichen Unionswerkes zusammengethan, bis Erzbischof Manning sie verdächtigte und Pius IX. ihren Versuch verdammte. Sollten wir katholischen Deutsche nicht dasselbe kirchliche Recht im Oktober 1871 im Congreß zu Nottingham 16 Bischöfe und bei 3000 Geistliche und Weltliche zusammentraten und die religiösen Fragen der Zeit berithen? Der Vatikan weiß bereits die Kirche Gottes nicht mehr zu regieren, er trägt nichts zum Frieden, nichts zur Verslhnung bei; es gilt das Wort: Hilf dir selbst, so wird Gott dir helfen!

(Neue Handreichung.)

Man wirft den Vätern S.J. vor, daß sie die Kirche in eine Strafanstalt verwandeln, in ihren Adepten selbst die Stimme des Blutes ersticken, und ihre anhänger der Familie und dem Staate abtrünnig machen. Was soll diese Religiösität ohne männliches, vernünftiges Christenthum! Lebhaft ist das Verlangen der von der Kirche getrennten Brüderm daß wir den Namen Ketzer fallen lassen und uns wieder näher kommen. Wir Deutsche stehen uns als Blutsverwandte am nächsten, warum sollten wir ihr oder sie unser Anerbieten zurückweisen? Die Ausgleichung möglichst zu bewerkstelligen ist eine nationale Aufgabe; wir selber müssen ohne auf die Wälschen zu achten, versöhnlich zusammentreten, wie wir von ihnen verhetzt auseinander gegangen, kein wahrer Patriot darf sich dieser Pflicht entziehen. Rom kümmert sich nicht darum, wie wir sehen: ihm ist eine Sekte mehr oder weniger auf deutscher Erde gleichgültig, ja es arbeitet darauf hin, daß wir nicht in der Kirche bleiben und mitreden sollen. Die Zahl der positiv Gläubigen auf der anderen Seite ist weit größer als wir annehmen. Wer von uns hat nicht oft wesentliche Belehrung von Außerkirchlichen geschöpft, wo er katholische Werke vermißte! Das unfehlbare Rom nimmt freilich an wissenschaftlichen Forschungen und dem scharfen Denken der Nordvölker keinen Theil, und verbittet sich fort und fort das Lob der Protestanten. So sprach der Vorsitzende in der Concilsaula: Hic non est locus laudandi Protestantes, als Bischof Strotzmayer den Schriften Guizot’s die Ehre gab, und den italinienischen Vescovini zurief: „Ihr alle wäret nicht im Stande, ein Buch wie Guizot gegen Renan zu schreiben!“ Wir fügen noch den Namen Pressensé bei: solche Männer stehen uns näher, als die Phantasten des Afterdogma, das sammt dem beispiellosen Concil den Character der hinfälligkeit und Nullität an sich trägt. Fehlt es zu einer Verständigung denn an Männern, wie Generalvikar Freiherr vin Wessenberg, der Geschitsschreiber der „Großen Kirchenversammlungen des XV. und XVI. Jahrhunderts in Beziehung auf Kirchenverbesserung“ war, ein deutscher Mann und wahrhaftiger Christ, der bessere Würdigung verdient, als ihm in Handbüchern aus romanischen Federn zu Theil wird. Verweisen wir dann auf Diepenbrocks Briefwechsel mit Dr. Passavant in Frankfurt! Heute muß Rom diesen Kirchenfürsten von ächt katholischen Charakter freilich auch verketzern, wie uns andere. Welche vershöhnende Stellung nahm der edle Friedrich Böhmer, Bibliothekar in Frankfurt. Er, den der Name Protestant schmerzte, schreibt 1846: „Von der Kirchentrennung datirt all unser Unglück. Alles was bei uns im Intern gährt und sich in revolutionären Ausbrüchen bald entladen wird, unsere politische Machtlosigkeit (und Versunkenheit), ja fast all unsere Streitigkeiten in den letzten verfloßenen Jahrhunderten, wie heute, haben den eingethümlichen Grund in der Kirchentrennung, die uns auseinanderrieß und die man nicht überbrücken kann. Nur ein neuer Bonifazius, der die kirchliche Einheit wieder bräuchte, könnte helfen. Der kirchlichen Einheit würde bald die politische folgen.

Möchte die politische Einigung jetzt den Kirchenfrieden bringen und Rom Vernunft annehmen. Rom selbst hat verschiedene Unionen abgeschlossen, helfen wir deren Zahl vermehren. Union ist unter uns nationalgesinnten Deutschen möglich auf dem Wege der historischen Erkenntniß und mit Aufgebung alles Unwesentlichen, worauf mancher pocht, als hinge Leib und Leben und die ewige Seligkeit davon ab: insbesondere mit Aufopferung der etwas mönchisch überspannten Kirchendisciplin. Wir Deutsche arbeiten lange an der Versöhnung des Glaubens mit der Wissenschaft – man würdige auf Protestantischer Seite nur allein die Leistungen eines Raumer und K.A. Menzel, eines Leo von Halle und Gförer. Rührend sind die Worte dieses unseres seligen Freundes, womit er sein Buch über Gustav Adolph schließt: „Wir leben der Hoffnung, daß auch wieder germanische Zeiten kommen, und daß Aussöhnung des unseligen kirchlichen Zwistes den Anfang dazu machen dürfte. Liegt es aber je in den Absichten der Vorsehung, daß die deutsche Nation wieder zur Einheit gelange, so wird die Wiederherstellung nur unter dem Einfluße eines ständischen, in englischer Art das Königthum beschränkenden Regiments erfolgen. Eine solche Regierungsweise ist in Bezug auf geeintes Deutschland europäisches Bedürfniß. Die große kriegerische Macht, welche das deutsche Volk in sich trägt, darf nicht dem Ehrgeiz eines einzigen Hauses überlassen werden.

Gförer hat die Wiederkehr der germanischen Zeit, den großen Tag der deutschen Nation nicht mehr erlebt, sonst würde er hochbefriedigt über seine Mitarbeit seint Haupt zur Ruhe legen. Selbst persönliche Zusammentritte haben schon stattgefunden, und Männer beider Confessionen haben auf dem nicht allen unbekannten Tag zu Erfurt sich die Hand gereicht. Da zerstört und der Vatikan mit einmal das Werk der Anstrengung seit Menschenschenaltern, und hebt Kirche und Staat aus den Angeln. Rom hat durch den Syllabus jeden vernünftigen zukünftigen Ausgleich verworfen, und sich auch mit jedem gefunden geistigen Fortschritt systematisch überworfen!

Der Versuch zur Verständigung, welcher zum Heile unserer schmerzlich zerrissenen Nation lange angebahnt werden wollte vor der Zeit, muß jetzt, da die rechte Stunde gekommen ist, wieder aufgenommen werden. O daß heuer noch das sturmgeflügelte Dampfroß die tonangebenden Männer aus katholischen und evangelischen Kreisen zu einem neuen Tage nach Erfurt zusammenführe! Ist doch aus der Geschichte des Vatikanums bekannt, daß lutherische Pastoren aus der Umgegend von Magdeburg selbst an Bischof Martin von Paderborn in Rom sich wandten, mit der Klage, die evangelische Kirche gehe einer trostlosen Zukunft entgegen, und um in aller Bescheidenheit ihre Vorschläge deßfalls anzubringen. Die evangelisch lutherianische Kirchenzeitung stimmt dasselbe Lied an. Der Brand der Lutherzelle im Augustinerkloster zu Erfurt am 7. März 1872 mag vielen unheilvoll erscheinen. In Frankreich eröffnen Männer, die nicht in den Tag hineinleben, sondern in die Zukunft schauen, keine andere Aussicht auf die Wiederherstellung des Religionsfriedens, als durch ein neues Concil unter Betheiligung der Staaten; auch dort denkt man an katholische Gelehrtentage, sowie an wirthschaftliche Congrße und einen Generalausschuß zur Lösung der Sozialfrage, damit nicht eine kommunistische Revolution von Unten zugleich mit der kirchlichen von Oben uns überrascht. Gegen diesen combinirten Meisterstreich würde der Staat durch Ueberantwortung alles Kirchenvermögens zur Säkularisation an die Gemeinden sich rasch aus der Schlinge ziehen, wir sagen es zur Warnung!

Unerklärlich ist auch der Zusammentritt deutscher Gelehrten= Versammlungen. Wir sind am Wendepunkte angelangt. Eine große Veränderung im kirchlichen Organismus scheint in die Sterne geschrieben. Der Christenglaube wird nicht darunter leiden. Deutschland kann seine politische und kirchliche Zukunft nicht den Wälschen preisgeben. Was duese Italiener und bieten, ist bereits kein Christenthum mehr, sondern von derlei unfruchtbarer Religiösität wollte uns Christus eben erlösen.

Die Sprache der Bibel verstehen wir so gut wie die Südländer, Kirchengeschichte und Alterthumskunde vielleicht noch ein gutes Stück besser, auch gehen wir ohne Vorurtheil und falsche Vorausstzung zu Werke. Wie illusorisch ist nur allein das den kirchlichen Lehren abgenommene Gelöbnis, in der Auslegung der heiligen Schrift sich an die konstante Ueberlieferung der Väter zu halten, während es gar keine fire Erklärung gibt, und die angerufenen Autoritäten gerade über das Tu es Petrus in einer Weise sich aussprechen, wobei die römische Curie ihre Segel streichen müßte. Die Wälschen haben die katholische Kirche nicht gegründet, und indem wir ihnen als unseren Lehrern sammt den Infallibilitätsdogma den Abschied geben, wiedersagen wir damit nicht dem Christenthum. Alles was wir thun, geschehe zum Besten des Vaterlandes, aber nicht der Fremden, die uns mißbrauchen.

Wer kann noch bei einiger Voraussicht an das Einschlafen dieser deutschen Bewegung glauben? Der 27. Januar 1872 ist als Tag der Kammerabstimmung üner die heraufbeschworene Kirchenfrage für Bayer und Deutschland so wichtig, wie der 19. Juli 1870, wo es um unseren Eintritt in die Kriegsaktionen gegen Frankreich, und der 21. Januar 1871, wo es um den Eintritt Bayerns ins Reich sich handelte. Diese Kammerschlachten sind für die deutsche Nation historische Tage. Die Aufgabe eines selbstständigen deutschen Kirchenwesens wird gelöst werden, ob die hochwürdigen Bischöfe und hinter ihnen die Mehrzahl des Klerus gerne mitthun oder nicht. Sie haben auch bei Krieg und Reichsschöpfung sich nicht betheiligt, und sind nun doch zufrieden. Die Reform mied auf dem Wege der Gesetzgebung kommen, wenn der Klerus für nothwendige Reformen sich verschließt und nicht der wahren Leitung folgt.

Wir möchten bloße Juristen lieber ferne halten, da diese richtige Ausscheidung zwischen Staatlichen und Kirchlichen nicht leicht treffen, und meist nur die Gelegenheit gegen das Christenthum ausnützen möchten. Zu dieser Art Juristen zählen wir keineswegs den berühmten Rechtslehrer Geheimrath Walter un Bonn, welcher in Briefen nach Rom den kölnischen Erzbischof Melchers, seinen geistlichen Oberhirten, vor der Defenition des neuen Dogmas warnte, wie auch Reichsrath Hieronimus von Bayer in München dessen Deklaration geradezu für eine Unmöglichkeit erklärte. Wir rechnen hiezu noch weniger den durch sein characterfestes Auftreten vorerst beim hohen Klerus in Ungnade gefallenen, früher vom Papste selbst ausgezeichneten, bedeutendsten Kanonisten unserer Zeit, Ritter von Schulte, wenn er in seiner Denkschrift über das Verhältnis des Staates zu den päpstlichen Constitutionen Jammer erhebt „über den schauerlichen Zustand, daß Christi in eine von Rom aus inspirirte, dressirte und geleichte, verknöcherte juristische Maschine zusammen geschrumpft.“ Er staunt mit Recht, wie wenige sich die Zustände des römischen Christenthums klar machen, wo der personificirte Pharisäismus den obersten Stuhl einnimmt und pure Simonie im Schwange ist, wo man die Sakramente und Verdienste Christi feilbietet, Abläße ausgiebt und Peterspfennige zum Betrage von vielen Millionen einnimmt, Stiftungen häuft und mit Meßgeldern, selbst armen Dienstboten abgenommen, eine Aktienbank errichtet, daß sie mit gehörigen Abzügen auf Böhmen oder Amerika überwiesen (und wer weiß ob je persolvirt?) ihre Zinsen im Jenseits tragen! Der einzige Erzbischof von Köln, schreibt Schulte S. 35 f., sammelte „nach französischer Sitte an Almosen für die nachgelassene Strenge des ursprünglichen Fastengebotes“ 1867 nicht weniger als 10,639 Thaler, 1868 Thl. 9042, dann 1869 Thl. 9150, und 1870 Thl. 8297. Was sagen wir doch!

Für jeden Bischof hat Rom ein anderes Recht; dem von Rottenburg sperrt es die Quinqennalien, um seinen Widerstand zu brechen, während der Cardinal=Erzbischof von Prag die fünfjährigen Fakultäten behält, vielleicht weil hier die römischen Dispensen z.B. Ehebewilligung mit der Schwester der verstorbenen Frau, mehr eintragen. Für so uns so viele Flaschen Bordeaux gewinnt man in Frankreich seinen Antheil am Erlösungstode des Herrn, und wird, man ohne unser Zuthun allen hineingebetet. Die Formel ersetzt den Geist. Vor den Wissenschaftlichen wird dem Klerus ein Abscheu eingeprägt, und dieser übernimmt es dafür, jeden zu verdonnern, der nicht das Vatikanum den Evangelium gleich stellt. Dabei hilft das infallible Orakel in Rom mit seinen göttlichen Offenbarungen, und der Satz: „man muß Gott mehr gehorchen, als den Menschen“, über alle Staatsgesetze hinweg. „Wohl seufzen viele Geistliche, aber was wollen sie machen?“

Die Julikatholoken fühlen sich übermüthig im Besitze, wie meiland die Arianer; aber hier tröstet Athanasius (ed. Patow I, 772), dessen Brief schon Prof. Langen in Bonn anführt, die Altgläubigen: „Gott wird euch stärken; euch betrübt zwar, daß andere durch Gewaltthat eure Kirchen in Besitz genommen haben, ihr aber unterdessen euch draußen befindet. Doch jene haben die Tempelstätte, ihr den apostolischen Glauben. Jene sind in den Kirchen, aber von dem Glauben fern; ihr seid außerhalb der Kirchen, aber der Glaube ist in euch.“ Damals als die Welt erstaunte, über Nacht arianisch geworden zu sein, zog Bischof Eusebius von Emsa im Soldatenrock in der Verbannung umher, spendetet den Christgläubigen Trost und die Sakramente, ordinirte den Gemeinden auch neue Seelsorger, und blieb im Briefwechsel mit Gregor von Nazianz und Basilis, bis ein fanatisches Weib ihn einem Ziegelstein auf den Kopf todt warf. All das ist schon da gewesen und kann uns auch noch blühen: dennoch siegte schließlich die alte Lehre.

Wir sehen die Gottesgelehrten in Deutschland von ihren Kathedern gestoßen, weil ein minderer Theologe in Rom sich die Universalkathedra anmaßt. Mag über sie ergehen, was da wolle: wie dürfen sie schweigen, während man dem Volke eine nie erhörte Lehre aufbringt! In Frankreich hört man wohl äußern: „Als Katholik unterwerfe ich mich, aber der Teufel hole mich, wenn ich daran glaube!“ Vor solcher Frivolität und Apathie bewahre und die deutsche Sinnesart, auch sind unsere Gegenschriften noch immer achtungsvoll. Man lese dagegen Michaud’s „Hanswurst und die Revolution in der römischen Kirche“, wie er die Bischöfe ins Gebet nimmt, die den Glauben gleich einen Schlafrock wechselten, die Rom und Herrn Veuillot zulieb einen Pakt mit dem Blödsinn und der Lüge eingegangen, und M. Dupanloup voran, der Welt das Schauspiel eines beispiellosen Fiasko bieten. So spricht man in Frankreich: „Hat Gott im alten Bunde sich einer Eselin bedient, um zu einem Propheten zu reden, warum sollte er in neuen Testamente zur Ansprache an seube Gläbigen nicht eines andern sich bedienen können?“ Hier wie dort ist jedes bischöfliche Wort eine diplomatische Finte und eröffnet nur eine neue Hinterthüre.

Wie viele arbeiten heute ebenso treuherzig an der Rehabilitation der Ehre des Concils, wie sie vorher es herabgewürdigt haben: sie sind bewundernswerth! Denkende Kleriker wissen zu laviren und zu sprechen als Privatperson anders als in ihrem offiziellen Habit. Wenn heute Pilatus Musterung hielte, er könnte fragen: Was ist Wahrheit? ohne daß die persönliche Wahrheit ihm gegenwärtig wäre. „Ich für meine Person sehe mit Schrecken,“ schreibt ein gelehrter deutscher Bischof am 11. November, 1870 daß demnächst in allem Religionsunterricht Deutschlands die Infallibilität als das Haupt= und Primär= Dogma des Christenthums wird gelehrt werden, und ich kann mir den Schmerz der Eltern wohl vorstellen, welche ihre Kinder solchen Schulen überlassen müssen.“ (Schulte Denkschr. 28.)

Die deutschen Regierungen dürfen solche Lehrbücher dem katholischen Volk durch die herrschsüchtige Curie nicht aufzwingen lassen. Hätten unsere Hochwürdigen ihre vor dem Vatikanum abgegebene Erklärung niemals verläugnet, wie ehrenvoll ständen sie heute in den Augen der Nation da! Auch turbulente Angriffe und sozialpolitische Störungen, wie durch die raffinirte Ketzerei des prätendirten Dogma’s dürfen in Zukunft nicht mehr vorkommen; wir behalten unsern apostolischen Glauben und Cultus und lassen den Wälschen ihre Zusätze und Verbesserungen: wir bedürfen solcher Erleuchtungen durchaus nicht.

So wie es die Wälschen treiben, kann es länger nicht bleiben! Aber täusche sich niemand, als ob die uns gebührende Selbstständigkeit so schnell erreicht sein werde. Das zweite Jahrtausend mag bis dahin zu ende gehen, indeß das Ziel wird man nicht mehr aus den Augen verlieren. Gegenwärtig fehlen noch alle Elemente zu einer neuen Auflage des Konstanzer Concils, und wären sie im Klerus vorhanden, so würde vielfach deas Volk sich dagegen wehren, weil man dasselbe nicht begreifen läßt, daß es sich um seine Sache handelt. So sehr ist uns eine nationale Aufgabe gestellt, daß ich nicht anstehe, meine Ueberzeugung kund zu geben: das Vatikanum ist mit dem deutschen Reiche unverträglich, und dieses Reich wollen wir doch gegen alle Feinde in seiner Integrität erhalten. Dieses unser Reich ist unverwundbar bis auf die Stelle, wo die sorgsame Mutter Roma uns an der Ferse hält – oder reden wir Deutsch: bis auf den Felck, wohin dem deutschen Siegfried das Lindenblatt vom vatikanischen Versuchungsbaume gefallen ist.

Mir schwebt ein schreckliches Bild vor Augen, o daß es sich nicht verwirklichen möge! Nachdem auf dem berühmten Unionsconcil zu Florenz die morgen= und abendländischen Bischöfe, der Papst und der byzantinische Kaiser, wie auch der Patriarch von Moskau, sich den Friedenskuß gegeben und die Eintracht besiegelt hatten, liefen sie, kaum heimgekehrt, Gefahr, von dem aufgehetzten Volk fast gesteinigt zu werden. Lieber den Halbmond auf der Kuppel des Sophiendomes, als eine ungesäuerte Hostie auf dem Altar! schrieen die verblendeten Mönche, wie Gibbon erzählt, und die Nonnen, rein wie die Engel und hochmüthig wie die Teufel, stimmten ein. Sofort lief das fanatisirte Volk gegen die Unirten zusammen, und sieh, jener Fluch ging nach wenig Jahren gräßlich in Erfüllung. Das neue Rom an den Ufern des Bosperus fiel in die Hand der Türken. So könnten auch heute die Capacitäten in den Casino’s und Bruderschaften, und die in den Bauernversammlungen aufgehetzten leiblichen Proletarier einstimmen: „Lieber französisch, ja russisch werden, als vom unfehlbaren Papste lassen!“ Wider Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens: aber die Zeit wird für uns arbeiten; verliere man nur das Ziel aus den Augen, auf daß wir nach noch so langem Bestreben die nöthige Einheit, und wenn nicht Unabhängigkeit, doch kirchliche Gleichberechtigung erkämpfen.

Der genannte große Kanonist urtheilt S. 52: „Alle jetzt eristirenden Beschränkungen, die durch Papstbriefe u.s.w. eingeführt sind, können als bloße historische Bildungen entfallen. So gut die Reservate, Mandate, Anwartschaften aufgehoben, die Metropolitanrechte gefallen sind; fo gewiß die alte Kirche von den päpstlichen Abläßen und Dispensen, Canonisation, Bestätigung aller Bischöfe u.s.w. nichts weiß, gerade so gut ist es täglich möglich, die Rechte des Papstes zu modificiren oder aufzuheben, wie Konstanz, Basel, Trient lehren.

Die Bischöfe sind ex jure divino befähigt, ihre dogmatische Stellung kann durch den Bischofseid, worin sie den Papst ihren Herrn nennen und sich zu dessen gehorsamten Vasallen bekenen müssen, sich in nichts ändern! Seit dem 18. Juli 1870 ist aber Alles möglich. Es gibt nichts mehr, wozu der Papst den Episcopat nicht brauchen könnte. Die katholische Kirche befindet sich in einem vollständigen Zersetzungsprozesse, soferne die Julikatholiken faktisch auf Grund des bloß persönlichen Besitzstandes die Macht haben. Geht das am 18. Juli fix und fertig gewordene Dogma in das Leben des Volkes über, so ist’s „vorbei mit der Cultur, vorbei mit jeder nationalen Entwicklung.

Wenn das Staatskirchenrecht der Civiltà cattolica richtig ist, und das Alles, was nicht nur Pius IX. mit seinem Syllabus, sondern seine Vorgänger in solidum mit dogmatischer Autorität behauptet und für den römischen Stuhl in Anspruch genommen haben, wie von Schulte: „Die Macht der römischen Päpste über Fürsten, Länder, Völker, und Individuen“ mit deutscher Gründlichkeit beurkundet, dann ist kein Fürst in Europa mehr sicher auf seinem Throne und eine babylonische Geistesverwirrung Religionsgesetz der Zukunft. Machtansprüche erhet Rom, für die leere Ansicht strengt es sich nicht an!

Die germanische Raße trägt den Sie davon über alle andern, schrieb unser Freund Herman Grimm bereits 1856. Die Zeiten sind vorüber, wo diese ihr gleich standen, das romanische Wesen hat sich erschöpft und löst sich auf. Die Geschichte der neuen Zeit ist die der germanischen Völker; ihre Literatur wird die Welt beherrschen, wie bisher die romanische allbestimmend auftrat.

Wir Deutsche müssen die Lehrstühle einer neuen Sorbonne für die christliche Welt besetzen. Zu Konstanz hat die deutsche Nation sich bereits das Recht gewahrt und vom Papste gewährleisten lassen, nicht an die päpstliche Unfehlbarkeit zu glauben. (Schulte Stellung 292.) Es kann noch dazu kommen, daß wir mit gleichen Selbstgefühl auf diese Römlinge blicken, womit zur Zeit Pipin’s ein Bajoare im Kaßeler Gloßar schreibt: „Tole sind Walha, spache sint Peigira, luzic ist spahe in Walhum, mera hapeint tolaheiti benne spabi.“ Toll sind die Wälschen, klug die Bayern, wenig ist Witz in den Wälschen, mehr haben sie Tollheit als Weisheit!

„Besser ein Aergernis entstehe,

Als das man von der Wahrheit abgehe!“

mahnt der heilige Bernadus.

haben wir Acht, daß diese Wälschen

Uns nicht das Christenthum gar verfälschen.

„Der Staat muß an geistiger Kraft wieder einbringen, was er an physischer verloren hat,“ sprach Preußens Monarch bei der Gründung der Berliner Hochschule den 18. August 1807. Heute gilt das Wort: Nachdem wir physisch die Vorherrschaft gewonnen, dürfen wir die Hegemonie im geistigen Gebiete um keinen Preis verlieren. Jetzt gilt es, den Romanen das lange gebrauchte Wort: Tu regere imprerio populos, Romane, memento! aus dem Munde zu nehmen, daß es fortan heiße: Tu regere imperio populos, Germane, memento! Möge die hoffentlich lange Reihe großer Reichskanzler sich dies zum Wahrspruche nehmen:

„Deutscher, lerne durch Geist fortan die Völker regieren!“

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 13: Das Reich und die neue Kirchenordnung

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 13: Das Reich und die neue Kirchenordnung

So lange Kirche und Staat nicht getrennt sind und die Confession nicht bloß als Privatgesellschaftlichen fortbestehen, kann der Staat auf seine Beiziehung zu Kirchenversammllungen nicht verzichten, da es sich um den Austrag beiderseitiger Lebensfragen handelt. Er müßte sonst, wie diesmal beim Vatikanum, immer der Folgen sich erwehren, statt von vornherein den Grund wegzuräumen. Zur Befriedigung des neuen Reiches gehört auch ein festes kirchliches Statut. Es thut nicht noth, daß Deutschland die Zahl der Bisthümer vermehre, wohl aber, daß Italien sie vermindere. Diese dankbare Aufgabe wird hoffentlich das neue Königreich lösen. Frankreich fügt sich vorerst, man schließt einen falschen Frieden mit Rom, um das Zerwürfniß des Staates nicht noch durch kirchlichen Zwist zu mehren, und weil es später auf Roms Hilfe gegen Deutschland rechnet. Wie der Erlaß des Cultusministers Stremayr vom 20. Februar beweist, ist auch Oestreich heute nicht in der Lage, den Kampf aufzunehmen. Wir aber im übrigen Deutschland, die wir politisch die Sieger sind, müssen jetzt auch den kirchlichen Frieden erkämpfen und ein festes Abkommen mit der Curie treffen.

Unerläßlich ist die Wiederherstellung eines früheren status quo. Die feste, staatsmännische Basis ist in unseren Reichsconcordaten gegeben, welche bis auf Kaiser Franz II. aufrecht erhalten, auch seitdem nicht aufgehoben noch unverändert zu Recht bestehen (vgl. Kap. XVII). Darin wird von vornherein die Berufung neuer Kirchenversammlungen auf Grundlage und nach dem Vorgange des Concils von Constanz durch die Päpste anerkannt, wenn gleich Rom zeitweise aus diesen Concordaten ein Zugeständnis seiner Gnade macht.

Päpstliche Alleinherrschaft und Willkür sah die Concilien ungern, und mit ihrer Vernachlässigung ist auch die Sitten= und Kirchenzucht verfallen. Seit dem Kanon zu Nicäa*), wonach die Bischöfe jährlich zweimal sich versammeln sollen, folgten Synoden auf Synoden, ja ihre Zahl stieg auf 135 im Jahre – bis mit Gregor VII. der päpstliche Absolutismus den Höhepunkt erreichte, worauf sie von Jahrhundert zu Jahrhundert sich minderten, so daß das XVI. nur noch 30 zählt, im XVII. und XVIII. sind sie gänzlich ausgefallen, und erst Napoleon berief wieder zwei Versammlungen. Das Vatikanum hatte nur die Aufgabe, durch Uebertragung aller Vollmachten auf den Papst nun sprechen; er brachte seine Person ins Spiel, seine nominirten und nominellen Bischöfe, die Propagande und die Janitscharen der Curie von der S. J. entschieden Alles.

*) Vgl. „Die letzte Stunde des Concils“ vom Mons. Darbon, auf Veranlassung der Prof. Dr. Reithmayr aus dem Französischen übersetzt.

Rom hat die Kirchenverfassung geändert, es ändert auch am Glauben. Die Centralidee des Christenthums und das Fundamentalgesetz der Kirche wird dadurch alterirt, daß unberechenbare Neuerungen in dem „unwandelbaren“ Dogma der Willkür eines Einzigen überlassen sein sollen. Der Mittelpunkt verschlingt jetzt den Umkreis, und von hierarchischer Durchgliederung, wie vergleichnißweise in der gothischen Architektur mittelalterlicher Dome, ist bald bicht mehr die Rede. Wie naiv ist die obligate Auffassung: „Vielleicht will Gott in der Steigerung der Primatialgewalt eine Heilung für das Gundübel der Zeit.“ Diese Steigerung ist ja selber das Grundübel.

Ein bedeutender Redner erhob jüngst in der akademischen Aula die bedenkliche Frage: Soll die Kirche ebenso an innerer Unwahrheit und Verlogenheit erliegen, wie Frankreich einem Regimente systematischer Lüge seinen Untergang verdankt?

Wir sehen kein Heil, außer in allmäliger Decentralisation und Kräftigung des Bewustseins, daß auch andere Nationen ein Recht in der Kirche haben, nicht bloß die Wäschen.

Die erstnothwendige Bestimmung auf einem neuen deutschen Kirchentage wäre: kein Concil anzuerkennen, worin die christlichen Staaten gar nicht repräsentirt sind, und die Kirche nicht eine beiläufig gleichmäßige Vertretung durch Stimmen nach der Zahl der Bekenner erfährt. Wenn die bayerische Staatsregierung den Reichstag für den gegebenen Fall mit ein paar Mitgliedern verstärkt, hört man die Klage über Pairsschub; wenn aber der jetzige Pontifer gleich ein paar hudert Mitglieder als Bischöfe unterschiebt, soll dieß seine Richtigkeit haben?

Die Constitutionen einer deutschen Kirchensynode, welche nicht ausbleiben kann, werden sich wesentlich ablehnend verhalten. Wir wollen nicht zurückgreifen auf Ludwig den Bayer, aber annähernd dürften, wenn der römische Stuhl nächstens wieder nach Frankreich verlegt wird, ähnliche Excesse päpstlicher Allgewalt sich wiederholen. Viktor Emmanuel wurde gebannt, weil er in Ausführung brachte, wofür der Papst früher zuerst sich begeistert hatte, bis ihn Mazzini und Garibaldi vertrieben. Wir wollen ungestört in der Kirche bleiben. Vorerst hat die römische Curie mit ihren Anathemen den Episcopat in grausame Verlegenheit gesetzt. Das Volk seinerseits ist des religiösen Haders müde!

Möchten unsere Bischöfe Frieden schließen mit dem Staate, der ja auch eine göttliche Institution ist, Frieden, bevor die Sibylle ihre Bücher verbrennt und die Regierungen, aufs Aeußerste bedrängt, sich dem neuen Heidenthum in die Arme werfen oder die Kirche nur mehr dulden.

Man unterschätzt die Partei des Widerstands, weil sie nicht offen hervortritt und vorerst der staatlichen Anerkennung entbehrt. Wie aber, wenn der Staat, um dem jus reformandi in Glaubenssachen eine Grenze zu setzen, nur die – Gleichberechtigung der Katholiken alten Schlages mit den modernen handhabt und hunderte von Kirchen simultan werden, falls nicht die vatikanische Partei unwirsch, sich aus den „sakrilegisch entweihten“ Gotteshäusern zurückzieht! Oder wenn der Staat in seiner Gegenwehr weiter geht, und wie Gustav Wasa verfuhr, 1875 statt des römischen ein deutsches Jubeljahr mit einer allgemeinen restitutio in integrum wie im alten Bunde ausschreibt, so daß jede Familie die von ihren Vorfahren gemachte Kirchenstiftung zurücknehmen (officium) Rechenschaft verlangt und die Cumulation, der Benefizien nicht länger anerkennt – wie viele neue Anhänger werden dann ins antipäpstliche Lager gezogen? Die Sachlage ist dieselbe, nur daß der Schwedenkönig den einheimischen Klerus für seine Anhänglichkeit an Dänemark büßen ließ, hier aber die unverholene Sympathie mit Frankreich zum Nachtheil des Reiches am Klerus bestraft werden könnte.

In billiger abwägung der gegenseitigen Machtverhältnisse, wie mit wenigen persönlichen Ausnahmen die gebildeten, auf den Verlauf der Dinge einflußreichen Klassen Gegner der Unfehlbarkeit sind, läßt sich voraus sagen, daß die jetzt noch unbeugsamen Kirchenobern in einem Jahrzehnt bereuen werden, Vorschläge, wie wir sie hier machen, nicht angenommen zu haben. Ein so geistloses tyrannisches Wesen, wie jetzt die Romanen ausüben, läßt sich in die Länge nicht aufrecht erhalten.

Alle Kirchenconflikte, welche dadurch entstehen, werden auf dem Staatsgebiete ausgekämpft, und wären sie nicht staatsschädlich, so sind sie doch kirchenverderblich. Die Hochwürdigen Oberhirten haben nicht nur sich zu viel vergeben, sondern auch dem deutschen Volke, daß sie vertreten sollten. Sie sind in ihrer unbegrenzten Erniedrigung unter den „Diener der Diener Gottes“ schon lange zu weit gegangen und verwickeln sich immer mehr – nur ein ehrenvoller Rückzug bleibt ihnen noch übrig. Doch nein! Pius selbst gab gelegentlich die authentische (?) Interpretation: die vatikanische Synode sei weit entfernt, eine neue Glaubensregel einzuführen, nach wie vor bleibe der Grundsatz bestehen: quod semper, ubique et ab omnibus creditum est, und der Papst wolle und könne nichts Neues einführen, wie auch Herr von Ketteler uns Bischof Krementz versichern (vgl. K. XV). Warum zieht nicht Papst und Concil hieraus den Schluß, daß das Vatikanum alsdann überflüssig war? Dieß kann jeder Excommunicirte unterschreiben und somi der Bann sich von selber aufheben. Wo nicht, so fürchte ich, das nächste Verdammungsurtheil auf Grund des eingebildeten Dogma könnte leicht damit beantwortet werden, daß man debselben endgiltig an die Kaiserstadt Berlin abtreten würde.

*) c.5. B. R. Sattler Diözesansynoden. J. May Papst, Absolutismus und Concil.

(Reform an Haupt und Gliedern.)

Die Times ist überzeugt, daß der religiöse Kampf mehr noch als die Feldzüge die europäische Politik beeinflußen werde. Es handle sich um ein Kampfobjekt von überwältigender Bedeutung (overwhelming importance). – Dreihundert Jahre sind ohne katholische Synode verflossen: Es ist nicht zu verwundern, wenn eine Reform, wie bei jedem Organismus, ersprießlich scheint, und da die Zeit neue, zum Theil ungeheure Aufgaben mit sich bringt, so bleibt die Bethätigung des wohltätigen Einflusses der Kirche ersehnt. Statt dessen ist ein neuer Zündstoff in die Gesellschaft geworfen, und ein Anstoß gegeben, der „seit zwei Jahren den Erdball erschüttert“, um das Wort des neuen preußischen Cultusministers von Falk zu gebrauchen. Wir möchten Pius IX. lieber mit Phaéton vergleichen, welcher sich auf den Sonnenwagen setzt, aber so unglücklich das Gespann leitet, daß er aus der Höhe stürzt und die Welt in Brand setzt.

P. Faber betrachtet den Papst bereits als die „dritte Menschwedung Christi„, und mit Mons. von Gegür sollen wir ihn als „Christus auf Erden“ verehren; ja die Civilta weiß: quando il papa medita, è Dio che pensa in lui – wenn der Papst seine Gedanken aussprichtm gibt er Gottes Gedanken kund!*) Ist Graf Wastai hier nicht zum Gott auf Erden erhoben?

Die Blitze des Vatikan geben aber seinen Dekreten keinen Nachdruck mehr; die Kirchenobern haben dirch ihr hitziges Dareinfahren nur glühende Kohlen auf ihren Häuptern gesammelt. Sie glauben Alles zu vermögen, versuchen sie noch einmal, wie Papst Leo in der raphaelischen Stanze den wachsenden Brand zu steuern! Mit Bannstrahlen läßt sich nicht spielen, es ist gefährlicher, als wenn man mit gewöhnlichen Feuer unvorsichtig umgeht.

Die Glaubensfrage ist aufgestellt und wird in diesem Jahrhundert schwerlich mehr von der Tagesordnung verschwinden. Nur Eines ist sicher, daß die Endabstimmung der Völker und Regierungen gegen die Unfehlbarkeit ausfallen wird. Früher hätte man all‘ die vom Vatikan ausgestoßenen Flüche nach Rom zurückgeschleudert und einen Papst abgesetzt: heute gehen die Höfe mäßiger zu Werke. Nach all dem wälschen Schwindel und den herausfordernden Insulten ruft man im Nothfall die Gesandtschaft ab, die Kammer im Haag hat am 17. Noveber 1871 die niederländische Legation in der Siebenhügelstadt ganz aufgehobben. Man muß einmal deutsch reden.

Wem die Sprache dieses Büchleins, wie mir selber, Rom gegenüber nicht ehrerbietig genug erscheint, der bedenke, daß man an der Tiber den Ernst der Lage der Dinge in Deutschland nicht glauben will, daß das greise Kirchenhaupt so wenig, wie einst Leo X. den Abgrund erkennt, vor welchen die Curie steht. Von seinen Rathgebern, die auf dieser Bahn fortschreiten, und das jetzt schon unmöglich gewordene Dogma des unfehlbaren Papstthums mit aller Gewalt durchführen wollen, gilt der verhängnisvolle Satz: Wen Gott verderben will, den schlägt er mit Verblendung.

Obwohl Rom gegen uns „deutsche Bestien“ mit dem Kirchenbann vorgeht, so will doch Niemand eine Kirchentrennung. Wir wünschen nur, die störenden Uebergriffe in unser Staats= und Völkerleben zu verhüten und statt der Alles umstürzenden Papstomnipotenz die Constituirung auf breiterer Grundlage. Wir senden Rom keinen Absagebrief, auch ereifert sich niemand, einen Gegenpapst aufzustellen; kömmt es aber zur nächsten Papstwahl, dann: ein Königreich für den rechten Mann! Einen Absolutisten kann die Welt weder jetzt, noch in alle Zukunft ertragen; absolut aber heißt: losgelöst vin der alten Kirchensatzung. Das Rom der Päpste mag bei der neuen politischen Weltordnung etwas verlieren, die Christenheit wird offenbar gewinnen. Ist gegenwärtig keine Hoffnung, so soll doch unter dem Nachfolger die katholische Kirche Deutschlands in Rechtsverhältnisß zur römischen gebracht werden.

In dem ältesten Verfassungsstaate England bestreitet gewiß niemand das Recht des Königs, und doch findet er, wenn er die City betreten will, nach alter Sitte das Thor verschlossen, der Herold klopft an, von zwei Trompetern begleitet, und bittet um Einlaß. Das Wer da? ertönt aus dem Munde des City-Marschals, worauf der Lordmayor mit den Sheriffs und Alderman zu Pferde erscheint, dem Monarchen sein Schwert als Zeichen der Gerichtsbarkeit überreicht und auf einem Polster die Schlüssel überantwortet werden. Das ist das Recht der City. Wir Deutsche bedürfen eines ähnlichen Stadtrechtes, auf daß nicht Rom nach Belieben unseren Hausfrieden störe. Mögen immerhin die Römlinge singen: Eine veste Burg ist unser Papst – nimmermehr kann alle Freiheit einen Einzigen geopfert werden. Nun und nimmer kann der Weltbau der katholischen Kirche auf eine einzige Säule sich stützen und der Rebenpfeiler entbehren. Früher betheiligte sich Klerus und Volk an den Bischofswahlen, ebenso Bischöfe, Aebte, und durch Akklimatuin aus das Volk an der Wahl eines Papstes – erst nach Grego VII. ist dieß anders geworden. Ohne Hildebrand kein Luther! Die Kirchenverfassung gilt für eine Art göttlicher Institution (divinar institutionis); aber durch das überhandnehmende Uebergewicht Roms ist das Gleichgewicht verrückt. Die ursprüngliche, durch das Eingreifen der Synodalverfassung oder einen gewissen Presbyterianismus gemäßigte Wahlmonarchie, läßt sich kaum mehr erkennen. Mögen die Staaten zusehen, daß vor allem der deutsche Einfluß im Cardinalscollegium sich verstärke, und die zündende Gefahr abwenden. In Avignon waren fünf Sechstel Cardinäle Franzosen, wie gegenwärtig ebenso viele Italiener – welch ein verhältnis! Weh uns, wenn die Curie und Frankreich mit unseren einheimischen Romanen unter einer Decke spielen, und wir nicht zu Abwehr gerüstet sind! Das Resultat bei solcher Zusammensetzung ist in voraus klar, zur Verantwortung wird schließlich der heilige Geist als Deus ex machina hervorgeholt. Schon auf das Vatikanum macht der Rheinische Merkur den Vers: „Ist der heilige Geist entweder Pfuscher geworden, Oder ins Handwerk hat still ihm ein And’rer gepfuscht?

Die durch Kaiser Marcian 451 nach Thalcedon berufene Synode, deren Beschlüsse Leo der Große bestätigte, gab die Erklärung ab Canon 28: „Mit Recht haben die Väter dem Stuhle der alten Roma wegen ihres Characters als Kaiserstadt Vorrechte eingeräumt, und durch dieselbe Rücksicht 150 Bischöfe die gkeichen Vorrechte auch dem Stuhle von Neurom (Constantinopel) zuerkannt (Hefele, Conciliengeschichte II). Aber was begehrt Rom jetzt von uns? Das aufgedrungene Papstdogma enthält den ungeheuersten Betrug, welcher der Christenheit nach gespielt worden ist, und kömmt der vollstädigen Confiskation aller Kirchenrechte gleich. Nach der Erklärung Innocenz I. hat der Papst kein Recht, in einem Metropolitan zu ordiniren. Pius IX. hat die Patriarchen Jussuf und Aubu in Person förmlich mißhandelt. Vermöge der absolutesten nacktesten Willkür suspendirt der Papst das Concil für den Fall seines Todes. Frühre Synoden tagen fort, und Trient vertagte sich selbst.

Gegenwärtig geht Alles auf Rechnung des Papstes, aber in welch schimpfliche Stellung sind unsere höchsten kirchlichen Würdeträger gebracht, wenn derselbe den Cardinal (F. v. Sch.), welcher ihm gegenüber das historische Recht in Glaube und Disciplin persönlich vertheidigte, als Subdiacono in presepe traktiren, d.h. mit den Namen der Krippenthiere Ochs oder Esel belegen durfte! Und wider so übermüthige Behandlung gibt es keine Sicherung? Heute sehen wir die Bischöfe zu päpstlichen Camerlengi erniedrigt, und begehrlich nach den Schergendiensten des Staates, um gegen die minder Dienstbefießenen die Execution zu vollstrecken.

In der allgemeinen Synode zu Konstanz saßen neben 300 Bischöfen die Abgeordneten von fünfzehn Universitäten und 300 Doktoren utriusque. Heute braucht die Wissenschaft gar nicht mehr vertreten zu sein. Pius IX. sprach aus: So wie der Papst ex cathedra erklärt, verstehe es sich von selbst, daß der Glaube in Schrift und Tradition begründet sei“. Hiermit ist alle Lehre auf den Kopf gestellt; bisher schlug man den entgegengesetzten Weg ein. Ein einziges menschliches Individuum ersetzt fortan die Bischöfe, wenn die Christenheit sich dieß gefallen läßt. Doch nein! Wir tragen Verlangen nach einer größeren Selbstständigkeit unserer Bischöfe. Fort mit dem Absolutismus! Auch im kirchlichen Gebiete streben wir Föderalismus an, und treten gegen den zusammengeschnürten Einheitsstaat des concentrirtesten Unitarismus der Wälschen in Wort und Schrift, so oft es gilt, in der Literatur in die Schranken.

Unsere hochwohlen Oberhirten Melchers, Ketteler und Rätz, worauf wir so große Hoffnung setzen, haben den geistigen Nibelungenhort in den Rhein versenkt, dessen klagen wir sie an. Wir aber wollen den religiösen Schatz, das heilige Erbgut unserer Väter nicht verloren gehen lassen, sondern unsere Freiheit gebrauchen und, so Gott will, wieder erheben.

Unser Apostel Winfried Bonifazius hat zuerst den Diözefanverband geordnet, und auf dieser Grundlage das politische Deutschland sich coxstituirt. Leo von Halle hat dieß lehrreich nachgewiesen. Mainz führte den Vorsitz; heute würde Cöln als die einzig fortbestehende von den rheinischen Metropolen, Cöln mit dem größten Kirchensprengel und im Bestize des herrlichsten Domes der Christenheit der Vorrang gebühren, und lebte ein Diepenbrock, so wäre der Primas des katholischen Deutschlands gefunden.

(Nationalconcile.)

Im Neubau der kaiserlichen Residenz zu München sehen wir im Karolingersaal das Hochbild der Kirchenversammlung zu Frankfurt bei Beginn des ersten tausendjährigen Reiches deutscher Nation. Dort saßen unter den Augen Karls des Großen Deutschlands Kirchenfürsten, vor andern der gewaltige Erzbischof Arno von Salzburg, auch fehlte nicht der erste deutsche Cultusminister Alkuin. Unter den geistlichen Räthen des Königs figurirt Leidrad aus Bayern, wahrscheinlich aus Kloster Schäftlarn, wo um diese Zeit mehrere Männer dieses Namens auftauchen. Eine solche Versammlung im deutschen Geiste thut heute wieder noth. Wir leisten das aufrichtige Versprechen, unserseits Rom keine Dogmen aufbringen zu wollen, wie dieß König Karl mit dem allen Orientalen so anstößigen Filioque gethan – möge nur die Siebenhügelstadt an der Tiber uns mit neuen Glaubensartikeln verschonen.

Es gilt zurückzugreifen in die Zeit, bevor Pseudoisidor allgemein kanonische Geltung erhielt, da noch die Frankenkönige zu Paris 614, Rheims 625 u.s.w. Reichssynoden versammelten. Diesen schließt sich 888 die Reformsynode zu Metz an, wo geklagt wird: „Schon lange ist keine Provinzialsynode mehr gehalten worden, daher so viel Unheil über das Reich gekommen.“ Im selben Jahre fand eine Versammlung in Mainz statt, ebenso 948 in Ingelheim. Auf einer Synode in der Peterskirche 963 führte Kaiser Otto I. den Vositz, und ließ auf Begehren des römischen Klerus und Volkes den monströsen Statthalter Christi Johann XII. absetzen.

Das Verderben der römischen Kirche war so arg, daß auf der Synode zu Rheims 991 der Bischof von Orleans die Nothwendigkeit einer Trennung von Rom zur Sprache brachte. Sie erfolgte nicht, wohl aber waren die Kaiser bedacht, duch Einsetzung deutscher Päpste dem Verderben zu steuern. Das waren noch Männer!

Möchten die Hochwürdigen Bischöfe selber zu freien Synodalberathungen im Verein mit ihrem Klerus die Hand bieten! Nur keine Schatten= und Scheinsynoden! Geschiet es nicht nothgedrungen und zur Selbstvertheidigung, wenn man heute auf das berühmte Werk des Tierischen Weihbischofs Hontheim zurückgreift: „Ueber den Zustand der Kirche und die rechtmäßige Gewalt des Papstes.“ Rom wird, wie gegen Msgr. Darbon von Paris (September 1868), sich zwar über den Eingriff in die Befugnisse des heiligen Stuhles beschweren, wir aber weisen nur die Uebergriffe des Vatikans zurück. Msgr. Maret brachte für alle zehn Jahre eine Synode in Vorschlag, um die päpstliche Kirchenverwaltung zu controllieren, nebst einem bischöflichen Ausschuß, an dessen Zustimmung der Pontifer bei seinen Erklärungen gebunden sein sollte. Hatte doch das Cardinalcollegium zu Avignon sogar eine Wahlkapitulation aufgestellt, die aber der neuerwählte Träger der Tiara umging. In diesem Falle wäre die christliche Welt nie durch den Erlaß einer Encyclika und des Syllabus erschreckt worden.

Während Rom durch seine Infalliblen und irreparablen Concilbeschlüsse dem Leib der Kirche die Adern unterbinden will, hat die griechische Kirche des alten Rechts zu reformiren und Fehler zu verbessern sich nicht begeben. In der orientalischen und selbst evangelischen Kirche erwacht das Verlangen nach Kräftigung des Synodalverbandes: sollte das katholische Deutschland nicht der Wiederbelebung durch Synoden bedürfen? Haben die Hochwürdigen Bischöfe nicht dieß Bedürfnis gefühlt und begonnen, kirchliche Reichssynoden wiederholt in Fulda, 1871 in Eichstädt, Landessynoden 1848 in Würzburg und später in Freising abzuhalten? Gleichzeitig brachte Phillips die Diözesansynode 1849 wissenschaftlich zur Geltung. Die ökumenische Synode zu Basel verordnete, alle fünf Jahre ein allgemeines Concil und jedes Jahr Diözesansynoden. Man muß mit den Vorberathungen auf Provinzkonzilien beginnen, wo Pfarrer und Dekane mitzureden haben. Wie zahlreich waren diese Synoden in Bayern unter den Agilolfingern, 763 zu Aschheim, bevor München stand, 769 zu Dingolfing, dann Neuching, Reispach, Freisingen u.s.w.

Wir besorgen nur Einen Einwurf: wie gedrückt und geknickt ist heute das kirchliche Deutschland, wie erstickt aller Geist der Selbstverwalung in den Oberhirten, daß es fast ganz an Männern zu einer Nationalsynode, und sofern sie die deutsche Natur verleugnen, auch an fester Willenskraft zur herstellung des inneren Friedens gebricht!

Will der hohe Klerus mit Gewalt eine Gesellschaftsrettung auf seine Kosten herbeigeführt sehen? Der größte Staatsmann des Jahrhunderts, der mit dem Christenthum keineswegs auf gespanntem Fuße lebt, Fürst Bismarck, obwohl ihm das Blendwerk mit dem Namen Dogma noch anfänglich imponierte, von der Tragweite der römischen Ansprüche betreten, laut der Magdeburger Zeitung (Februar 1872) bereits die Erklärung ab: „Die Staatsgesetze verbieten es, einem Bischof der katholischen Kirche das Recht der Entlassung eines Staatsbeamten zu übertragen; es ist da eine Collision zwischen dem kirchlichen Recht, wie es sich heutzutage ausgebildet hat, und zwischen der augenblicklich bestehenden Staatsgesetzgebung rechtlich zu vermeiden gewesen – eine Collision, welche zu lösen und in schicklicher Weise zu lösen ich als die Aufgabe einer weiteren Gesetzgebung betrachte, und ich glaube, das wird Aufgabe sein, deren der neue Cultusminister sich mit Vorliebe und Beschleungung annehmen wird.

Anderseits macht das Gefühl der einmaligen Ueberstürzung unter dem Einfluß übel berathener Domkapitel sich in immer weiteren Kreisen geltend, und daß man sich bereits nicht mehr zu helfen wisse, erhellt aus dem Hilferuf des Primas der katholischen Kirche in Bayern an den Thron (Akt. d. Ordinariats H. I, 133): „Der gegenwärtigen Bewegung gegen die Kirche (halt zu gebieten) können und vermögen bei der gegenwärtigen Sachlage nur Eure Majestät. Nur Ein Wort aus Allerhöchst Ihrem Munde, und die so hoch gehenden Wogen der Bewegung werden such wieder legen.

Was würde man von einem Arzte sagen, der einem Manne Gift eingibt, und verwundert, daß der Patient in Krämpfe fällt, und verundert, daß der Patient in Krämpfe fällt, und einen Höheren zu Hilfe ruft, um die gesunde Netur zu bekämpfen! Aber so wenig Rom merkt, welch ein Leid es der Christenheit zufügt, und daß es, statt dem Katholozismus aufzuhelfen, nur dem Protestantismus in die Hand arbeitet: ebenso wenig begreifen unsere Hochwürdigsten, daß sie und sie allein das Unheil angerichtet, daß ihre Zumuthung an unsere Natur gefährlich, und das die Reaktion natürlich ist. Das Wort, welches der König sprechen sollte, kann nur Halt ein! lauten, und zur rechten Zeit auf Berufung eines Conciliums lauten. Man versprach uns Heilung der Uebel, und hat uns erst recht krank gemacht und alte Wunden aufgerissen; an wem ist es nun, darüber zu jammern?

Das ersehnte Königswort müßte auf Berufung einer Landessynode lauten, die den ersten Anstoß zu einer selbstständigen Organisation der katholischen Kirche in Deutschland geben würde. Dabei wird nothwendig auch die Staatsregierung ihrer Vertreter haben, denn die Laien zählen auch zur Kirche. Auf diesen Synoden werden ohne Beschräkung unsere Aebte und Provinziale, Dekane und Pfarrer ein Wort mitsprechen, ohne daß man ihnen den Laufpaß schreibt, wie Rom selbst gegen berufene Concilsmitglieder von vornherein verfuhr, nachdem man ihnen den Puls gefühlt. Wir begreifen den Ausspruch des Erzbischofs Deinlein von Bamberg am 11. Mai 1870: „Die Welt muß uns helfen!

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 12: Abwehr der Trennung von Staat und Kirche

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 12: Abwehr der Trennung von Staat und Kirche

Der bayrischen Volkskammer liegt der Antrag auf Trennung von Kirche und Staat vor. Dieß erinnert an die Frage Matth. XIX, 3 f: „Ist es eimen Manne erlaubt, sich von seiner Frau um jeder Ursache willen zu scheiden?“ Christus erwidert: „Wer sein Weib entläßt, außer im Falle des Ehebruchs, bricht selbst die Ehe.“ Auch der Staat lebt mit der Kirche in einer unauflöslichen Ehe, er ist mit ihr nicht bloß durch Civiltrauung verbunden. So lange schon besteht die Verbindung, und mit einmal werden beide Theile des Verhältnisses müde, einer beklagt sich über den andern. Nach alten Rechtsanschauungen kann der Mann die Ehe gar nicht brechen, sondern nur die weibliche Hälfe. So trifft denn die Landeskirche der Vorwurf, sie habe, indem sie den Vatikanischen Einflüsterungen folgte, sich in unversöhnlichen Gegensatz zum Staate gebracht und das Zusammenleben unmöglich gemacht.

In Wahrheit gleicht die Berufung eunes Concils, ohne den Staat beizuziehen oder nur zu fragen, einer Zurückgabe des Eheringes. Die Kirche schlägt eigenmächtig neue Wege ein, und weist ihren weltlichen Gemahl ab. Auch der Episkopat erkennt keine Rücksicht mehr, spricht den Staatsbürgern, welche seinem Eigensinn nicht folgen: „Hinaus aus der Kirche!“ und verhängt das Interdikt über Staatsanstalten, die viel mehr noch Kirchenstiftungen heißen können. Die Kirche kümmert sich um kein Placetum mehr und ist, wie ein Mannweib, sich selbst genug.

Der Staat trägt ihr dies nach und will zur vollen Scheidung von Tischtitel, kirchlichen Ehebriefe und religiösen Begräbnis den gesetzten Weg einschlagen. Er betrachtet die Verbindung mit der herzlosen Italienerin für eine Mesalliance und wünscht ein Bündnis mit einer deutschen Braut, die ihn versteht. Welch ein Gewinn? Ohne relgiöse Unterlage wird der Staat so wenig wie die Familie gedeihen. Recht und Sitte bedürfen ebenso der religiösen Weihe, wie Religion und Sitte des Rechtsschutzes, soll der Staat nicht zu einer Zwangsanstalt werden. Kunst und Wissenschaft und jede höhere Cultur vermögen ebenso wenig ohne ideale Ziele ihre Aufgabe zu lösen. Die Kirche Ihrerseits verliert an Ansehen, wenn sie im Staate nichts mehr repräsentiert, sondern bloß geduldet ist. In England gewann der Episkopat in der Reformation doch hohe politische Bedeutung im Parlamente, aber bei uns sinken im Falle einer Trennung die kirchlichen Würdenträger zu Dienern von Privatgesellschaften herab, und der Gegnerruf ist bereits erschollen: „Hinaus der Theologen aus der Kammer!“ Die Abschüttelung des Concordates sichert ihnen keine Stellung mehr im politischen Leben und sie büßen dadurch, daß Rom allein die Bischofstühle wie Missionsstationen besetzen wird, noch den letzten Grad von innerer Freiheit ein. Der religionslose Staat führt inzwischen eine Haremswirthschaft, statt einer ebenbürtigen Ehe.

Deshalb haben nicht blos einsichtsvolle Katholiken, sondern ebenso gläubige Protestanten sich längst gegen eine Scheidung aussprochen. Schon der berühmte Staatsrechtslehrer Jul. Stahl bezeichnet die Trennung von Staat und Kirche als die tiefgreifendste, grundstürzendste Forderung des Liberalismus und erblickt darin ein Attentat wider Gott und seine Weltordnung. Wenn auch das geschichtlich Werdende eine so göttliche Sanktion hat, wie das Gewordene, dürfte dieser Versuch doch für beide Theile ein Wagnis sein. Während der Nationalversammlung zu Frankfurt 1848 constituirte sich unter dem Vorsitze Diepenbrod’s und der faktischen Leitung des Generals Radowiz im Hirschgraben ein katholischen Club von 93 Mitgliedern (eigentlich wollte der letztere die Theilnehmer von politischen Fragen abziehen, bis er als Freund des edlen Königs Friedrich Wilhelm IV. überraschend seinen Plan entfaltete). Diese Fraktion erklärte in der Paulskirche sich offen wider jede Sonderung und Parteigängerei des Staates und der Kirche. Allerdings machte sich auch die (schadenfrohe) Meinung der Protestantismus sich selbst auflösen und in ein Gewimmel von Selten zerfallen, während die katholische Kirche ihre Einigung in dem Papste behalte. Aber von so zerfahrenen Elementen wird die Genossenschaft der Katholiken seinen Zuwachs erfahren, dem Staate aber von der Freigebung alles Religionswesens der Nachtheil erwachsen, daß alle politischen Conspirationen sich ungestört auf religiösen Gebiete constituiren. Als wir 1848 Robert Blum vorwarfen, wie er sich nicht geschämt habe, mit dem kläglichen Rongethum sich zu befassen, antwortete er: „Es ließ sich damals nichts anderes gegendie alte Staatsordnung machen!“ Er selbst erklärte also den Deutschkatholizismus für maskirten politischen Schwindel.

Kennt der Staat keine Religionspartei mehr an, und schließt er mit dem Indifferentismus oder Freimaurerthum einen Bund, so erwächst für den positiven kirchlichen Theil aus der gewährten Freiheit kein Heil. Sonn= und Feriertage gelten dann öffentlich nicht mehr. Ist es Menschen würdig, und hat es Frankreich einen Vortheil gebracht, daß es der Sonntagsarbeit fröhnt und das kirchliche Leben bloße Privatsache ist? Es tritt dadurch eine weitere Zersetzung der Gesellschaft ein. Es ist, als ob der Continent versinkt und ein Polynesien zurückbleibt. Der Patriarch des Abendlandes thut leider sein Möchlichstes, den Kreis der katholischen Kirche immer enger zu ziehen. Er kann das ihm von der Vorsehung anvertraute Erbe Pertri, ich meine damit keineswegs allein den Kirchenstaat! nicht mehr so seinem Nachfolger hinübergeben, wie er es angetreten. Millionen Gläubige sind durch sein Schalten und Walten im Glauben irre geworden und innerlich abgefallen, wenn sie es auch äußerlich nicht bekennen. Wird es der Kirche auf die Dauer von Nutzen sein, wenn das Winkelkirchenwesen überhand nimmt, wenn der Katholizismus, wir sagen es mit Bedauern, nur mehr in einem Gewimmel von Casino= und Vereinskirchlein seinen Ausdruck findet, und der katholische Gottesdienst in lauter Herz Jesu= und Mariä= Andachten *) aufgeht, wobei die gebildete Welt zurückgestoßen wird oder sich lieber selbst ausschließt. Die öffentlichen Prozessionen nehmen ab und verlieren an Feierlichkeit wie in der Reformationszeot, wo der Rath, Miliz und Bürgerschaft sich rasch zurückzogen. **) Nichts ist freiwilliger als der Glaube und die Religionsübung; um zu sehen, was man mit der gegenseitigen Anfeindung gewinnt, vergleiche man die Frohnleichnamsprozession in München, früher feierlicher als in Rom, und jetzt? Wir erleben auf diese Weise noch amerikanische Zustände der Kirchenfreiheit, wobei der Staat sich ihr völlig entfremdet. Darum keine Ehescheidung!

*) Ein mir eben zugegangener Gebetszettel mit der Approbation des Ordinats Briren zeigt voran drei heilige herzen, ein dorngekröntes, ein durchbohrtes, ein drittes mit der Lilie. Wir haben also die Aufsicht, nächstens auch Herz Josephbündnisse zu erhalten und die Maler können auch dem Nährvater Christi ein blutrotes Herz zur Brust heraushängen, es dient zur Verbreitung des ästhetischen wie religiösen Sinnes. Hierauf wird der Glaubensakt festgestellt, daß der römische Papst vermöge des göttlichen, im heiligen Petrus ihm verheißenen Beistandes jene Unfehlbarkeit genießt. Auf diese jedesmalige Erweckung dieses Glaubensaktes am die rein erlogene Verheißung hat Pius IX. am 10. Januar 1871 einen Ablaß von 100 Tagen gesetzt. – Wer will sich gegen diese sancta simplicitas ereifern? Das Beispiel des heiligen Paulus, der zu Ephesus Maßen von so abergäubischen Zetteln und Schriften verbrannte, Apstg. XIX, 18, fruchtet nichts mehr.

**) Vgl. Kriegk: Das deutsche Bürgerthum im Mittelalter. 373 f.

(Roms Conflikt mit den Staatsverfassungen.)

Die Hierachie kündete längst in noch auffallenderer Weise dem Staate den Frieden auf durch den Protest gegen die Handvesten der Völer in allen geordneten Staatsmaß, die Constitutionen. Trotz aller Anstrengung Gförers, das Gegentheil zu beweisen, steht die Thatsache fest, daß der römische Stuhl die Magna Charta, das Palladium der englischen Nationalfreiheit verurtheilte. Von Freiheit und Bürgersinn hat der Romane überhaupt keinen Begriff, und statt Freihandel liebt er das Absperrungssystem. Der Papst tadelte ebenso die Charte Ludwigs XVIII., und das neue Dogma in Verbindung mit dem Syllabus wird geradezu unserem nationalen Großstaate gefährlich. Wären wir Katholiken Deutschlands in der Lage der Irländer gegenüber dem hochkirchlichen oder zeitweise puritanischen England, oder wie die Polen gegen Rußland aufgewachsen im Racenkampf, und hätten wir zur Rettung unserer Nationalität nur das religiöse Band, wir müßten uns unbedingt Rom in die Arme werfen. So stehen aber die Dinge nicht; denn wie sind Deutsche allzumal und jüngst wieder durch gemeinsame Verbrüderung im Kriege (was der Neugrieche ädekpottoleiy nennt) wie Blutsverwandte verbunden. Die Reichsverfassung sichert alle christlichen Confessionen gleiches Recht, und die jüngsten Verhandlungen im Reichstage beweisen, daß die Katholiken an den christgläubigen Altkonservativen eine feste Stütze für ihre positive Ueberzeugung finden. Das zunehmende Vertrauen in unsere deutsche Gesinnung dürfte freilich auch ein annähernd gleiches Maß und Gewicht bei beförderung im Staatsdienste zur Anwendung kommen lassen.

Rom rechnet uns dies nicht zu und kümmet sich nicht um unsern nationalen Frieden. Gleichwie Pius IX. amm 22. Juni 1868 die österreichischen Staatsgrundgesetze vim 21. Dezember 1867 feierlich als infanda lex verdammte, kann Rom auch der bayerischen Verfassung beikommen, und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetzem Parlamentarismus, Freiheit der Vereine und der Presse, wie die deutsche Wissenschaft verdammen: der Syllabus vom 8. Dezember 1864 gibt ihm die Waffe. Rom kennt uns nicht. Bei einer Audienz, welche der heilige Vater den 18. Februar 1872 römischen Pfarrgenossen ertheilte, sprach er das schwere Wort: „Betet für die Katholiken Deutschlands, welche muthig gegen die grausame Verfolgung kämpfen, welche die Revolution offen gegen sie begonnen hat (!?!) – Wer also den Angriffen der Curialisten gegenüber sein gutes Recht vertheidigt, ist ein Revolutionär. Die Civilta cattolica vom 2. März 1872 erklärt ohne Umstände: „Wer trägt schließlich die Schuld von den Ungenügen der Lage der Katholiken (in Deutschland)? Die liberale Partei in Bayern, zu deren Symbol sich der König hergegeben, denn ohne sein Vorgehen wäre aus der Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserreichs nichts geworden.“ Roms Herausforderung gilt dem Reiche. Drucht doch so ein Müchener Blatt, wegen dessen perfider Haltung unser Clerus vorzüglich vaterlandslos heißen muß, am 8. März 1872 wörtlich: „Es wäre schade, wenn der König von Preußen den Untergang des deutschen Reiches 1874 nicht mehr erleben würde.“

(Frührere Staatsvorkehr.)

Der religiöse Zwiespalt im deutschen Reiche hat von jeher die Macht des Auslandes gemehrt, und Frankreich denkt das neu heraufbeschworene kirchliche Zerwürfnis auszubeiten; wer will dies leugnen? Es hieße die Sachlage äußerst kindlich auffassen und auf die Einfalt der Welt rechnen, oder selber in vollständiger Unschuld befangen sein, wollte man desn staatsgefährlichen Charakter in Abrede stellen, so lange das Pseudodogma bürgerliche und politische Nachwirkung äußert. Und wie die Geschichte nachweist, hat nicht nur Frankreich, sondern bisweilen auch Rom den Protestanten das Haupt gehoben, Oilitik auf Kosten der Religion getrieben, einzig um das Reich der Deutschen zu schädigen. Jetzt schiebt man die Infallibilisten vor.

Unerbittlich, wie Samuel dem Saul, stand der Papst während des ganzen Mittelalters den deutschen Kaisern gegenüber, und maßregelte rücksichtslos die Fürsten der Christenheit. Dies führte zur Losreißung ganzer Staaten. Allmählig erstarkte der Widerstand der Gemeinwesen und führte in den bischöflichen Städten in der reformatorischen Zeit zuletzt zur völligen Trennung zwischen der Klerisei und dem Rath und der Gemeinde. als Frankfurt an der Oder mit dem Interdikt belegt war und die Mönche ohne Sang und Klang abzogen, blieb die Bürgerschaft standhaft, ob man auch keine Messe mehr sang, niemand kirchlich traute und den Gottesdienst wieder aufnahmen, that ihnen der Stadtrath zu wissen, sie hätten nicht mehr zu kommen gebraucht.

Die Altvordern, „Räth und Hundert von Luzern“, erklärten 1480 dem Probst Peter Brunnenstein bezüglich dreier päpstlicher Bullen: „Die erst gefellt uns nit, und die zweit gefellt und aber nit und die dritt gefellt uns ganz nit; und soll der Herr Propst verschaffen, daß femlich Bullen zu Rom us dem Register getan werden, und soll er uns ein Brief von rom bringen, daß sie us dem Register getan fygend, es wäre Sach, daß sie geendert worden„. Der Rheinische Merkur 1872 S. 78 empfiehlt, „dieß gefellt uns nit“ heute den verhängnisvollen Bullen des Unfehlbaren gegenüber zu wiederholen.

Auch in den protestantischen Landen ging das Papstspielen mittels Verbannen und Verdammen nicht ungeahndet hin; ein Hetzhufius, der an Bissigkeit alle Generalsuperintendenten seiner Zeit übertraf und immer den Pöbel für sich gewann, wurde vom Staat zu Staat verjagt.

Kurfürst Maximilian I. von Bayern ließ sich die Berufung eines Religionstages in Regensburg von Seite roms nicht wehren. Ihm verdankten wir die Rettung der katholischen Kirche in Deutschland; jetzt gilt es, dieselbe gegen den unbegrenzten Einfluß der Romanen sicher zu stellen. Die päpstlichen Bullen unterlagen der Bestätigung von Seite des Staates, und als der Kurfürst von Trier die von Innocenz X. Zelo domus Dei 1648 Publizierte, beschloß das Reichsdirectorium, ihn abzusetzen und der geistlichen weltlichen Herrschaft zu entkleiden – man verstand keinen Spaß.

Im Jahre 1769 begehrten Deutschlands Kurfürsten und Erzbischöfe von selbst, die deutsche Kirche wieder die Eingriffe und Anmassungen der römischen Kurie zu schützen.

Maria Theresia, so katholisch sie war, gab dem Verlangen des Nuntius und Erzbischofs nicht nach, die Schrift De statu ecclesiae von Febronius, welche auf Stärkung der Episkopalgewalt abzielte, zu verbieten, vielmehr verbot sie, den erzwungenen Wiederruf des Verfassers zu veröffentlichen.

Kaiser Joseph II. drohte mit Berufung einer Nationalsynode: „Da dem Staat ungemein viel daran gelegen sein müsse, daß die Bischöfe von ihrer von Gott verliehenen Gewalt Gebrauch machen„, wie das Schreiben des Ministers Kaunitz an den k.k. Gesandten in Rom lautet.

Der Kreislauf der Zeiten erneut sich. Im Jahre 1525 hat Deutschlands Kaiser den Franzosenkönig Franz I. bei Pavia gefangen und seine Landsknechte darauf Rache an Rom genimmen; dießmal hat ein deutscher König dem Kaiser von Frankreich den Degen abgenommen, dagegen der König von Italien das Strafgericht an der Tiberstadt vollstreckt. Die Ereignisse drängen mit Macht darauf hin, daß Deutschland sich allein müsse.

Rom bricht allenthalben die Bürden ab. Die souveräne Curie erkennt bis zur Stunde des Königreich Italien nicht an, und ernennt Bischöfe in Menge, die aber ohne das k. Frequantur nicht in den Genuß ihrer Pfründe gelangen, so daß auch die von ihnen bestellten Pfarrer nichts gelten sollen: welches Wirrsal! Ueberall werden wir in Mitleidenschaft gezogen: nicht allein für den Kirchenstaat, sondern für jede verlorene Sache, nicht aber für die siegreiche nationale soll der katholische Deutsche sich begeistern! Dießseits der Alpen wie jenseits der Pyrenäen stimmen ultramontane politische Blätter in das Concert ein: „Es gibt innerhalb der irregeleiteten Menschheit nichts Festes und Heiliges mehr, als Pius IX., Don Carlos VII. und Heinrich V. von Bourbon.“

Eben verlautet in direkten Briefen aus Rom und andern über Paris, es sei zu erwarten, daß das Concil neuerdings berufen werde, noch Malta, Trient oder – Südfrankreich. Fiat! Fiat! Doch nein! letzterer Plan ist neuer Schwindel. Die Kirchenversammlung sollte der Sache des Grafen Thambord zu Gute kommen, und dieser dann, zum Throne gelangt, dem ebenso legitimen als unglücklichen Papst den Kirchenstaat zurückerobern! Obiges Beispiel von Frankfurt an der Oder macht uns bedenklich, was dem „Gefangenen im Vatikan“ begegnen könnte, wenn er den Staub von den Füßen schüttelnd, fortzöge „an einen anderen Ort„, um doch später nach Rom wieder zurückzukehren!

Den 3. Februar 1872 erklärt Antonelli das Concordat von 1801 für Elsaß=Lothringen ohne weiteres für erloschen, obwohl Artikel 17 eine „neue Vereinbarung“ für den Fall in Aussicht stellt, daß später ein nicht katholischer Landesherr folgen sollte. Jeder Staat und jedes Stäätlein hat sein eigen Concordätlein. Die Generalisirung eines einzelnen Concordates, z.B. des bayrischen, unter der Hut der hohen Nuntiatur, reichte am wenigsten hin. Eine neue Ordnung muß getroffen werden.

Wie Kaiser Franz Joseph im April 1856 für die österreicher Synode von 50 Bischöfen in Wien den dortigen Erzbischof zum Vorsitzenden ernannte, muß in Deutschland verfahren werden, ohne daß man, wie dort, nachträglich einem wälschen Cardinal den Vorsitz einräumen wird. Die österreicher Reichsverfassung ist mit den Canones IV-VI nicht in Einklang, sondern Artikel XIV-XVII dadurch geradezu umgestoßen. Ebenso ist unsere deutsche Reichs= und Rechtsordnung davon berührt, und schon die eigenmächtige Verkündung des neuen Dogma ohne eingeholtes Placet wider alles Herkommen will berichtigt sein.

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 11: Neue Kirchenlehrer

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 11: Neue Kirchenlehrer

Das ersre Jahrtausend verging, ohne daß der römische Oberhirt an die Gesammtkirche eine Ansprache hielt oder eine Erklärung in Glaubenssachen abgab. Ebenso wenig war jetzt ein Bedürfnis vorhanden, und nachdem der neunte Pius mehr dogmatische Definitionen zu geben sich bemüßigt fand, als im ganzen zweiten Jahrtausend der Kirche erfolgten, so können seine Nachfolger für das dritte Millenrium sich füglich des Schweigens befleißen.

Gerade während der größten Geistesverwirrung in der Periode der Reformation that Rom nach der Bulle Leo’s X. 1520 vierzig Jahre lang keinen Ausspruch mehr und überließ das Volk mit den Bischöfen der äußeren Rathlosigkeit. Wozu nützt also die unfehlbare Lehrgewalt, wenn sie nicht rechtzeitig gebraucht wird? Mit einmal zeigt die Curie den Drang, gleichsam zum Erlaß für die Einbuße an weltlicher herrschaft der Geister durch neue und Religionsgesetze zu bändigen und unbedingt zu unterwerfen. Selbstständiges, nicht römisches, Geistesleben und praktisches Christenthum gilt nichts mehr, Alles muß verwälscht werden.

Und welch‘ andere Lehrer will uns Rom dafür geben? Fragen wir nicht lange, bleiben wir gleich bei dem als Kirchenlehrer unserer Zeit auf den Leuchter gestellten Ligorio stehen – die als Beichtväter und Seelsorger so eifrigen Väter seines Ordens mögen dieß entschuldigen. Zum Erstauenen der tathsächlichen Welt stellt der Pontifer den seelenfrommen, aber wissenschaftlich unzurechnungsfähigen Neapolitaner am 23. März 1871 als doctor ecclesiae auf.

Erzbischof Dechamps liefert in seiner Rede bei Verkündung dieses päpstlichen Dekrets die dankenswerthe Mittheilung, dieser Heilige habe seine Stelle als Rechtsanwalt nach Verlust seines letzten Prozesses niedergelegt, aus Beschämung darüber, daß er in einem Aktenstück Ja und Nein nicht zu unterschreiben gewusst. – Aber zum großen Theologen reichte sein Verstand hin? Daß Pius VI. von Ligorio nichts wissen wollte, erklärt der Primas von Belgien damit: „Man muß nie aus den Augen verlieren, daß der Nachfolger Petri zwar unfehlbar ist in seinen dogmatischen Entscheidungen, aber nicht ebenso in seinen Urtheil über Personen, worin er von Zeugnissen der Menschen abhängt.“ – Gut gebrüllt, Löwe von Flandern!

Was trug dem geistigen wie leiblichen Ascteten mit einmal die Ehre ein, an die Seite eines Clemens von Alexandria und Origenes oder der letzten Orientalen: Johannes Damascenus, neben Bonaventura und Thomas von Aquin erhöht zu werden? Kein geringeres Verdient als – weil er der erste war, der für die Heilslehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit bahnbrechend wirkte. „Ich brauche Gott keine Rechenschaft von meinen Predigten zu geben, sprach der gutmüthige Mann, denn ich predigte immer so, daß mich das einfältigste ungebildete Weib verstand.“ So brachte er das simple neue Dogma der Infallibilität den Italienern bei. Der Nährvater Joseph, den man früher für die überflüssige Person im Evangelium hielt, so daß erst Leo X. ihn heilig sprach und zum vulgären Taufnamen erhob, rückt unter Pius IX., zum Amte eines Patrons der ganzen Christenheit vor. Soll in der Stadt der sieben Hügel doch nächstens das Dogma der unbefleckten Empfängnis des heiligen Joseph entdeckt werden? Hiegegen ist die körperliche Himmelfahrt der Madonna (Epiph. 78, 11) ein Kinderspiel; dieser Glaubenssatz aber wird nothwendig als Trumpf auf die Lehre des Papstes Johann XXII., welcher die gebenedeite Jungfrau, die Apostel und alle Heiligen erst nach dem jüngsten Gerichte zur Anschauung gelangen ließ. Den ganzen Kirchenstaat für ein neues Dogma! und da derselbe für solchen Preis bereits in die Schanze geschlagen ist, braucht man, um ihn zurückzuerobern, den Päpstlichen Besitz nur ebenfalls zum Glaubensartikel zu erheben, obwohl Levi, der Priester im alten Bunde, sich ohne einen weltlichen Staat behauptete.

(Wahnsinn frischer Glaubenssätze)

Von drei Patriarchen befragt hatte sich Honorius I. in dogmatischen Schreiben zu Gunsten der monotheletischen Irrlehre ausgesprochen, Dafür wurde er 680 zu Constantinopel feierlich verbannt; nicht einmal die Stimme der anwesenden päpstlichen Legaten erhob sich für ihn, und eine Reihe Päpste hat diese Verurtheilung bestätigten. Der gesunde Menschenverstand unrtheilt: der eine Theile müsse in Glauben und Lehre geirrt haben: das Vatikanum dagegen schreibt als Dogma vor, daß beide in ihrer entgegengesetzten Lehre unfehlbar waren. Das Papstthum als Eine Person gefaßt, scheint also mit fixen Ideen behaftet: das einmal erklärt der Nachfolger Perti: Irren ist auch bei unser Einem menschlich! Das dereremal hält er sich für Gottes Vater! Gleicht der Ausspruch der jüngsten Synode nicht auf ein Haar dem Urtheil jenes Richters, welcher erst dem Kläger, dann dem Beklagten Recht zusprach, und auf des Anwalts Erinnerung, es können doch nicht beide Theile Recht haben! entgegnete: „Jetzt hat er Recht.“ Diese Wälschen sind complet verrückt!

Wie es vor Jahren von Italien hieß Italia farà da se, und das Land trotz aller Niederlagen Eroberung auf Eroberung machte, so sprach Pius IX. am 24. Januar 1872 zur Deputation von 13 Edelleuten aus allerlei Ländern: La chiesa farà da se! Durch Fiasko zu Wasser und zu Land kam Italien politisch empor, ebenso erwartet das päpstliche Rom von seinen grenzenlosen Fehlern sein kirchenthum werde sich von selber machen. Den Romanen bedeutet da se „mit hilfe neuer Dogmen“ Oder soll es heißen: Die römische Kirche geht ihren eigenen Weg und überläßt die Staaten ihrem Schicksale? In diesem Falle wären diese doch wohl berechtgt, für ihre Rettung zu sorgen? Einstweilen scheint man frische Dogmen für rettende Thaten anzusehen. Der neue Kirchenlehrer ist eine unerschöpfliche Fundgrube für immer neue Glaubensartikel. Er weiß z.B., daß die Jungfrau schon in der Stunde ihrer Geburt in vollen Besitze der Vernunft gewesen.

Ja er nennt sie mit ihrem Sohne „das Urbild und die Endursache, für welche die ganze Welt erschaffen wurde“. – Das ist ja die leibhafte gnostische Sophia, oder wäre das Christenthum glücklich auf den Isisdienst zurückgeführt? Groß ist die Dana der Ephesier! Daß es jedoch noch weitere Kirchenlehrer in unseren Tagen gibt, zeigen die eben erschienenen „Drei Festreden zu Ehren Liguoris wegen seiner Erhebung,“ von Prof. Wies, Krier und Müllendorff in Luxenburg. Der Letztere predigt (S. 50 f.): „hat je ein Lehrer der Gefahr, Mariä beizulegen, was nur Gott zukommt, glücklich getrotzt, und uns Maria in ihrer ganzen Größe gezeigt, so ist es gewiß, der heilige Lehrer Alphonsus Maria, der sich nicht halten konnte, in der Begeisterung seiner Kindlichen Liebe auszurufen: Alles an ihr ist göttlich, außer sie selbst.“ O der Hanswursten!

Und für derartigen Blödsinn haben Bischöfe und Ordensobern nach Worte der Empfehlung? Wohin kommen wir, wenn Frauenseelen den Hirtenstab und das göttliche Lehramt an sich reißen? Marcipan und Zuckerplätzchen sind nichts gegen solche Süffigkeiten. Auch keine Predigt ist zu dumm, sie findet doch ihr Publikum! Im Jehovatempel blieb das süßempfindende andächtige Geschlecht auf den Frauenvorhof beschränkt, angrenzend an den Heidenhof die Opferviehhändler sammt den Rindern und Schafen trieb: jetzt stellen die letzteren sich wieder recht fromm in der Kirche ein. Frömmelei stumfpt sogar für ein unsittliches Buch ben Sinn ab. Vor 35 und mehr Jahren, als Ligario’s herrlichkeiten Mariens im Deutschen bekannt wurden, erregten die darin enthaltenen, geradezu anstößigen Geschichten das ärgste Aufsehen; seitdem werden wir mehr daran gewöhnt, und für den ächten Römling wäre es baare Inconsequenz, sie abzulehnen. Es klingt frivol, aber ein Freund schrieb mir: „Wir verdanken diesen Wälschen schon so viel dummes Zeug, also ist es von ihrer Seite nur recht und billig, wenn sie uns auch den Glauben an die Unfehlbarkeit noch zumuthen“.

Wir hätten auch einen so klugen Kirchendoktor, der eine Masze Moralbücher, schöne Legenden, Geschichte und Offenbarungen herausgab, nämlich den seligen Vater Ginzel in München, der aber zu demüthig war, um so hohe Ehren in Anspruch zu nehmen, wovon übrigens auch Ligorio nie träumte. Den dritten Kirchenlehrer unserer Zeit brauchen wir nicht erst zu nennen. Und wer so vom Geiste Gottes – verlassen ist, einen zwar herzensguten, aber giestesschwachen Mann auf die Stufe eines Kirchenlehrers erheben zu wollen, von allen sonstigen Heiligsprechungen nicht zu reden, soll in anderen Fällen unfehlbar sein? Das schallende Hohngelächter der zurechnungsfähigen Welt, welche dafür lieber den Ehrentitel doctor simplicissimus erfindet, bildet auf Kosten der Gläubigen hiezu den Thorus. Sage man noch, ein Mißbrauch der obersten doktrinären Gewalt seitens des Oberhirten sei nicht möglich. Wer hätte einen solchen Einfall für möglich gehalten und er ist doch erfolgt, ja ohne den Widerstand der Deutschen wäre man wohl noch weiter gegangen. Vielleicht werden die Adepten Loyolas, des seraphischen Franziskus, Dominikus oder Ligorio’s noch einander deren Ordensansichten dogmatisiren. Wir haben leider schon zuviel Mönchthum in der Kirche.

Gleicht die Partei der Unfehlbarkeit nicht der klugen Isebil im niederdeutschen Mährchen, welche ihren Mann, der den Fischer antrieb, von den ihm gewährten drei Wünschen Gebrauch machend, erst König, dann Papst, dann Gott Vater selber zu werden, bis er plötzlich von der Höhe seiner Allmächtigkeit herabstürzte und wieder Fischer ward.

Was würde die Nachwelt von deutscher Männertugend halten, wenn wir diesen Concilbeschluß nur die geringfügigste Berechtigung einräumen! Man wird es wegen des unglücklichen Ausganges, wie das von Basel beanstanden, nur mit dem Unterschiede, daß in Basel die Kirchenversammlung den Papst absetzte, während das Umgekehrte im Vatikanum geschah. Man wird diese vielmehr zu politischen als religiösen Zwecken berufene Gesellschaft von geistlichen herren nach dem Ausscheiden der Opposition ein Rumpfconcil, vielleicht Altweiberconcil heißen, ja seinen Spott darüber treiben, wie ein Kautschukmännchen, für ein Puppentheater geeignet, schließlich eine weltgeschichtliche Rolle zu spielen und noch das ex sese non ex consensu ecclesiae mit ähnlichen Pantoffelhelden in den Teri zu schmuggeln sich vermaß – Alles zur größeren Ehre des Papstes!

Sie trösten sich mit den Armen im Geiste, welchen das Himmelreich gewiß sei. Aber darunter versteht der Heiland keineswegs Arme an Geist oder Bornierte, denn er spricht: „Wer hat, dem wird gegeben, wer nicht hat, wird auch das noch einbüßen, was er hat.“ Und weiter heißt es aus demselben Munde: „Gibt es wohl einen Vaterm welcher seinem Kinde auf die Bitte um Brod einen Stein gibt? oder wenn es einen Fisch begehrt, ihm eine Schlange reicht? und wenn es nach einem Ei verlangt, wird er ihm einen Skorpion bieten? Um wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen, die ihn darum bitten, seinen rechten Geist verleihen.“ In der That sind wir jetzt in der Lage, so ungenießbare Angebote von Rom ablehnen zu müssen. Die Wissenschaft ist unsere Küchenmeisterin, welche uns die geistige Speise genießbar macht, wir haben aber keinen Straußenmagen, um Hufeisen zu verdauen.

Wir haben in Deutschland seit mehr als einem Menschenalter eine neue theologische Literatur geschaffen, was haben die Wälschen uns an die Seite zu stellen? Allen Ernstes hat die deutsche Wissenschaft in der Theologie eine neue Epoche begründet, sowohl auf katholischer wie evangelischer Seite. Bei uns heißt auch der Priester noch der Geistliche, von Geist und nach dem Grundsatze: Sacedotis labia scientiam custodiant – die Itlaliener haben dafür nur einen ungebildeten Levitenstand oder tonsurierte Lazzaroni. Bisher und noch mehr Mittelalter gingen die besten Talente der Kirche zu; aber welcher anständige junge Mann wird gegenwärtig, wo die Christenheit so von Rom mißbraucht wird, noch Priester werden wollen?

Kann ferner der Staat zugeben, daß der katholische Klerus hinter dem protest an Bildung zurücksteht, weil die Curie nur unterwürfige Seelsorger braucht? Wie schmerzlich klingt bereits der Vorwurf, daß die Katholiken an der deutschen Geistesarbeit nur gering betheiligt sind. Der Antheil, welchen die Infallibilisten fortan an dem Fortschritt der Erkenntnis nehmen, kommt sicher gar nicht mehr in Anschlag.

Wie das Salz in der Speise ist eine gefundene Kritik der Wahrheit nur förderlich. Ja Kritik ist die Scheidekunst, welche das edle Metall von Schlacken zu reinigen, und das Lügenhafte, oder milder gesprochen, Legendenhafte abzufordern berufen ist. Aber eben von ihr will man von Rom bei Lehrvortrage von den göttlichen Dingen nichts mehr wissen.

Man denkt unwillkürlich an Leßing’s Wort: Es gibt Männer, welche jetzt die Religion so vertheidigen, als ob sie von ihren Feinden ausdrücklich bestochen wären, sie zu untergraben.

(Das Predigtamt.)

Als Friedrich der Große die Klage über die Dunkelheit der neuerbauten Kirchen am Gendarmplatze vernahm, äußerte er: „Selig sind die nicht sehen und dennoch glauben!“ – Solche Kirchengänger gibt es heute in Fülle. Wohlfeile Legenden und seichte Predigtlitereatur wirken ansteckend, um den Geistesträgern lebendig verfaulen zu machen. Eine wissenschaftliche Erschlaffung tritt un der katholischen Welt ein, daß von Concurrenz mit der Außerkirchlichen bald nicht mehr die Rede sein kann.

Wie gedankenlos infallibel gesinnte Schreiber und Leser sind, beweist beim nächsten Griffe eine in 80,000 Exemplaren abgesetzte Schrift von Bollanden, worin er sagt, das Concil von Ricäa habe die Gottheit Christi zum Dogma erhoben? Worin bestand dann der Christenglaube in den ersten drei Jahrhunderten, und da Johannes sein Evangelium schrieb? Dergleichen ist Pavel und Trödelwaare. Aufrichtige Wahrheitsliebe scheint nur den nicht verwälschten Deutschen noch eigen; warum versagt man uns, von folgerichtigem Denken Gebrauch zu machen? Ist das die Mission, welche Christus seinen neuen Hohenpriester hinterlassen hat?

Man spekuliert in unerlaubter Weise darauf, daß der liebe Gott viele dumme Menschen erschaffen hat. Oder will man das Christenthum zu bloßen Bauernreligion herabwürdigen, wie Montalembert in seinen letzten Schreiben nach Coblenz am Tage vor seinem Tode aussprach: renouveller le paganisme? Mögen die Hochwürdigen achten, daß die Kirche nicht bloß beim Dorfe, sondern auch bei der Stadt bleibe? Wir bitten alle Prediger, ja nicht zu viel auf den sopor oder stupor des Volkes zu rechnen, endlich geht den lieben Deutschen die Geduld aus. O daß ein Gailer von Kaisersberg aufwachte, um als kühner Kanzelredner auch denen, die Rom gegenüber stumme Hunde sind, ins Ohr zu schreien: Es kann bei der unter Flüchen uns angebotenen Glaubensbulle nicht bleiben! Nehmen wir das empörende Julidogma, welches jedem Maßstab menschlischen Urtheils sich entzieht, zur unbegrenzten Machtentwicklung an, so ist die Dogmenfabrik für alle Zukunft etablirt. Nicht bloß von den katholisch auch von evangelisch gläubigen Christen ist die vatikanische Fiktion als eine Beleidigung der deutschen Nation mit Schmerz aufgenommen worden, zumal der positive Glaube darunter leidet – ich weiß dieß aus dem Munde der achtenswerthen Männer im Zollparlamente. Möchten die Prediger das ärgerliche Dogma absoluter päpstlicher Unfehlbarkeit lieber nicht mehr auf die Kanzel bringen, sie finden ja doch keinen Glauben. Wie der Papst die Kirche regiert, dafür mögen die Bischöfe einstehen, soweit sie können; wie aber der Bauer seinen Haushalt führt, hat er vor Gott und seiner Familie zu verantworten; mit Fragen, wie die Unfehlbarkeit Gegenstand des Spottes für alle Welt geworden. In Nordamerika bezweifelt man the immaculate infallibility des Presidenten Grant, in den Kammern brkrittelt man die Unfehlbarkeit der Minister, keine Verhandlung vergeht ohne ironische Anspielung. Warte Jedermann ab, bis die Sache einschläft; im Ernste ist niemand überzeugt; die hochwohlen Oberhirten würden sonst nicht so geschraubten Erklärungen abgeben. Wenn in Rom zwei Augen sich schließen, kräht nach dem unseligen Dogma kein Hahn mehr.

(Der neue Abgott)

Wir hoffen auf Gottes Barmherzigkeit, daß das von Rom gegebene Aergerniß vorüber gehe und bleiben innerhalb der Kirche! „Jede neue Parteibildung ist eine Thüre mehr, um aus dem Christenthum hinaus zu kommen“, schrieb einst schadenfroh Edgar Quinet. Man spreche es nur recht laut aus: Nicht wir sind die Ketzer, noch lassen wir uns unbillig ausschließen, sondern die Päpstlichen sind der Häresie verfallen, wenn auch mehr aus feiger Nachgiebigkeit, als mit klarem Bewußtsein. Christus, das Haupt der Kirche, hat die Satanische Versuchung zum Hochmuth und zur weltlichen Herrschsucht auf Bergeshöhen überwunden, und auf den Zinnen des Tempels die Gottvermessenheit abgewiesen. Seine Heiligkeit in Rom aber begeht einen neuen Sündenfall. Seit Arius Tagen ist ein größeres Aergernis nicht gestiftet worden. Damals sollte Christus zum Menschen erniedrigt, jetzt will der Papst zum unfehlbaren Wesen erhöht werden. Dem Gottmenschen stellt sich Pius IX. als Menschgott kühn gegenüber! Der Papst wäre jetzt die Kirche und der Universalbischof auf Erden. Zu den Zwölfen aber sprach der schreibende Erlöser: „Gehet hin und lehret alle Völker„! Der Papst will aus sich selber reden (ex sese), aber Johannes XVI, 12 steht: „Der Geist der Wahrheit wird nicht a semetipso reden.“ Schon XIV, 26 vorher heißt es: „Der Paraklet wird euch Alles lehren und euch an Alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Im Evangelium steht aber kein Wort von der Unfehlbarkeit des Petrus und seiner Nachfolger, daß der Geist sie daran erinnern könnte. Der heilige Geist ist am Pfingstfeste über alle Aposteln herabgekommen, und nicht von Petrus auf diese übergegangen. Dem Kephas wird von der Synode zu Jerusalem das Evangelium an die Beschnittenen anvertraut, dem Paulus die Botschaft an die Heiden. Wenn Jonas Sohn die Lehrquelle des neuen Bundes ist, dann erscheint unser Christenthum eitel und nichtig; denn Paulus der Weltapostel rühmt sich, er habe das Evangelium unmittelbar vom Herrn empfangen, ohne daß er den Petrus zu Gesicht bekommen. (Gal. I, 8. II, 6 f.)

Alle Apostel haben ganz die gleiche Gewalt und Autorität wie Petrus von Christus empfangen, schreibt Typrian „Ueber die Einheit der Kirche.“ Später haben die Römer den Satz hinzugefälscht: „Der Primat wird dem Petus verlieben, um die Einheit der Kirche und der Kathedra zu zeigen.“ Sind dies noch die Bischöfe, „vom heiligen Geiste gesetzt, die Kirche Gottes zu regieren“, wenn seit dem XIII. Jahrhundert Rom die Ehre und das Vorrecht der Benediktion für die Nachfolger der Jünger Jesu in Anspruch nimmt, als ob die Amts= und Lehrgewalt aller nur ein Ausfluß der päpstlichen sei? Welche Hochachtung würden unsere Bischöfe genießen, wenn sie nicht seit der Rückkehr von Rom aus der Rolle gefallen wären! Nun aber müssen wir ihre Wohldienerei mit dem Opfer des Friedens in Staat und in Familien bezahlen. Der Episkopat darf sich seiner apostolischen Vollmacht nicht entkleiden lassen, sonst hört er auf, apostolisch zu sein. Jeder bischöfliche Stuhl ist von Rechtswegen ein apostolischer, nicht blß der römische, von dessen Gnaden sie jetzt ihre Einsetzung ableiten und ihre Existenz fristen. Heite ist der Papst unser Kirchenlehrer, Gesetzgeber und Richter, Alles in Einer Person. Wer dird das Recht, Glaubensartikel für Zeit und Ewigkeit zu formulieren, dem Gutdunken eines Sterblichen einräumen? Das Dogma der päpstlichen Universalgewalt involvirt einen nie dagewesenen Despotismus. Gar nicht errathbaren Dogmen aus Gründen subjektiven Gefühls darf man entgegen sehen, gewiß ist nur, daß sie auf die unglaublichste Ueberspannung des Papalismus hinaus laufen werden. Und wider solch unerhörten Depotismus erhebt sich nicht die Gesammtheit der Gläubigen? Sie wissen es nicht, darum müssen die Wissenden reden. Graf Fr. L. Stolberg, der Kirchengeschichtschreiber, rechnet zu den „durchaus unwahren Behauptungen, daß die Katholiken „ein sichtbares Oberhaupt, welches Dogmen vorschreiben könne, anderkennen und dasselbe für unfehlbar halten.“ Die Autorität eines Concils soll maßgebend sein für einen Satz, der diese Autorität selbst untergräbt! Und durch Sophistereien glaubt man dem Volke das neue Dogma beizubringen? Die historische Offenbarung braucht man nicht mehr, der Papst offenbart in Zukunft. Die Theologen brauchen keine Bibel, keine Kirchenlehre, weder Concilaussprüche noch kirchliche Ueberlieferung, sondern nur nach römischer Anleitung vorzutragen. Christus sprach zwar: „Ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr würdet es nicht fassen.“ Doch glauben wir fest, die Unfehlbarkeit des Papstes befand sich nicht unter den unterdrückten Offenbarungen. Frühere Concilien gelten nicht mehr, sofern sie andere Constitutionen getroffen. Gäbe es neben der disciplina- noch eine doctrina arcani, wäre das Vatikanium mit den VIII allgemeinen Concilien des vereinigten Morgen= und Abendlandes irgend vereinbar, nichts in der Welt sillten Einen abhalten, sich zu dem Dogma zu bekennen; aber das bessere Wussen und Gewissen widersprucht. Lieber wollen wir um Alles kommen und unser Brod vor den Thüren betteln gehen, als unsere Ueberzeugung verläugnen, daß das neue Dogma weder auf göttlicher Offenbarung noch auf apostolischer Ueberlieferung fuße, also pure Ketzerei sei.

(Endurtheil der Geschichte.)

Wer noch einen Funken Wahrheitsliebe besitzt und die klaren Aussprüche früherer Päpste, das Verhalten der Concilien kennen lernen will, für den ist es geradezu unmöglich, das selbstmörderische Vatikanum nicht zu verwerfen. Christus redete dem ersten Petrus ins Herz, sich zu bekehren und dann seine Brüder zu stärken; möchte auch der zweite sich von seinem Falle aufrichten, und die mattherzigen, zahmen und lahmen Zeitbischöfe kräftigen: vorerst hat die Welt das Schauspiel unzähliger Schwachheiten vor Augen.

Von dem vielverurtheilten häretischen Honorius haben wir genug gesprochen. Cardinal Rauscher erklärte in der Concilsaula sogar, dem Gelächter setze man sich aus, wemm nan gegenüber der Honoriusfrage die Unfehlbarkeit der Päpste erklärte. Fürst Schwarzenberg fällte das schwere aber gerechte Urtheil: Der Fels Petri werde dadurch zum Stein des Uebergriffes und Verderbens für die meisten Seelen werden. (Synops. observ. nr. 1. 9.)

Papst Zofimus ließ sich durch Pelagius und Tölestius eine Zeit lang über die rechte Lehre von der Erbsünde und Gnade täuschen, aber das Concil von Carthago 418 mit Augustinus an der Spitze klärte ihn über der Irrthum auf, und er machte (epist. tractatoria) seinen Fehler wieder gut.

Das Concil von Chalcedon (448) untersucht die Orthodoxie oder Rechtgläubigkeit des Briefes von Leo dem Großen in der Lehre von beiden Naturen un Christus. Dieser Papst selbst apellirt an ein Concil – und Pius IX. läßt sich herbei, die Untrügölichkeit es sese zu vertreten. Im monophysitischen Streit erklärt Papst Vigilius, er sei abgewichen von der Einheit und sei jetzt erst zur besseren Einsicht gelangt, der Feind des Menschengeschlechtes habe ihn verwirrt und zu Zwietracht geführt. Papst Sylvester rechtfertigt sich erst vor dem römischen, dann vor dem kaiserlichen Concil, und Theoderich beruft 501 eibe Synode nach Rom, um über die gegen Symmachus erhobenen Anklagen zu richten, wofür dieser dankt. Dieß Concil befürchtet, er laborire an einem Irrthum, und der Papst schreibt einen Apologeticus gegen Kaiser Anastasius mit den Worten: „Du nennst mich einen Manicher, oder bin ich ein Eutychianer? vertheidige ich diese, deren Raserei den Irrthum der Manichäer am meisten fördert? Rom ist mein Zeuge, ob ich vom katholischen Glauben irgend abgewichen ?

Wer von uns kann auf Ehre und Gewissen für die päpstliche Unfehlbarkeit eintreten, wenn er in Hesele’s Conciliengeschichte IV, 537 liest: Papst Sthephan IV. ließ Ende 896 oder Anfangs 897 den Leichnam seines Vorgängers Formofus aus der Gruft reißen, in die Pontifikalgewänder kleiden und vir eine römische Synode stellen. Dieser Gerichtshof verwarf ihn als einen unrechtmäßigen Papst, cassirte seine Dekrete und erklärte alle von Ihm ertheilten Weihen für ungiltig: man hieb der Leiche die drei Finger ab, womit der Papst zu segnen pflegt, und warf ihn nackt in die Tiber! – Noch Paschal II. vertheidigt sich 1112 auf dem römischen Concil wider den Vorwurf der Ketzerei: „Ich habe als Mensch gehandelt, weil ich Staub und Asche bin.“ Die Irrthumsfreiheit des Papstes als Lehrers der Kirche ist den Inhabern der Chathedra früher so wenig in den Sinn gekommen, als das sie uns Gelehrt wurde. Im Gegentheil! „Die Schafe können den Hirten tadeln, wenn er vom rechten Glauben abgewichen ist“, heist es selbst in den Isidorischen Dekreten; dieß spricht bereits Papst Symachus (498-514) in der V. römischen Synode aus. Die Reihe der Autoritäten für die dogmatische Irrthumsfähigkeit der Päpste ist groß. Der größte Kanonist des Mittelalters Bischof Huguccio, welcher bei Papst Inocenz III. in hohen Ehren stund, verbreitet sich ausführlich über die Fälle, was die Kirche zu thun habe, wenn der Papst in eine alte Häresie zurückfalle, oder eine neue erfinde. Dann mögen die Untergebenen ihn als Ketzer richten, außer er bekennt bemüthig seinen Irrthum. Ebenso Johannes Teutonicus, Joh. a Turrecremata (papa extra casum haereses non habet judicem), kurz alle bedeutenden Kanonisten vom XII. bis ins XV. Jahrhundert.*) Auch der heutige Pontifer dürfte füglich mit Terenz sprechen: Homo sum, nihil humani a me alienum puto. Statt dessen springt er über den eigenen Schatten menschlicher Fehlbarkeit weg, und präsentiert sich als infallibel – von selbst, er bedarf hiezu nicht der Zustimmung der Concilsbischöfe. Er ist unfehlbar eigentlich von jeher, und war sehr bescheiden, sich jetzt erst zu erklären. Infallibus quia infallibillis – welch beweisträchtiger Cirkelschluß!

*) v. Schulte Stellung der Concilien Seite 23-33. 189. Anhang 259 f.

(Gegenwärtige Ohnmacht.)

Das neue „Dogma“, materiell irrthümlich und formell nicht rechtlich zu Stande gekommen, ist auch nicht gesetzlich verkündet worden. „Am Stabe des Gesetzes ist am besten wandeln“, ist ein ehrwürdiger Spruch; aber diesen Stab haben die Bischöfe nicht ergriffen. Schon aus Achtung vor sich selber muß der Staat jeden Ausgeschlossenen schützen. In Preußen kömmt hier das Landrecht zur Geltung, in Bayern geben die altkatholischen Regierungsmaßnahmen aus der Vergangenheit einen Anhalt. Aber die Sache kam so neu, der Fall so unerwartet, daß die Staatsmänner selbst sich nicht zurecht fanden. Wir erfuhren bisher nur Heldenthaten in Worten. War es den Staatsmännern Ernst, warum trugen sie nicht dem wider Fug und Recht excommunicirten Stiftsprobste auf, in bei Hofkirche zu Sankt Kajetan, wie in der Hofkapelle, deren Direktor er ist, fortzucelebriren? Warum muß die Münchener Hochschule ihres gestifteten katholischen Gottesdienstes entbehren? Man ignorire das Concil, als ob nichts geschehen, und lasse die sakrilegischen Eiferer sich zurückzuziehen, weiche aber selber keinen Schritt, sonst ist der Austritt und die neue Kirchenbildung formell bescheinigt. Die Altgläubigen dürfen ihre Funktion nicht einstellen, und versuchen die Würdeträger sie anzuhaften und in ihren Kirchlichen und bürgerlichen Rechten zu schädigen, so verfallen sie dem Gesetze, das seine Ausnahmen mehr kennt. Nur keine Halbheit! Christus hat denen, welche weder warm noch kalt sind, das Urtheil gesprochen.

Oder fehlt es den Vertretern des alten Glaubens selber an Muth, an Glaubensmuth und Maryrkraft? Glaubt man denn, es gebe nur Martyrer, die das heidnische Rom hingeopfert hat? Das christliche hat nicht bloß eine passive, sondern auch aktive Martyrpraxis aufzuwerfen. Freilich ist zur Zeit hiezu wenig Anlaß. Das Beispiel der Schwäche, welches die Bischöfe gegeben, wirkt ansteckend, und das Uebel wird dadurch ein schleichendes, eine chronische Krankheit. Durch Nachgiebigkeit im Punkte der Wahrheit rettet man so wenig die Einheit, als man durch den Rücktritt von der amtlichen Stellung, in der man zu wirken den Beruf hatte, zum christlichen Bekenner wird. Vielleicht hat die Natur mitunter den Edelsten unter den Sterblichen die starken Knochen und die Muskelkraft versagt, so daß sie als Rüstzeuge zum äußeren Widerstand gegen geistige wie physische Gewalt nicht zu gebrauchen sind. Desto höher ist das innere Martyrium anzuschlagen und nur ein empfindsames Gemüth erwägt die Schwere des Seelenleidens und bemißt die innerste Vollkommenheit, wie sie z.B. in dem Schreiben des Abtes von Sankt Bonifaz an den Bischof von Rottenburg zum Ausdrucke kömmt. München 23. August 1870.

„Ewige Gnaden lassen sich herab, meine Ansicht hören zu wollen. Je länger ich mich mit der Frage beschäftige, je genauer ich die Beweise für und gegen die Unfehlbarkeit verglich, desto sicherer glaubte ich zu erkennen, daß die alte Kirche, d.h. die Kirche der ersten VIII Jahrhunderte von dieser Lehre nichts wußte. Gegen den Schluß dieser Periode begegnete ich dem Ausspruche des heiligen Bonifazius, dessen Ramen unser Haus und unsere Kirche trächt: Papa cunctos ipse judicaturus, nisi deprehendatur a fide devinus. (Corp. jur. can. decret. I dist. 40c. 6.) Dieser Ausspruch ist um Einklang mit dem 21. Canon des VIII. ökumenischen Concils von 869 und mit der IV. und V. Sitzung des von wenigstens drei Päpsten approbirten Constanzer Concils. Im Hinblick auf diese und vielleicht noch stärkere Gründe haben die meisten Bischöfe Deutschlands und Oesterreichs sich der Defenition der Unfehlbarkeit enthalten… Ich habe gehofft, daß Rom – inne halten werde. Es ist anders gekommen.

Waren alle Bischöf und alle Theologen, welche im Wesentlichen Bueffets Vorstellung vom Primat und seinen Prärogativen hatten, im Irrthum? Ist es möglich, bis zum 18. Juli (1870) etwas für unwahr, und von da an für wahr zu halten? Theoretisch gibt es für uns nur zwei Wege: der eine führt zur Verzweifelung und Bestreitung der Giltigkeit des Concils, der andere zur Unterwerfung. Welche Momente die Geschäftsordnung und Führung des Concils in dieser Hinsicht darbietet, wissen Ewige Gnaden am besten. Daß man den Bischöfen nicht von vornherein ankündigte: Es gilt Vertilgung der von Boffuet festgestellten Theorie, daß man nicht offen sagte: „Es gilt die Erhöhung des Primates bezüglich der Regierungs= und Lehrgewalt“, ist ein bedenklicher Umstand. Der Mangel an Einstimmigkeit ist noch bedenklicher. Wenn in Thalcedon eine Mehrheit gegen einer Minderheit durchdrang, so handelte sich’s um die Verwerfung einer Lehre, die nie in der Kirche geduldet war; hier handelt es sich um die Verwerfung einer Lehre, die nach unserer Ueberzeugung das Votum der alten Kirche und des VIII. bis XVI. (Constanzer) Concils für sich hat…. Ließe sich die Ergebenheitsformel nicht so fassen, daß man sagte: Ich nehme die Constitution vom 18. Juli an salva auctoritate conciliorum generalum? Ich denke dabei an das VIII. (Can. 21) und an das XVI. (sess. IV und V). Damit wird eine künftige Revision im keime gegeben sein“….

Es ist der erste Priester Bayerns, der so spricht, der, wenn König Max II. ihn nicht abgehalten, der Einladung nach Rom zu folgen, jetzt an der Stelle Angelo Mai’s der Vatikanischen Bibliothek vorstehen und den Purpur tragen würde. Es ist der deutsche Mezzofanti und einer unserer größten Theologen, der schon den Vorarbeiten zum Concil von gerechtem Widerwillen wider die Prätensionen Roms erfast, es ablehnte, den Vatikanum beizuwohnen. Hier erfahren wir auch, welche Mittel der neue Abgott in Rom in Bewegung setzte, um Unterwerfung zu erzielen; denn Abt von Haneberg läßt in sein, nicht entfernt für die Oeffentlichkeit bestimmendes Schreiben einfließen: „Auch die Drohung, daß Untersuchungen, Absetzungen und vgl. folgen könnten, kann nicht entscheiden. An mich ist eine ähnliche Wahrung gekommen.“

Die hohe Rutiatur in München hat es also auf sich genommen, den Besten von uns Allen mut Absetzung zu bedrohen, nachdem man ihn längst vor dem apostolischen Stuhle verdrängte! Was muß man einen Abt von Sankt Bonifaz vor das Tribunal zu ziehen drohen kann? Dieß fällt uns schwer auf die Seele! Wohl hat er sich, wie die Bischöfe, in Gehorsam stillschweigend unterworfen, wie nicht minder Bischof Hefele, der am Cultusminister für seine Standhaftigkeit keine Stütze, im Seelsorgklerus Opposition fand. In der Meinung, die Einheit der Kirche zu retten, opfert man, „vorübergehend“, die Wahrheit, und vergißt darüber den Ausspruch des heiligen Bernhard: Melius est ut scandalum oriatur, quam veritas relinquantur! sowie das Wort des Papstes Innocenz III.: Falsitas sub velamine veritatis tolerati non potest. Wir sind schon durch den von 56 Concilbischöfen im Namen von noch mehr am 17. Juli unterschriebenen Protest, das Zeugnis der genannten großen Theologen in unseren Glauben bestärkt, daß das dem Vatikanum oktroyrte Dogma der alten Kirchenlehre schnurstracks zuwiederlaufe. Wenn am 9. April sich die deutschen Kirchenfürsten wider zu Fulda versammeln, bringt aus dem Grabe des heiligen Bonifazius die Stimme: „Der Papst kann als Ketzer verurtheilt werden“! Diese Verurtheilung wird bei der „Künftigen Revision“ nicht ausbleiben, das Gericht aber auch alle jene treffen, welche bei der Verkündung mitgewirkt haben. Genug: Die päpstliche Unfehlbarkeit ist eine verdammliche Häresie! Von den Dächern muß man es noch predigen, und in den Städten und Dörfern muß es widerhallen: Der hohe Geist ist für diesen unseligen Wahn nicht verantwortlich! Das fragliche Dogma ist weit mehr Kirchen= als staatsgefährlich, es dient nur die Welt zu entchristlichen, feindet die gegenwärtige gesellschaftliche Ordnung an, und muß darum auf Leben und Tod bekämpft werden.

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 10: Ruin der katholischen Hochschulen.

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 10: Ruin der katholischen Hochschulen.

 

Das mittelalterliche Rom hat unsere ersten Universitäten gegründet, das heutige geht unläugbar auf deren Zerstötung aus. Kürzlich gab, zum Wetteifer gespornt, das besiegte Frankreich durch den Mund eines Leon Gautier seine Stimme ab: „Die Stärke Deutschlands beruht in seinen Universitäten.“ Kein anderes Volk besitzt so immense Lehranstalten nach unserem Muster. Nicht nur sind wir in Allem, was Schule heißt, unseren wälschen Nachbarn überlegen, sondern die Hochschulen sind eine Eigenart, eine besondere Form unserer nationalen Entwicklung, in ihnen kulminirt unser gesitiges Leben und Schaffen, hier bethätigt sich unsere Gesammtleistung. Jetzt arbeitet Rom auf den Ruin unserer Hochschulen hin, es greift unwillkürlich eine nationale Wesenheit, ein Lebensgesetz von uns Deutschen an.

Wissenschaft ist Macht, und jeder positive Zuwachs ist eine Machterweiterung. Allerdings möchten die Wälschen uns diese Machtstellung gerne ersparen, damit wir ihnen gleich würden. Was ist aus den hochgefeierten Universitäten Salerno, Bologna, Padua geworden? Frankreich und Italien besitzen gar keine Hochschulen, die unseren deutschen gleichen? Also sollen auch diese herunter? Ich will nur ein Beispiel von dem gegenwärtigen Zustande der theologischen Fakultät in München geben, die früher die blühendste in Deutschland, nun auf ein Drittel Zuhörer herabgesunken ist, nachdem die hochwürdigen Bischöfe von Regensburg, Passau, Eichstädt, Würzburg, Speier, ja zum Ueberfluße noch der Herr Erzbischof von Köln, sie der Reihe nach mit dem Interdikt belegen, und so lange von Bamberg niemand mehr eintrifft, die Frequenz auf die Sprengel München und Augsburg eingeschränkt ist. Aufrecht hält sie nur noch das Georgianische Seminar, aber auch dieses geht unvermeindlich seiner Auflösung entgegen, wenn dem Oberhirten einfällt, die Fakultät nach Freising zu verlegen; denn die Stiftung ist an die Hochschule gebunden. Libertas sine scientia – licentia est.

Glaubt man, die Universität werde verzichten, eine komplete Anstalt zu sein? Der Herr Kultusminister wird sich nicht anstrengen, die Lehrberufe der vorschnell suspendirten und exkommunicirten Professoren, darunter des weltberühmten infulirten Probstes*) anders zu besetzen, sie durch infallible Creaturen zu ersetzen; die Kammern würden auch nicht das Geld dazu bewilligen. Der akademische Gottesdienst hat aufgehört, denn der Inhaber des Benefiziums ist excommunicirt, die Professoren wegen Unterzeichnung der Adresse gegen die Unfehlbarkeit nicht minder, und gegenwärtigen, nach Umständen ohne Sang und Klang begraben zu werden. Das Unheil ist geschehen, und schon in Aussicht gestellt, eine protestantisch=theologische Fakultät an die Stelle zu setzen. Dieß Alles verdanken wir der Weisheit unserer Unfehlbaren. Wenn das gepreßte Herz mit einem, der Autorität gegenüber ungehörigen Worte sich Luft machte, so entschuldigt dieß der entsetzliche Jammer der heutigen Lage. Die Infallibilitäten haben sich übernommen, und: „Wenn sich die Tugend erbricht, setzt sich das Laster zu Tisch.“

*) Döllinger, der an wissenschaftlichem Geiste seine Gegner im Vatikan so beiläufig überragt, wie der Chimborazzo den Römerberg in Frankfirt oder den Petersberg in München, und bereits ein Jahr in Unbußferigkeit verharrt, verliert nach dieser Frist vin selber die missio canonica für immer, d.h. alle kirchlichen Beneficien, demnach muß der Herr Erzbischof die Staatsregierung auffordern, ihn all seiner Stellen und Aemter mit Gewalt zu entsetzen. Und wer sind die, welche ihm das Kainszeichen aufprägen wollen? Solche, die ihr Lebelang kein anderes Buch in die Hand genommen, als das mit 32 Blättern, um, wenn dieselben abgerissen sind, nach einem neuen Spielzeug zu greifen.

Um die gleichzeitigen Machtverhältnisse annähernd richtig zu beurtheilen und den Größenwahn zu heilen, erwäge man, daß die katholischen Generalversammlungen seit einem Jahrzehnt den Plan verfolgen, von allen Bischöfen und vielen reichen frommen Frauen unterstützt in Fulda eine eigene Hochschule, leider nach romanischen Prinzipien der Unfreiheit der Wissenschaft und des Denkens zu gründen, und schon – 30,000 bis 40,000 silberlinge gesammelt haben, während der Staat im Augenblick die Reichsuniversität Straßburg mit jährlich 200,000 Thalern dotiert. Jeder Tag gibt dem hohen Klerus eine Lehre. Die kaum beantragte jüdische Hochschule in Berlin kommt schon im Mai 1872 zu Stande, wann aber die romanische in Fulda, deren Zöglinge übrigens der Staat nicht in seinen Dienst nehmen wird? Mit Bedauern erleben wir dagegen, daß Straßburg, obwohl zwei Drittel des Elsaß katholisch sind, nicht einmal eine paritätische Universität erhält, sondern der kath.=theol. Fakultät ermangelt; schützt man vielleicht vor, bei einer solchen eine Hinneigung nach Frankreich zu fürchten?

Wie in München, so ist die theologische Fakultät in Bonn und Breslau soviel wie zerstört. Prag, Tübingen, Würzburg, Münster empfinden einzig wegen der Mäßigung ihrer Bischöfe das Uebel noch weniger. Die deutsche Wissenschaft ist geliefert, man braucht unsere Mitarbeit im Dienste der Religion nicht mehr. Von der Hochschule zu Bonn zieht Prof. Dieringer, einer der manenhaftesten lebenden Dogmatiker ab, um lieber Landpfarrer zu werden, als sein Gewissen mit dem Vortrag des neuen Dogma zu beflecken. Sind so unsere theologischen Lehrkörper hingerichtet, dann mögen die Germaniker und Jünger Loyolas kommen, und an unseren Seminaren ihre unfehlbaren lateinischen Vorträge halten.

Das Damoklesschwert hängt unter diesem Pontifikat, welches selbst einen Dr. Günther auf den Inder setzte, über jedem, der in der theologischen Wissenschaft arbeitet. Ganze Disciplinen liegen darnieder, die katholische Kirchenzeitungen schwinden auf eine so kleine Zahl zusammen, daß bald die rabbinische Theologie ebenso stark vertreten ist. Vielleicht gelingt es den Stimmen von Maria=Laach und dem unerträglichen Eifer unserer Hochwürdigen, nächstens auch das Theologiscge Literaturblatt von Bonn, die einzige Schöpfung der katholischen Gelehrtenversammlung von 1863, zu Grunde zu richten.

Diese Romanen schänden über die deutsche Wissenschaft und würden am liebsten uns alle auf den Inder setzen. Wenn aber die neun Zehntel der Vescovini am jüngsten trostlosen Concil den theologischen Verstand der Zeit repräsentiren, dann ist es schlimm mit der Kirche bestellt. Die deutsche Wissenschaft wird ebenso im Kampfe gegen die Römlinge siegen, wie die deutschen Waffen im Kriege gegen die Franzosen. Man rede mir diesen Satz nur nach! Wir werden sie mit dem Rüstzeug des Geistes aus dem Felde schlagen, uns zwingt auch hier die Nothwehr, wir sind die Angegriffenen. „Die Lüge unter dem Deckmantel der Wahrheit soll man nicht dulden“, spricht Innocenz III. – ebenso wenig ein unwissenschaftliches Lehrwesen.

Die Eifersucht der Siebenhügelstadt hat dem deutschen Geiste in der Wissenschaft den Krieg erklärt, wie es schon vor vier Jahrhunderten uns um die deutsche Kunst gebracht hat. Während unter König Ludwig I. von Bayern ein neues Zeitalter der Künste angebrochen war, kamen wohl strebsame Jünger aus allen Ländern, selbst aus Amerika, aber kein Italiener. Deutsche Meister, ein Thorwaldsen, Carstens, Cornelius und Overbeck haben in Rom erst wieder ein Kunstleben in Aufnahme gebracht; wir haben in Deutschland seit vierzig Jahren eine neue theologische Wissenschaft begründet: was haben die Wälschen zu bieten?

Schon die nachtridentinische Kirche sieht der früheren nicht mehr gleich, so wenig als ein Krüppel, der einen Arm und einen Fuß eingebüßt hat, dem Manne mit allen Gliedern gleicht. Die geistige Freiheit ward unterdrückt, nationale Berechtigung bei Seite gesetzt. Man riß, von den Italienern belehrt, die alten gothischen Kirchen nieder oder baute sie im Style der heidnischen Renaissance mit zunehmender Verschlechterung um. Man bereicherte den alten Bibelkanon durch die Aufnahme der zweideutigen deuterokanonischen Bücher, welche weder historische noch dogmatische Wahrheit enthalten und dergleichen. Doch nach dem Vatikanum steht eine noch gründlichere Verschlimmerung in Aussicht! Eine Zeit aber, wo die gothische Architektur wieder in Aufnahme gekommen, wo der Kölner Dom ausgebaut wird, ist romanischen Prätensionen weniger geneigt, als die, wo man „wälsche Hauben“ auf unsere Domthürme setzte.

Das sei ferne, daß wir bei unserem gründlichen Wissen den ehrlichen Glauben gering achten. Andächtig und beschaulich in sich gekehrt, wie Maria von Bethanien zu den Füßen Jesu saß, und den Reden seines Mundes horchte, glaubt Italia den besseren Theil erwählt zu haben, wogegen Martha, die deutsche Aschenbrödel, den Geschäften des Hauses obliegt, im Schweiße des Angesichts die schwere Arbeit vollbringt und die Früchte der Wissenschaft genießbar macht. Die Wälschen lachen gemüthlich, wir aber wollen nicht über unsere deutsche Gelehrsamkeit spotten lassen. Wie unsere Künstlr ersten Ranges das kunstheidnische Rom zu Anfang unseres Jahrhunderts wieder zu christianisieren versuchten, so hat die deutsche Wissenschaft die gleiche Aufgabe, den Wälschen ein Licht anzuzünden.

Unter den Bildern der neuen Pinakothek zu München nimmt das Gemälde Deutschland und Italien von Overbeck einen hervorragenden Platz ein. Hier figuiren zwei reizende Mädchen, mit Burg und Stadt im Hintergrunde, wobei die blonde Tochter des Nordens dem braunen Kinde des Südens mit erhobenen Finger Belehrung ertheilt. Nun aber möchte diese Römerin die Welt mit einem frisch ersonnen Mährchen unterhalten und uns den Mund schließen!

Sind wir Deutsche denn in der Lage des armen Lazarus, geistesarm und verkümmert, daß wir zu den Füßen des des Unfehlbaren von den Brosamen leben sollen, die von seinen Tische fallen? Schwelgt man in Rom so, im Ueberfluß der Erkenntniß der höchsten Güter des Lebens, daß man unserer Dürftigkeit aufhelfen, unseren Geisteshunger mit hingeworfenen Brocken stillen kann? Umgekehrt! wir sind in Allem überlegen, und könnten den Dortigen aushelfen; nur die demüthige Gewöhnung hielt uns ab, trotz unserer Ueberlegenheit uns den Hündlein gleich zu achten.

(Görres und seine Schule.)

Was würde der heroische Vertheidiger der Kirche in der jüngsten Zeit, ein Joseph Görres zu den heutigen Zuständen sagen?

Jenen, die den Namen Görres im Munde führen oder vom Görres=Vereine aus in dessen Heimatlande wirken, geben wir zu bedenken: Görres war vor allem ein deutscher Mann. Der Verfasser hat ihm in den letzten vierzehn Jahren seines Lebens näher gestanden, als irgend einer; seine Sprache wie seine politischen und kirchlichen Gedanken sind uns wahrlich nicht fremd: hat er uns doch selbst ins Fahrwasser der Literatur eingeführt und die Bestimmung vorgezeichnet. Schade, daß statt unserer ungenügenden biografischen Skizze Niemand eine ausführliche Schilderung seiner Kämpfe im politischen und religiösen Gebiete lieferte, wozu man freilich erst selber durch die Theilnahme am öffentlichen Leben vorbereitet sein muß. Görres konnte es nie verschmerzen, daß die Bürger seiner Vaterstadt Coblenz durch wälsche Grabinischriften selbst ihre Voreltern noch zu Franzosen machen wollten. Noch Jüngling, da die Rheinprovinz von republikanischen Räubern systematisch ausgeplündert wurde, war er allerdings nach Paris hinübergegangen mit der nicht an den Mann gebrachten Vorstellung, dieser Paschawirthschaft lieber durch Einverleibung in die große Republik ein Ende zu machen. Er hatte Bonaparte kaum gesehen, als er schrieb: „Nehmt euch bei Zeiten den Suetonius zur Hand; der neue Cäsar Augustus ist fertig!“ (Der Dalai Lama ist fertig!“ müßte er heute ausrufen).

Mit allen Waffen des Geistes Napoleon zu bekämpfen, stellte er sich nochmals zur Lebensaufgabe, so daß man ihn, der alle guten Geister der Nation gegen den korsischen Tyrannen in die Waffen rief, in Paris die fünfte Großmacht nannte, die gegen Frankreich kämpfte.

Der Freiherr von Stein war sein Freund Blücher ging nie zu Tische, ohne den Rheinischen Merkur gelesen zu haben, und General Gneisenau, der Moltke des Befreiungskrieges, zog nicht durch Coblenz, ohne den kühnsten Sprecher der Nation zu sehen.

Für deutsches Recht trat er in die Schranken, als er nach dem letzten Pariser Frieden nicht bloß die Restitutionen der geraubten Kunstwerke, sondern auch die durch den schändlichen Davoust der Bank von Hamburg gestohlenen Millionen forderte, und den bezüglichen Artikel in der schärfsten Tonart trotz erfolgter Censur im Rheinischen Merkur abdruckte. Er schuf sich seine eigene Sprache, und redete wie einer, der die ganze Gewalt des Wortes besaß, und nicht als ein käuflicher Journalist, wie so viele feile und überzeugungslose Wortführer der Infallibilität. Hätte nicht das wieder reactionäre Preußen, um den stolzen Redner den Mund zu schließen, den besten Sohn unseres Volkes gezwungen, das Brod des Elends in der Fremde zu essen, ja selbst nach Frankreich zu flüchten, daß mit hoher Befriedigung ihm Gastfreundschaft gewährte – nimmermehr hätte er seinem alten Landesherrn gegenüber persönlicher Empfindung Raum gegeben. In der Zeit der Tiefsten Erniedrigung Deutschlands, wo man die noch vom Befreiungskriege her aus allen Wunden blutende Nation um ihre letzten Hoffnungen betrog, war Görres von den Gibellinen zu den Welsen übergegangen. Wer weiß, ob er in dieser Zeit der tiefsten Erniedrigung der Kirche, während die nationale Forderung: ein deutsches Reich, gemeinsames Parlament, gleiches Recht gewährt sind, nicht nach Dante’s Beispiel zu den Gibellinen sich wenden würde!

Görres war ein Ultramontaner im edleren Sinne, in dem sein Herz grundsätzlich die deutsche Nation einschloß. Seine Begeisterung für Kaiser und Reich unter der damals allein möglich scheinenden Form war so feurig, wie für das Wiederaufleben des Geistes der Kirche. Ihm schwebte das große Ganze der Christenheit vor, mit Untergeordnetem verlor der geniale Mann nie die Zeit, noch suchte er seine Befriedigung in formeller Rechthaberei. Er verdiente wohl, daß seine Jünger in und außer Bayern sich dieß besser merkten, es scheint aber eine Spaltung der Schule sich vorzubereiten. Möge die rechte Seite auf eine exclusive Hochkirche hinarbeiten, die Linke mit ihrem Organ, dem heutigen Rheinischen Merkur vorzüglich dem Staate die Ehre geben – wir behalten das Herz für beide offen und möchten die Verbindung erhalten.

Die Sehnsucht jedes ehrlichen Patrioten nach der Wiederkehr des Reiches und der Herstellung nationaler Zustände wird späteren Zeiten vielleicht unfaßlich sein; aber die Angst, zwischen Frankreich und Rußland wie zwischen zwei Mühlsteinen zermalmt zu werden, hieß mit Verzweifelung sich an Oestreich klammern, bis der letzte Funke Hoffnung erlosch. Nicht von Gesinnungswechsel, sondern einzig wer die nationale Führung zu übernehmen im Stande sein werde, konnte die Rede sein.

Beweis des Verfassers anspruchslose Broschüre „Die Lage des Vaterlandes“ 1848, S. 18: „Wir wollen wieder Ein Reich bilden. Darüber zu berathen, soll ja der neue Reichstag in Frankfurt zusammentreten. Wohin soll es mit Deutschland zur Zeit kommen, wenn die Interessen der Machthaber gegen das Gemeinwohl der Nation so getheilt bleiben? Wohin, wenn ein deutscher König ganz an England verkauft ist und darum dem allgemeinen deutschen Zollvereine widerstrebt? Oder wenn deutsche Prinzen an der Spitze dänischer Truppen gegen Schleswig=Holstein stehen, das sich mit Deutschland vereinigen will? Soll es noch öfter sich wiederholen, daß die süddeutschen Staaten Verrath am gemeinsamen Vaterlande üben, und bei dem nächst bevorstehenden Kriege sich mit den Franzosen, unseren alten Reichsfeinden, verbinden, um ihre Schlachten zu schlagen, ruchlose Lorbeeren zu erwerben, und wenn dann das Reich zu Grunde gerichtet ist, sich wieder mit den übrigen deutschen Brüdern zu vereinen?

Eben darum soll jetzt ein Reichsoberhaupt Maß und Richtung gebend über den Einzelfürsten stehen. Aber auch ein Kaiser wird geboren und läßt sich nicht durch bloße Ernennung machen. Hätten wir unter den zahlreichen deutschen Oberhäuptern nur einen einzigen Kopf, der die Kaiserkrone sich kraftvoll aufzusetzen und sie würdig zu tragen im Stande wäre, wie gerne wollten wir ihm alle zufallen und ihm für unseren Oberherrn erkennen! Ach daß doch in diesen unseren Tagen waht würde, was die Nation seit Jahrhunderten mit Sehnsucht erwartet: daß der alte Barbarossa aus dem Kieshäuser hervorginge und dem gesunkenen Reiche wieder zur alten Herrlichkeit verhälfe. O daß jetzt nach Ablauf der ersten tausend Jahre ein anderer Karl als neuer Reichsgründer aufstände! Ihm würde das Werk der Regeneration leichter gelingen, als uns Vielen, die in der Noth der Zeit zusammentreten und die neue Verfassung berathen müssen.“

O daß endlich ein deutscher Napoleon aufstände! war der Ruf, womit das gepreßte Herz der Parlamentsmitglieder 1848 sich Luft machte. Als aber ein wahrer Mehrer des Reiches sich offenbarte, da konnte der Schüler mit anderer Befriedigung, als der Meister sprechen: „Der neue Augustus ist fertig!“ und den, welchen die Weltereignisse, die Macht ohne nationalen Gesinnungswechsel als Deutschlands Kaiser begrüßen heißen, was nach den ersten Siegen in Frankreich, geraume Zeit vor der Deklaration in Versailles geschah.

(Humanität der Römlinge.)

Unsere Zeit ist keine unchristliche, sondern kann mit den besten Jahrhunderten wetteifern. Wir bauen nicht bloß die Dome aus, deren Vollendung den letzten zwölf Generationen zu schwer geworden, sondern leisten mehr für Erziehung, Schule, Krankenpflege und Anstalten der Wohlthätigkeit, als irgend eine Zeit. Alle Werke der Humanität finden von Land zu Land die begeisterte Förderung, und kaum war 1859 die Neutralisirung der Verwundeten auf den Schlachtfeldern auf die Tagesordnung gebracht, als sie in allen Staaten zum Gesetz erhoben ward, zu allerletzt leider im Kirchenstaat. Und doch schmäht man von dort aus über die heillosen Menschen dieses Säkulums, über das Schwinden der Glaubenskraft und den Verfall des Christenthums!

Wenn die Romanen mit ihren vatikanischen Dogma uns nicht bekrehren, durch ihre Unwissenheit und selbstsüchtige Politik vielmehr empören, vielleicht sind sie uns Lehrmeister in guter Sitte und Disciplin? Ach nein! Wie Jeremias ausrief: „Jerusalem bekehre dich zu Gott deinem Herrn! dürfte jetzt ein Rufer in der Wüste zur Siebenhügelstadt an der Tiber seine Stimme erheben: „Alte Sünderin bekehre dich!“ Sollen wir an den letzten Akt der christlichen Humanität erinnern, welche der Träger der Tiara an dem römischen Bürger, dem ritterlichen Grafen Montalembert übte, indem er den vom Cardinal Merode angesetzten Trauergottesdienst unterdrückte – ein Beweis, wie das unselige Dogma die besten Frennde und Vertheidiger des römischen Stuhles mit einmal als Feinde behandeln lehrte.

Die Behandlung, welche die alles überwachende Curie Männern von Geist mitunter angedeihen läßt, grenz wirklich an Barbarei. Wir kennen einen Provinzial dem selbst das Lesen der A. Allg. Zeitung, deren Nachrichten immerhin die verläßigsten, und deren Beiblätter den besten Leitfaden für den Fortschritt der Wissenschaft bieten, strenge verboten wurde. Die gesammelten Jahrgänge sind aus dem Kloster geschafft und sollten Anfangs verbrannt werden – lebten wir etwas früher, so hätte Rom den Pater wohl gerne unter der flackernden Lohe dem heiligen Laurentius zugestellt.

Lassen wir ein jüngstes Beispiel reden, uns zwar nicht aus Italien, dem Lande der Briganten und Thierquäler, sondern aus dem Rheinlande, soweit der Einfluß von Frankreich herüberreicht. Hätte der glorreiche Vorkämpfer der Kirche in unseren Tagen, der selige Görres, je geahnt, daß man seine nächste Verwandte, Amalie von Lasaulx, die Oberin der Barmherzigen im Johannisspital zu Bonn mit der Schaar ihrer Jungfrauen 1864 nach Schleswig=Holstein, 1866 nach Böhmen in den Krieg gezogen und die Bewunderung der Armee geärntet hatte, eben weil sie von der Generaloberin ais Nanzig auf das Dogma inquirirt, mannhaft dagegen sich ausgesprochen, nach dreißigjähriger Wirksamkeit, dem sie mit Geschwistern sich geweiht, des Postens enthoben werden sollte!

Mir erschien die edle Schwester unseres Freundes Ernst vin Lasaulx immer als das Muster einer verständigen Klosterfrau, und diese heroische Dame wird, weil sie ihrer gläubigen Ueberzeugung treu geblieben, zwei Monate lang auf dem Schmerzenslager, mit Bekehrungsversuchen gemartert, ihr der Trost der Sakramente noch im latzten Augenblick verweigertm die kaum Verstorbene genau nach der Androhung aus dem Orden gestoßen, der Entseelten vom kaum erkalteten Leib der Habit gerissen, und die si nach der Klosterregel, aber wahrhaftig nicht in den Augen Gottes Verdammte, von Vallendar über den Rhein gefahren, und allein auf der Landsttraße niedergestellt, wo sie nach ein paar Stunden eine nicht der katholischen Kirche angehörige Fürstin auffindet, in ein Haus tragen läßt und ihrer Pflicht endete sie an einem Lungenleiden, welches sie in beiden Feldzügen sich zugezogen, am Sterbetag des großen Görres den 28. Januar 1872, eben 24 Jahre nach dessen Tode.

Hätte doch ein Papst Pius IX. diese Heldenseele sterben sehen, um zu ermessen, wie grenzenloses Unheil seine Eitelkeit in die Christenheit gebracht. Wie die „Malheureuse“ ohne Beistand eines Priesters sterben mußte, sollte sie auch ohne Priester begraben werden. Und das soll noch Religion sein? Ist das nicht klerikale Tobsucht? Auf ihren letzten Wunsch fand sie ihre Ruhestätte in der Familiengruft zu Weissenthurm neben ihrem Vater, welcher mehr als vierzig katholische Kirchen am Rhein und der Mosel gebaut hat. Einer Grabrede bedurfte sie nicht, die Thränen aller Anwesenden waren sprechender als jeder Leichensermon, und auch mit treten die Zähren in die Augen, indem ich dieses Nachruf ihr widme. Sie starb eine wahre Martha, und wenn nicht Martyrin, doch Bekennen, die Kluge unter den thörichten Jungfrauen. Das ist das erste Schlachtopfer infallibilistischen Hasses oder wenn man will, römischen Klostergeistes, wobei die unmenschliche Heiligkeit nicht selten in der Unterdrückung aller natürlichen ins Herz gepflanzten Gefühle und Tugenden ihren Höhepunkt erreicht. „Es fehlt noch wahrlich nicht am Willen der Hierarchen, wenn nicht im 19. Jahrhundert wieder Scheiterhaufen aufgerichtet werden“, schrieb am 3. Dezember 1870 ein gelehrter deutscher Bischof. Mag man in Rom ihr die Krone des Lebens absprechen, jenseits gibt es einen ewigen Richter, welcher nichts von einer päpstlichen Unfehlbarkeit weiß. Lebt denn keine Katharina von Siena, um den Urheber so vielen Leides sein Sündenregister vorzuhalten und ihn vor den Richterstuhl Gottes zu citiren?

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 9: Zur Charakteristik der Jesuiten.

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 9: Zur Charakteristik der Jesuiten.

 

Die Urheber des neuen Dogma haben an der ganzen Christenheit sich schwer versündigt und arg verrechnet, denn so tief ist die Menschheit nicht gesunken, um sich eine so fatalistische Lehre aufdringen zu lassen. Man hat die Vorsätze und Lehrer der Christenheit für gescheidter gehalten. Und wer hat die Kirchenhäupter in die Versuchung geführt, wem danken wir zunächst den jetzigen Unfrieden in der katholischen Welt diesseits und jenseits des Ozeans?

Sollen wir etwa ein Urtheil über die Jesuiten abgeben? Nur genaue Kenntniß der Geschichte gibt hiezu eine Berechtigung. Sie sind vortreffliche Missionsprediger! wer könnte es leugnen? Auch sittliche Erzieher? Ich hege keinen Zweifel, obgleich man ihre Collegien Drillanstalten und geistige Cadeteninstitute nennen mag. Sie sind im jüngsten Kriege wie ein Mann ausgerückt und haben in der Seelsorge und Krankenpflege Wunder gethan, daß bei allen Kommando’s nur Eine Stimme der höchsten Anerkennung verlautet! Das Alles aber wird sie nicht retten. König Ludwig I. von Bayern, dessen Geschichte ich kenne, denn ich habe sie zuerst geschrieben, äußerte wohlüberlegt: „Die Jesuiten sind Prätorianer, mit allen Tugenden und Fehlern einer Garde: ausschließlich, hochmüthig, abstoßend, immer für sich auf ein Ziel losarbeitend. Manche Armeen haben eine Garde, wir können zufrieden sein, wir haben keine!“

In seinen geistreichen Signaten spricht sich der Moarch wiederholt darüber aus, warum er diesen Orden den Eintritt in Bayern verweigern müsse, so 1832: „Katholisch ist nicht jesuitisch“ (Signat 1883). Im Zusammenhang damit steht sein Urtheil über das Germanikum, welches ursprünglich Canius, der hauptsächlich Bayern angehörte, mit den in Deutschland und Ungarn zu einem Kreuzzug gegen die Türken gesammelten Geldern gestiftet hat. „Der deutsche unter den Fürsten“ setzte 1846 die Zahl der Germaniker aus Bayern auf sechszehn fest mit der drastischen Bemerkung: „Der Teutsche ist kameelartig, nimmt leicht die Farbe an, wo er sich befindet, und Jugendeindrücke im Ausland (in Italien gibt’s keine Protestanten) bleiben eingeprägt.“ (Signat 9085. 9511.) 1844 schrieb er: „Geeignete Jesuiten, Teutsche, möchten zu Lehrern in dem Collegium Germanicum in Rom ernannt werden, auf daß nicht italienisirt die Zöglinge werden, sondern teutsch bleiben. Dieß dem Nuntius mitzutheilen.“ (Signat 8936.)

Die Gesellschaft Jesu ist von einem Kriegsmann gegründet und militärische Disciplin ihr eingepflanzt, womit aber keine innere Ueberzeugung begründet wird: Der Glaube läßt sich nicht erzwingen! Der Absolutus dominatus, welcher die spanische Monarchie wegen der Concentration aller Gewalt zum Kampf mit den Mauern in schlimmen Ruf brachte, und noch nach der Zeit der ritterlichen Gründung durch Loyola in Europa sprichwörtlich war, hat such auch dem mehr politischen als religiösen Orden mitgetheilt. Dadurch gerieth er gleich von Anfang mit der Staatsgewalt in Conflikt und wurde da und dort vertrieben, lange vor der Aufhebung, welche Klemens XIV. ex sesse, aber cum consensu der meisten Staaten vornahm. Sie haben sich mit allen Orden verfeindet, jede Einsprache zum Schweigen gebracht, durch ihre stramme Disciplin jeden Widerstand gebrochen. Die freie Ueberzeugung gilt ihnen nichts, entscheidend ist nur der Ausspruch der unfehlbaren Autorität. Die Jünger des heiligen Ignatius bestärken den römischen Hof in der verkehrten Politik, nie einen Anspruch aufzugeben, nie ein Unrecht gut zu machen, nie einen Irrthum einzugestehen, also in der Unbußfertigkeit vorsätzlich zu verharren. Sie tragen die Hauptschuld, wenn dieser Grundsatz der Unverbesserlichkeit zum Verderben der Kirche ausschlägt. Die Lehre der Infallibilität ist ein Ausfluß davon.

Man wird den Jesuiten nie verzeihen, daß sie ein Ordensstatut, welches ihren Vorstehern unbedingten Gehorsam gegen den römischen Stuhl auferlegt, zur Bedeutung eines Dogmas erhoben, und dadurch das Vertrauen der Völker in die Kirche abschwächen. Man verzeiht ihnen nicht, daß sie uns Deutsche blindlings den Romanen unterwerfen. Indem sie mit der vorwärts gehenden Bildung der Zeit sich in Widerspruch setzend das Jahrhundert in die Schranken rufen, und nur zum blinden Gehorsam, nicht aber von innen heraus Charaktere erziehen, rechtfertigen sie die Anklage*), daß sie die Federkraft des Geistes eindrücken, und zum Selbstmord, nicht zum leiblichen, wohl aber zum geistigen auffordern, und mit dem begehrten Opfer der Vernunft, durch deren Gebrauch der Mensch allein vom Thiere sich unterscheidet, die eigentliche Selbstvernichtung des Geistes wollen. Weiß man auch, was dies sagen will? Kant, bei dessen Philosophie der Jesuitenorden stehen geblieben, ertheilt die Antwort: „Die Vernunft verstopft die Quelle der Irrthümer, und der Positive Verstand vertreibt die Finsterniß der Unwissenheit.“ Will man sich versagen und uns wehren, die Gründe der Dinge zu erforschen (rerum cognoscere causas)? Aller Einsprache zum Trotze bewegt sich die Welt der Wissenschaft: E pur si muove! Wir lassen uns dabei die Sonne nicht verfinstern.

*) Wir können nicht umhin, hier das Urtheil eines seligen Freundes Eduard Michelis anzuführen, der als Kaplan des Kölner Erzbischofs Droste=Bischering diesen auf die Festung Minden begleitete, und noch auf dem Sterbebette sprach: „Wenn die Jesuiten nach Deutschland kommen, um etwas zu lernen, so wird dies gut sein; kommen sie aber, um uns zu meistern, so werden sie großes Unheil anrichten.“ Wie iwrd dieser Ausspruch durch die Ereignisse illustrirt! Das schärfste Wort hat wohl sein Bruder Prof. Friedr. Michelis ausgesprochen: „Erst zwanzig Jahre sind sie unter uns, und schon erleben wir unter ihrem zwingenden Einfluß einen Bankrott an Ehre und Charakter, daß das Ansehen unserer Bischöfe unwiederbringlich verloren scheint.“

Sträflich ist das Mißtrauen in die Worte Christi: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Sie mißbilligen die Freiheit und das Dogma, womit sie uns in immer neue Fesseln schlagen wollen, beruht eben auf Unwahrheit. Die guten Herren wollen nicht, daß man lieber frische Luft, als die in Kellern, Gefängnissen und geschlossenen Kammern athmet. Ihre Institute fördern die Bildung, sowie exotische Pflanzen in Treibhäusern gedeihen, aber dafür die Luft im Freien nicht aushalten. Sie lieben als Gärtner die französische Gartenkunst, den natürlichen Wachsthum der Bäume zu beschneiden, die Baumschule alleenartig zu behandeln, – wir dagegen ziehen den natürlichen Baumschlag den englischen Anlagen vor, das ist der Unterschied. Zwerg und Spalierbäume gedeihen unter der Scheere vortrefflich, was aber zum höheren Wuchse bestimmt ist, büßt dabei die Triebkraft ein, verkrüppelt und verkümmert bei den besten Säften.

Die Jesuiten haben die Constitution ihres Stifters in Einem Punkte noch überschritten, statt abzuwarten, bis die Mächtigen zu ihnen kamen, und als Prinzenerzieher die Grundsätze eines strengen Regiments auch den heranwachsenden Herrschern beibrachten. Dadurch zogen sie sich jenen ungeheuren Haßder Welt zu, indem sie für die eigentlichen Förderer des fürstlichen Absolutismus galten, welcher die Staaten in den Abgrund der politischen Revolution trieb, wie sie jetzt die päpstliche Allmacht verfechten und so einen allgemeinen Umsturz in der Kirche verursachen. Wie die Streitigkeiten zwischen Jesuiten und Jansenisten die französische Gesellschaft zerrütteln und sie zur Staatsumwälzung reif machten, so erwacht jetzt ein ähnlicher Prinzipienkampf, mit steigender Erbitterung geführt. Tausende betrachten sie als Feinde des Staates, als die Todtengräber der alten Dynastien. Daß sie an Deutschland sich schwer versündigt und den Bourbonen gegen die Habsburger Dienste geleistet, ust kaum zu leugnen.

Mit all ihrer Klugheit und kirchenpolitischen List haben sie der Kirche wenig Vortheil gebracht. Ich meine ja nicht ihre Niederlage in China, wo Rom unklug handelte, sie wegen Einhaltung der chinesischen Gebräuche ihren erklärten Feinden, den Dominikanern zu opfern, welche sie ebenso als Ketzer denuncirten, wie jetzt die S. J. den unverbrüderlich am alten Glauben hangenden, nicht nach Dogmenerneuerung verlangenden Deutschen gerne diesen Titel zuwenden möchte. Sie waren dort jedenfalls im Rechte. In Europa haben sie das „Andenken an Johannes Huß“ glücklich durch den mit einmal emporgebrachten und weit verbreiteten Dienst des Johannes Repomuk in den Hintergrund gedrängt und uns Deutschen genützt. Aber die von ihnen geleitete katholische Aktion der Stuart in England, der Könige Johann und Sigismund Wasa in Schweden, und vollends die Aufstellung des falschen Demetrius von Polen gegen Rußland hat zu furchtbaren Rückschlag geführt, so daß seit Czar Nikolaus nicht nur die polnisch=lithauische Union mit Gewalt rückgängig gemacht, sondern Bisthümer und Pfarreien ebenso rituell grächsirt werden, wie man sie vorher latinisirt hat. Kein Wunder, wenn einer der bedeutendsten Kirchengeschichtskenner unserer Tage den Untergang Polens in Folge der provocirten Reaktion des angegriffenen Rußlands indirekt ein Werk der Jesuiten nennt, die darum bei der nordischen Semiramis Gnade fanden.

(Eroberung der Frauen.)

Man verzeiht den Jesuiten in Ländern, wie Belgien und Frankreich, wo sie sich wieder ausgebreitet, erst recht nicht, daß sie die Seelen morden. Sie unterstehen dem Vorwurf, daß sie die Herzen der Kinder von ihren Eltern, der Weiber von ihren Männern abwendig machen. Man klagt, daß sie die natürlichen Tugenden aus den Herzen reißen und künstliche dafür hineinpflanzen. Dieß erinnert an den Vorwurf, welchen Christus wider die umherziehenden Proselytenmacher erhebt, daß sie ihre Adepten zu Kindern der Hölle machen. Was Mephistopheles in Faust sagt: „Vor allem aber lern‘ die Frauen führen!“ versteht die Societät vortrefflich. C’est la femme, qu’il nous faut! äußerte ein französischer Bischof zu einem deutschen Grafen (A. A. Z. 12. Januar 1872) – ganz im Widerspruch mit Paulus, welcher die Frauen keineswegs als tonangebende Klasse anerkannt. Das Drama hat nach Viktor Hugo drei Klassen von Zuscheuern zu befriedigen: Die Weiber, die Denker und die Menge. Die Menge verlangt zuvörderst Handlung, die Frauen wollen vor Allem Leidenschaft, der Denker aber fragt nach Charakteren.“ Aehnliches gilt beim Dogma, wir stehen auf Seite der Denker. Bei dem vorwiegenden Gemüthsleben und den ausschließlichen Herzenseigenschaften des heiligen Vaters ist es nicht zu verwundern, daß gegenwärtig Weiber mitunter das erste Wort in Glaubenssachen sprechen. Ein Amazonenregiment in der Kirche wäre gewiß fruchtbringend, es fehlte nur, daß Damen auch noch den Hirtenstab fürten. Frauen sind für gläubige Hingebung leicht gewonnen und zum Extrem geneigt, wo aber der Fanatismus beginnt, hat das Christenthum ein Ende. Sie sind es, die bereits in der Kirche neue Dogmen diktiren; hat Rom doch 1854 das positive Verlangen der Frauen geltend gemacht. Ob der Aberglaube nicht mehr Verkehrtheit stiftet, als der Aberglaube nicht mehr Verkehrtheit stiftet, als der Unglaube, ist die Frage, unfraglich aber wurzelt der Haß welchen Unwissende gegen Geistesüberlegene fassen, am tiefsten. Sichere Leithammel nützen die Erfahrung aus, um wie viel leichter andächtig schwärmen als tüchtig handeln ist, was Lessing vorzüglich den sentimentalen Damen gesagt haben wollte. Diese heiligen Personen glauben jeden Schwindel, seihen Mücken und verschluckten Kameele; man mache von Lappalien Himmel und Hölle abhängig, gemüthskranke Personen werden Alles glauben. Das arabische Evangelium enthält eine in unsere Bibel nicht aufgenommene Aeußerung Jesu, die auch Chasali (Das Kind n. 23) anführt: „Jesus, über welchen Heil sei, hat erklärt: Ich bin nicht zu schwach, Todte zum Leben zu erwecken, wohl aber zu heilen den Dummkopf!“ Hieraus ergibt sich sonnenklar, daß Christus keine Blindgläubigen begehrte. Die weibliche Leichtgläubigkeit und superstitiöse Hartnäckigkeit eignet sich vortrefflich zu dem neuen Credo quia absurdum. Diese Eigeschaft des schwachen Geschlechts bedarf der obige Menschenfreund (il faut), um Glauben zu finden, sie kam der wohlberechneten Offenbarung der Mutter Gottes an die Hirtenkinder zu La Salette zu statten, wobei die heilige Jungfrau gerade das voraussagen mußte, was später dem Concil als Dogma aufgedrungen ward.

Die Weiber müssen einen Abgott haben: ist es nicht ihr Mann, haben sie keinen Mann, so ist es der Papst (wie er in der Wirklichkeit nicht existirt!) oder ein geistlicher Herr; und ein recht braver Landpfarrer sagte mir einst: Lieber bin’s ich, als daß sie sich sonst in ein Manesbild vergaffen.

Das Urtheil des heiligen Hieronymus über seine römischen Mitbrüder, daß sie aus Erbschleicherei bei frommen Wittwen sich Hahn im Korbe machten, bereit, ihnen selbst den Nachttopf unterzuhalten, lautet so derb, daß ich es nicht weiter herzusetzen wage. Die frommen Damen, auf welche die geistlichen Leiter es abgesehen, gehören nicht blos zum schönen und schwachen, sondern vor allen zum abergläubischen Geschlechte. Der gläubige Parsi stirbt, indem er einen Hund an sein Lager führen läßt, der Hindu, indem er den Schweif einer lebenden Kuh erfaßt; dieß ist ländlich, sittlich! aber wenn an den Ufern des Ganges eine fromme Matrone auf Händen und Füßen dahinkriechend eine Wallfahrt unternimmt, um im Jenseits als Mann zur Auferstehung zu gelangen, so fehlt es nur am Dogma, und unsere betschwesterlichen Frauen würden dasselbe thun und glauben wie die Evatöchter in Hindostan. Was man Frauen zu Befriedigung ihrer Andacht bieten darf, lehrt das französische Nonnenkloster mit der angeblichen Vorhaut Christi, welche wie due Eucharistie der ewigen Anbetung sich erfreut. Der Theil davon , welcher angeblich aus den Kruzzügen nach Antwerpen gelangte, und am Portiuncalafeste von den Kanonikern der Liebfrauenkirche in Prozession getragen wurde, erfreute sich nicht blos einer Brüderschaft, sondern – als Ueberrest eines heidnischen Priaydienstes zahlreicher Wallfahrt der Frauen, und in welche ekstatische Visionen bricht die heilige Brigitta über diesen Gegenstand aus! Dafür ertheilt man ihnen eine Versicherungsprämie auf den Himmel.

Wenn etwas den Plan Kaiser Ferdinands I. und Herzogs Albrecht V. von Bayern am Concil zu Trient rechtfertigt, das Lutherthum durch matrimonielle Gleichstellung des Klerus mit den übrigen Staatsbürgern zu entkräften, so sind es unwillkommene Erfahrungen in diesem Gebiete. Wir schenken den Römern vorerst ihre kostspieligen Heiligsprechungen. Deutsche kommen höchstens alle paar Jahrhunderte daran, und von Benno bis Canisius gibt es keinen deutschen Heiligen, dagegen eine Unzahl Italiener und Spaniolen – Frauen dreimal mehr als Männer, denn ein krankhaft überreiztes Seelenleben entscheidet, Geist ist nicht nöthig. Da aber jeder seine geistige Errungenschaft mit in jene Welt hinübernimmt, werden die römischen Heiligen im Jenseits eine sehr untergeordnete Stelle einnehmen. Vielleicht gilt dirt der als Christ verketzerte Deutsche mehr als der gallenbittere bigotte Kirchendiener.

(Neuerdings drohende Verbannung.)

Im Staate Eguador sind alle Gegner der Unfehlbarkeit aus dem Lande gejagt und dafür die Jesuiten eingezogen. Man ist überzeugt, wenn die Macht ausreichte, würde man in anderen Ländern dasselbe thun. Nicht die vielgeprüften Jünger Loyolas allein sind die Opfer der Verbannung. Wie leicht kann aber in Erfüllung gehen: „Heute mir, morgen dir!“ Das Martyrium ist gegenseitig.

Ich spreche wahrhaftig nicht als Gegner, sondern im eigensten Interesse der Kirche, und von den Vätern der S. J. eher mit Voreingenommenheit. W. Menzel wird nicht müde, einen Ordensmann meines Namens und Stammes, der unter den deutschen Patres am meisten zur Organisation des Jesuitenstaates Paraguay beigertragen, als hervorragenden Missionär zu preisen. (Derselbe schrieb auch sein Leben als Orpheus unter den Wilden.) Aber wir sind keine Indianer, um uns als Kinder am Gängelbande führen zu lassen. Niemand von uns will die Jesuiten verbannen, und doch kann es sich leicht treffen, daß nächstens dieser Jonas aus dem europäischen Staatsschiff wieder hinausgeworfen wird in die Wogenbrandung der Nationen, um das aufgeregte Völkermeer zu beruhigen; daß sie jenseits in der neuen Welt oder auf irgend einer Insel ans Land kommen und als Pioniere der christlichen Cultur ihre prophetische Stimme erheben in einer Wirksamkeit, worin sie unersetzlich sind. Voll banger Ahnungen schrieb ich bereits in meiner „Ehrerbietigen Vorlage an das Vatikanische Concil 1870“ im letzten Satz meiner „Kirchlichen Reformentwürfe“: „Die Erklärung des neuen Dogma würde für Freund und Feindund zu ersteren zählen wir uns!das erste Signal zum abermaligen Sturz des Jesuitenordens abgeben.“ – Aber man ist eben unfehlbar und keiner Mahnung zugängig; dafür sehen wir erst jetzt Bischöfe und angesehene Laien gegen die Verfolgung der Jesuiten Proklamationen erlassen. Im kommenden Jahre 1873 wird das Jahrhundert seit der Aufhebung des Jesuitenordens voll, wer weissagt über die nächste Zukunft? Die Todten reiten schnell!

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung Kapitel 8: Absolutistisch dogmatische Völker.

Professor Dr. Johann Nepomuk Sepp

Deutschland und der Vatikan Staats- und Volksmännern, sowie Kirchenobern zur ernsten Erwägung

München 1872

Kapitel 8: Absolutistisch dogmatische Völker.

 

Ich bin zu spät gekommen!“ sprach einst der erste Napoleon im Uebermuthe – ich weiß nicht gleich zu welchem seiner Adjutanten. „Alexander der Große fand es möglich, sich selbst zum Gott zu erheben, und mochte auch ein Aristoteles darüber spotten, die Welt im großen Ganzen hat daran geglaubt.“ Nun, der neufränkische Nabuchodonosor hat sein Ziel gefunden; aber der Tiaraträger Graf Mastai Ferretti glaubt nicht zu spät gekommen zu sein und stellt sich unter die unmittelbare Eingebung Gottes! Stehen wir zu Aristoteles, verbrennen wir lieber die Schiffe hinter uns! Unabläßigen, aber ehrlichen Kampf gegen die Unfehlbarkeit!

Keine Zeit war mehr zum Studium der Völkerpsychologie geeignet, als die unsere. Es gibt dogmatische Nationen, welche nie zu gesundem Gebrauche der Freiheit und Selbstverwaltung gelangen, sondern nur apodiktische Befehle kennen und sich in Extremen bewegen. Das sind die Romanen, die durch ihren politischen und religiösen Dogmatismus vor unseren Augen sich zu Grunde richten. Auf den ausgebildetsten Despotismus folgt regelmäßig der Staatsumsturz, auf die Revolution von Oben eine Revolution von Unten, ohne daß sie zu gesicherten Zuständen gelangen. Aus der Thyrannei der Massen werden sie ebenso regelmäßig durch die Hingebung an einen absoluten Herrscher befreit.

Wir sehen den kläglichen Zustand der nur zu lange kirchen despotisch regierten Staaten in Spanien, Mexico und Südamerika, die in furchtlosen Revolutionen sich aufreiben, ohne es je zur Selbstbestimmung zu bringen und Herren ihrer Geschichte zu werden.

Buckle aber stellt in seiner Geschichte der Civilisation von England C. 15 den schlagenden Satz auf: „Nur Errungenschaften, die vom Geiste des Volkes getragen und gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen sind, behaupten sich fort; was aufgedrungen oder durch den Krieg erzwungen ist, hat für die Menschheit keinen Werth!“

Gleich dem 18. Brumaire und 20. Dezember in Paris wird nun der 18. Juli in Rom als ein Tag des Staatsreiches historisch verewigt bleiben. Mit derselben Raserei, womit der Franzose sich in den Krieg stürzt, und zum Schauspiel für die Welt seine eigene Hauptstadr zerstört, provociren die Romanen im tiefsten Frieden einen religiösen Kampf und werfen durch die Hand des Oberpriesters, wie Herostratus eine Brandfackel in die Kirche, ob auch Niederlagen unabwendbar folgen, und am Ende die Losreißung vieler Millionen von der Hierarchie in Aussicht stehen, die den Fels Petri als einzigen Stein ihrer Festung vertheidigt. Wirft nicht diese Camarilla wie der päpstlichen Curie immer neue Feinde zu schaffen? Wir fragen und wiederholen: Soll das kirchliche Politik sein oder leidet man in der Siebenhügelstadt an Größenwahnsinn? Indem ich dieses niederschreibe, bin ich im Innersten gweiß, daß eine spätere Zeit dies Urtheil bestätigen wird, nur dürfte man alsdann den oder die Urheber des Kirchenunglücks nicht bloß leichtsinnigen Fehlers, sondern des Verbrechens zeihen. Wie im Staatsleben herrscht auch im Religionsgebiete bei den wälschen Nationen keine gesunde geistige Fortbewegung, sondern religiöse Ariome werden mit Machtgebot, diktatorisch, kategorisch, peremtorisch eingeschärft. So entstehen unglaubliche Dogmen, wobei die Verantwortung auf einem Einzigen ruht und den Uebrigen das Denken erspart bleibt. Die Frage warum? das Forschen nach den letzten Gründen erscheint unberechtigt. Zur Strafe schlägt die abergläubische Verehrung leicht in Unglauben um. Wir Deutsche schreiten auf dem Wege des Nachdenkens und historisch kritischer Forschung voran, und eignen uns darum besser, die Lehrer für unsere Nachbarn abzugeben. Ohne Kritik keine Erkenntniß; diese Wälschen erscheinen uns aber mit ihrem Dogmatismus unbegreiflich, ebenso wie wir ihnen: es steckt ihnen im Blute!

Wenn Buckel ferner meint: Die Priester derselben Kirche, welche früher äußerst wohlthätig auf die Menschheit gewirkt, können mit dem Fortschritt der Zeiten ein Hemmschuh der Entwicklung der Völker werden – so hat er wohl Romanen im Auge, welche bloß durch Machtsprüche der Autorität wirken wollen, nicht Deutsche, die gleich Jesus an Weisheit und Alter zunehmen wollen vor Gott und den Menschen. (Luther II., 52.)

Die wälsche Logik beweist das stärkste Wunder vom Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit. Es wäre ein Eingriff in die Allmächtigkeit, anzunehmen, Gott könnte dieß nicht thun; da es nun von vielen geglaubt wird, gebietet die Pietät, daran zu glauben. Aus diesem Wege sind wir zu tausenden von Mirakeln gekommen.

Der Italiener argumentirt anders als wir Nordländer, z.B. erklärt Pius am 10. Dezember 1863: die seit tausend Jahren aus den Katakomben zu Tage geförderten Gerippe und Knochentheile mögen allerdings keinen Martyrern und Heiligen angehören, aber ihre Entfernung von den Altären würde beim Volke Aergerniß erregen, also muß man in ihrer Verehrung fortfahren. So bewies man im Vatikan auch: Die Unfehlbarkeit sei einmal angeregt, sie ablehnen komme einer Verläugnung gleich, (nicht wenige Betschwestern verlangten nach der Erklärung, hieß es 1854); man würde, nachdem es so weit gekommen, den römischen Stuhl compromittiren und den heiligen Vater kränken, also müsse man ihn dogmatisiren!

Es ist eine bisher unerhörte Zumuthung, daß ein Paar hundert Millionen Menschen ihren Geist dem Urtheil eines einzigen gebrechlichen Sterblichen zum Opfer bringen sollen. Aber den Romanen scheint nichts unmöglich. Die Opposition verglich Pius IX. mit dem Teufel, der sich in alle guten Werke mischt. Der Papst allein denkt und will, er bestimmt das Leben der Christenheit. „Ihr seid uns darin voraus,“ sprach er einst zum Befehlshaber eines englischen Schiffes in Civitavecchia, der ihm die Wunder der Technik und Maschinerie dachte er wohl an die immense Ueberlegenheit der Italiener, an ihre dogmatischen Leistungen, wodurch er die Geisterwelt zu beherrschen meint. So lebt man in einer idealen Welt und macht aus der Religion des Geistes eine Seelenreligion, während wir die Aufgaben der Wirklichkeit zu erfüllen haben. Willkommen wäre uns ein Dogma, welches die sociale Frage löst.

Seine großartige Leistung, die proklamirte unbefleckte Empfängnis im passiven Sinne ist im Anschluß an Raphaels Stanzen im Vatikan herzlich schlecht als Wandbild zum ewigen Gedächtniß gemalt, aber ober den Purpurträgern, lauter Portraits, glänzt Pius vom heiligen Geiste überschwebt im Strahle höheren Lichtes, so daß die göttliche Erleuchtung von ihm ausstrahlt und er an die Versammlung gleichsam Funken abgibt. In St. Agnese mahnt ein anderes Wandgemälde an den fatalen Einsturz des Zimmerbodens, wobei der Papstkönig gleich allen übrigen hinabkollerte. Es war ein böses Vorzeichen, daß diesem Papstthum der Boden unter den Füßen weiche, aber siehe da! der Römer faßt es anders: Engel halten den heiligen Vater, daß sein Fuß an keinen Stein stoße, und so wird für die kommenden Zeiten ein Wunder daraus gemacht. Ja fromme Frauenspersonen zählen jetzt schon die Mirakel auf, die der Hochgeweihte gewirkt, obwohl ihm der Versuch am Monte Pincio bekanntlich mißlungen ist. Das sind die Römer!

Um noch die 80 oder 100 Stimmen der Opposition für ein Placet zu gewinnen, war der Papst auf die Bitte der Deputation, worunter der Herr Erzbischof von München=Freising war, am 15. Juli 1870 bereit, den Zusatz juxta traditionem catholicam und cum consensu universalis ecclesiae oder episcoporum sich gefallen zu lassen; als aber andern Tags Senestrey (sic!) mit andern von der Glaubensdeputation ihn einschüchterte, er könnte dann in der Kirchengeschichte leicht den Beinamen eines anderen Honorius erhalten, wurde der Unfehlbare wieder umgestimmt und ließ die Vorigen wissen: bereits sei das Formular an die Bischöfe vertheilt, und für Zugeständnisse die Zeit zu spät – dafür kam das ex sese in den Tert. Wie passend erscheint das Wort des Psalmisten bei solchem Wankelmuth und einseitigem Gemüthsleben: „Das menschliche Herz ist ein hochmüthiges und verzagtes Ding.“ So macht man gegenwärtig „in Glauben“: irgend ein homunculus, dem vielleicht noch kein Bart gewachsen ist, in jeder Beziehung ein Wickelkind (infanciullino) übernimmt die Rolle des Hephästos, um mit einem Streich den Vater Zeugs von Athene oder der göttlichen Sophia zu entbinden!

Also aus purer Connivenz oder um dem heiligen Vater ein Compliment zu machen, kommt die Welt zu einem neuen Dogma, und ob sie daran glaubt oder nicht, es soll doch wahr sein. Sollten wir bei dem Dogma uns einer nominalistischen Auffassung abfinden? Ernst ist es damit bereits niemand, der die reale Geschichte der Päpste kennt.

Seit Jahrhunderten hat die katholische Kirche keine schlimmere Gefahr bestanden, als unter dem gutmüthigen einst für epileptisch erklärten, nun vergötterten Nonopio. Freilich gilt der Spruch: „unwissend kann man nicht sündigen!“ Noch ahnt der langregierende Priestergreis nicht, wie sehr man ihn mißbraucht. Nicht er ist der Maryr, sondern wie machen eine bittere Leidensgeschichte mit ihm durch und beklagen ihn, so gerne wir ihn recht verehren möchten. Vordem wurde ein Fenelon wegen seiner Neigung zum Pietismus und Quietismus vom Papste mit einer Censur bedacht, warum sollte die jetzt von Oben kommandirte „blinde Ergebung“ nicht auf Widerstand stoßen? Mit dem Bekenntnis der Unfehlbarkeit läßt sich die Welt nicht überwinden; man mag dabei ein frommer Kirchengänger, aber schwerlich ein tüchtiger Staatsbürger, kaum ein guter Deutscher bleiben, des Zusammenstoßes wird kein Ende sein. Und doch soll unser Glaube und Dienst ebenso entfernt vom zuchtlosen Heidenthum wie vom pharisäischen Muckerthum stehen. Wir Deutsche, die mit Recht gepriesene Nation der Denker, können nicht mit einmal eine andere Richtung einschlagen. Wir lassen uns nicht zu Romanen machen!

Eine Geistes= und Willenstödtung, ein Gehorsam zum Tode kann unmöglich Zweck der Geschichte sein. Gott hat an unsere Persönlichkeit höhere Aufgaben gestellt. Die Weltgeschichte geht bereits mit dem neuen Dogma und seinen Urhebern, vom Obersten bis zum Untersten, ins Gericht und wird noch ernster ihres Amtes walten.

(Wälscher Humbug.)

Fort mit all dem Lug und Trug! Die Behauptung, das Dogma enthalte keine Neuerung, ist Humbug! Das Vorgehen, der päpstliche Absolutismus in der Kirche sei nicht auch staatsgefährlich, ist Humbug. Die Betheuerung, die Bischöfe hätten als Männer von Ueberzeugung in Rom protestirt und es sei ihnen über Nacht mit dem Glauben an die Unfehlbarkeit ernst, ist Humbug. Concil und Dogma sind Humbug, Humbug, Humbug!

Hart und kaum motivirt erscheint uns das Wort, womit Christus den Petrus abwies, der ihn vom Gange nach Jerusalem hinauf abhalten wollte: Apage Satana! Aber es hat die vollste Berechtigung, wenn wir bedenken, daß es zugleich zu den Nachfolgern Petri gesprochen ist, so oft diese hemmend in den Gang der christlichen Weltgeschichte eingreifen wollen: Apage Satana! Es gilt besonders jetzt, wo die Versuchung an den Inhaber des römischen Stuhles herantritt, in Einem Punkte Gott gleich zu werden. Das Eris sicut Deus ist dem Adamsohn noch immer schlimm bekommen: Apage Satana!

Vergeblich hoffen die Romanen, die Aufregung in Deutschland, welche seit drei Jahrhunderten nicht mehr so groß war, werde sich legen. Ja, wir werden über das Dogma zur Tagesordnung übergehen, wenn Rom dasselbe einschlafen läßt, es annehmen aber niemals! Niemals werden wir, als ehrliche Christen uns die neue, frivole Ketzerei gefallen lassen, geschweige denn uns dazu bekennen. Niemals werden wir uns der kirchenpolitischen Willkür der Wälschen unterwefen, die tief unter uns stehen. Niemals mit der Religion ein unerlaubtes Spiel treiben lassen. Ja, man glaube uns nur: Niemals! Niemals! Niemals!

Wenn diese Wälschen die katholische Kirche in Deutschland zerrüttet haben, sie glauben, sie thäten wohl daran. Wenn sie das halbe Abendland in religiösen Unfrieden gestürzt haben, sie meinen, sie hätten wohl gethan! Wenn sie Volk gegen Volk hetzen und im Trüben fischen, sie glauben, sie thäten wohl daran! Sie glaubten es auch als die erste Reformation heraufbeschworen; sie glauben es, als im entsetzlichen dreißigjährigen Kriege der französische Kapuziner P. Joseph die diplomatischen Karten mischte; sie glaubten es, als ein Cardinal Richelieu und Mazarin die deutsche Nation auf das Siechbett und an den Bettelstab brachte. Das schwindelhafte Dogma enthält wirklich eine Kriegserklärung gegen Deutschland, darum ist der Widerstand nicht nur gerechtfertigt, sondern wird zur moralischen Pflicht.

Rom stürzt uns unvermeindlich in ein neues Schisma, damit aber auch in neue Kriege, da das Ausland von jeher auf die innere Spaltung der deutschen Eiche rechnete, um den Keil in die Oeffnung zu schieben und uns auseinander zu klieben. Seit König Heinrich II. beruhte Frankreichs Politik darauf, die deutsche Kleinstaaterei, welche auch im reformirten Kirchenglauben zum Ausdrucke kam, zur Zerstückelung des deutschen Reiches zu benützen. Binnen 200 Jahren hat es uns zwanzigmal mit Krieg überzogen: soll dieser Reigen von vorne angehen? Erst verband es sich mit den protestantischen, dann mit den katholischen Fürsten zum Ruin unserer Nation, und kaum sind wir mit der Kleinstaaterei los, kaum ist jetzt das Reich wieder politisch geeinigt, so wird der Zankapfel religiöser Zwietracht in dasselbe geworfen! Abscheulich!

(Verrätherei der Presse.)

Rom und Paris sind in jüngster Zeit uns feind, wo nicht feindliche Bundesgenossen gewesen. Auffallend ist, daß man in der Tiberstadt schon im Frühjahr 1870 davon sprach, nächstes Jahr werde Frankreich gegen Preußen losschlagen, wie der neue Paul Sarpi rechtzeitig mittheilte; die Kriegserklärung erfolgte jedoch noch im selben Sommer. Frankreich ist das eröffnete Asyl für den Papst, Pau ein eventuelles Avignon, wehe dann uns Deutschen!

Wer konnte jüngst ohne Zornröthe die Civiltà cattolica 1872 p. 14, dieses Hauptorgan des Infallibilismus lesen, worin die Orthodoxen in Rom den nahen gesellschaftlichen Umsturz in Deutschland voraus verkünden, wenn nicht nach vorher durch die Franzosen im Bunde mit allen Unfehlbaren zur Strafe für Sedan uns ein zweites Jena bereitet würde – oder Rußland das Rächeramt übernimmt. So gut meinen es diese Herren in Rom mit uns. Und ein solches Spiel lassen wir redliche Deutsche mit uns treiben? – Den Russen ist da heilige Moskwa mit den vergoldeten Kuppeln der Hort des Glaubens, das Abendland der Sitz der Revolution; ihnen fällt die Aufgabe zur, den verlorenen Sohn zur rechten Zucht zurückzuführen.

Allerdings haben wir Deutsche verlorene und verworfene Söhne unter uns, man darf nur auf den schlechtesten Theil der infalliblen Presse blicken, wie sie mit den Sozialdemokraten oder Sansculotten der Neuzeit liebäugelnd das vaterländische Vermögen durchzubringen gewillt sind, wie sie nach wie vor mit der üppigen la belle France buhlen, ja breit stehen, mit den deutschfeindlichen Czechen und Rumänen die Schweine zu hüten, wenn es nur möglich wäre, das neugekräftigte Deutschland auf den Hund zu bringen.

Dieß Zusammengehen der heutigen Ultramontanen mit den Sozialisten oder der Internationale, die so oft zur Sprache gekommene Hoffnung mittels Umsturz und allgemeiner Anarchie dem deutschen Reiche das Spiel abzugewinnen, ist nicht geeignet uns für die Partei der Infallibilisten Sympathien einzulösen.

Zu den Raphaelischen Stanzen im Vatikan zählt das Bild von der Ueberwindung der Barbarei durch die Macht der Kirche, oder wie der Papst Leo der Große dem Attila entgegenzieht und die Hunnen von Schrecken erfaßt von dem christlichen Rom zurückweichen. Jetzt aber muthet man dem Haupte der katholischen Christenheit zu, mit dem Völkerpöbel gemeinsame Sache zum Umsturz der Staaten zu machen.

Das wissen diese Fanatiker, daß noch vor einem Menschenalter (1834) Papst Gregor XVI. eine feierliche Verurtheilung über Abbé Lamennais aussprach, als dieser den Triumph der radikalen Demokratie in Aussicht stellte und der Hierarchie den Rath gab, den Fall der Dynastien nicht aufzuhalten, sondern das Königthum seinem unabwendbaren Schicksal zu überlassen. Heute sind die römischen und jesuitischen Organe in Rom, Wien, Genf und Laach aus Rache dafür, daß sich der Staat nicht auf Gnade und Ungnade dem Unfehlbaren ergibt, rastlos zu wiederholen bemüht: „Hat man schon daran gedacht, was wird, wenn Rom die Fürsten preisgibt?“ Und derlei Blätter nennen sich nach Deutschland, nach Volk und Vaterland, vielleicht wie der Bodenfee, weil er keinen Boden hat, ider wie die französische Rheinarmee, weil sie den Rhein nicht gesehen hat? Eines derselben, das als vorzugsweise katholisch der Empfehlung der Ordinariate sich erfreut, entblödete sich nicht, 1871 „das Jahr der Schmach“ zu nennen. Ja wohl: Schmach und Schande über diese Buben und die ganze Bande, die im Bunde mit den Romanen am deutschen Vaterlande Treulosigkeit verüben, auch besserdenkende Katholiken als vaterlandslos in Verdacht bringen, und den Klerus nie enden wollende Verfolgungen zuziehen.

Ich habe eben die Papiers des Tuilleries, publiés par Robert Halt zu Handen, worin pag. 18 ein Brief von Curtis an den Kaiser vom 21. Mai 1868 die Käuflichkeit gewisser rheinischer Zeitschriften erörtert und den Preis bestimmt, nämlich für das Mainzer Journal 5000 Fr., für ein in Speier zu gründendes 3000 bis 4000 Fr., Journal von Coblenz 4000 Fr., Rheinische Zeitung in Köln 5000 Fr., Echo der Gegenwart in Aachen 5000 Fr., so daß mit circa 23,000 Fr. zahlbar in Trimestern, diese Blätter erkauft wären, „ohne das Aufsehen der preußischen Regierung zu erregen.

Halten wir dieß noch so gerne für die falsche Spekulation eines wohldienerischen Schwindlers der französischen Regierung, so ist doch beschämend genug, daß das Ausland gerade auf die infallibilistische Skandalpresse seine Rechnung baut. Jeder Blick in die Civiltà und Genfer Correspondenz zegt, daß es sich um ein eigentlich französisch=italienisches Nationaldogma handelt, und da soll ein deutscher Mann glauben! Es sind fremde politische Motive, Haß gegen das Reich, welche in’s politische Gebiet hinüberspielen, nicht religiöse Ueberzeugung. Was will man zu dieser bestechlichen Presse sagen, die aus Parteiwuth jeden ehrlichen Mann verketzert, dagegen jedem Schwindel das Wort redet, bis es zum Bankbruche kömmt und die katholische Sache heillos compromittirt und discreditirt ist. Das nenne ich das Volk verführen!

Glaubt denn Jemand, diesen rasenden Journalisten sei es mit der Vertheidigung der Unfehlbarkeit gläubiger Ernst? Was der berühmte Oratorianer P. Gratxy (ebenfalls ein Gegner Renan’s) den Urhebern des neuen Glaubensartikels zurief: „Gott bedarf euer Lügen nicht!“ gilt auch den Verbreitern desselben. Es geht doch nicht mit rechten Dingen zu, wenn der Inhaber eines renommirt katholischen Blattes, das jetzt ganz fanatisch für den Vatikanischen Beschluß eifert, kurz vorher dasselbe den „Altkatholiken“ für eine Leibrente von 20 bis 30,000 fl. antrug. Was sagt man erst in Blätter von entgegengesetzter Richtung geschrieben, unter Freunden unverhohlen erklärt: „Ich bin nicht schwarz, sondern nur mein Blatt!“ Dabei sammelt er eifrig für den Papst und läßt sich in den Motto’s als Vorfechter in Sachen der Kirche preisen. Ein Dritter entschuldigt, er schreibe ja diese zelotischen Artikel nicht selbst! – Aber wer die falsche Münze erkennt und un Cirkulation bringt, auch wenn er sie nicht selber geprägt oder gegossen hat, ist eben auch ein Betrüger. In der That werden gewisse Journale meist von leidenschaftlichen Abonnenten geschrieben, die sofort das Abonnement künden, wenn man ihre Correspondenzen unterdrücke. Das nenne man mir gesunde katholische Zustände. Solche Blätter bringen nur den Euter von den Geschwüren am Körper des Staates und der Kirche zum Ausdrucke. Es war mir jedesmal, als gelte es vor Scham in die Erde zu versinken, so oft derlei Fascioletti auf der Tribüne des deutschen Parlaments ausgebreitet wurden, um daraus zum abschreckenden Exempel die Krankheit der bayerischen Presse und des darin vertretenen Klerus abnehmen zu lassen. Ich habe darauf nur Eine Antwort: „es gibt in allen Ländern Blätter, die nicht bloß den Papierstoff nach von Lumpen herrühren!“ Nicht zu reden von der Schande ist der Schaden unberechenbar, den diese pestinficirten, undeutschen und einzig mit deutschen Lettern eingeschwärzten Papierfetzen gerade in Bayern verursachen. Begreiflich werden die Widersacher der Unfehlbarkeit in dieser Presse auf das Lügenhafteste behandelt. Doch Geduld! Vielleicht wird auch mir eine spätere Zeit Gerechtigkeit widerfahren lassen für all die Unbill, die ich für die offene Vertretung der reinen historischen Wahrheit jetzt dulden muß.